Der Philosoph Peter Sloterdijk hat eine ganz eigene Sicht auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Putin erinnert ihn an Lenin. Und der aktuelle Konflikt lässt ihn nach Afrika schauen.
Der Philosoph Peter Sloterdijk im Rahmen eines Interviews mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA.
Der Philosoph Peter Sloterdijk im Rahmen eines Interviews mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA. - Roland Schlager/APA/dpa

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Philosoph Peter Sloterdijk (74) wirbt für ein anderes Verständnis des Krieges in der Ukraine.

Es handle sich um eine Art «Entkolonialisierungskrise», sagte der Autor dem Portal «The Pioneer» in einem Podcast mit Gabor Steingart.

«Wir haben in Osteuropa nach dem Zerfall der Sowjetunion immer geglaubt, wir hätten bloss die Zersetzung eines ideologischen Konstrukts erlebt. In Wahrheit haben wir die Zersetzung eines Imperiums gesehen. Man muss nach Afrika schauen, um zu sehen, was da geschehen ist.»

Vergleichbar sei das in etwa mit den Geschehnissen der Entkolonialisierungskriege der Westeuropäer etwa auf afrikanischem Boden oder in Vietnam, führte Sloterdijk («Kritik der zynischen Vernunft», «Wer noch kein Grau gedacht hat: Eine Farbenlehre») aus.

Strukturelle Ähnlichkeiten

Der Algerienkrieg sei dem Ukrainekonflikt strukturell ähnlich, meinte Sloterdijk. «Denn damals wollten sehr viele Algerier-Franzosen nicht in einem selbstständigen Staat Algerien leben, sondern die Bindung an das Mutterland aufrechterhalten. Das sind Figuren, die analog zu den pro-russischen Kämpfern in Luhansk und im Donbass seit einem Jahrzehnt ihre Position einnehmen. Nur ist halt leider Putin kein de Gaulle. Der hat irgendwann verstanden, dass er die Algerier von der Leine lassen muss und dass er den Ärger mit den Franzosen von dort durchstehen muss. Das hat Frankreich jahrelang destabilisiert, aber es war unumgänglich.»

Sloterdijk sieht beim russischen Präsidenten Wladimir Putin (69) ausserdem den Geist des russischen Revolutionärs und Politikers Lenin nachwirken. «In Putin steckt die leninistische Idee, dass es in der russischen Revolution keinen Thermidor geben darf, das heisst keine bürgerliche Gegenrevolution», sagte Sloterdijk. «Das war Lenins grosse Intuition, als er dozierte: Wir brauchen die Partei als Kopf der Gesellschaft, als kollektives Intelligenzorgan, aber wir brauchen neben der Partei einen schlagkräftigen Geheimdienst. Und die eigentliche Schöpfung, die aus der sogenannten Russischen Revolution hervorgegangen ist, ist die Gleichsetzung eines geheimdienstlichen Unternehmens, eines Komplotts mit dem ganzen Staatswesen.» Es gehe deshalb immer darum, «gefährliche Dissidenten zu eliminieren, mit beliebigen Mitteln».

Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine begann vor drei Monaten. Die ukrainische Regierung befürchtet, dass Russland sich die Regionen Luhansk, Donezk und Cherson nach dem Vorbild der 2014 annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim einverleiben könnte. Die Volksrepubliken Luhansk und Donezk hatte Putin bereits gegen heftige internationale Kritik als unabhängige Staaten anerkannt. Russland begründet seine militärischen Invasionen unter anderem damit, seine Bürger oder Neubürger im Ausland schützen zu wollen.

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