Neues Einbahn-System am Bahnhof Bern spaltet Pendler

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Bern,

Pendler müssen am Bahnhof Bern neu auf der rechten Spur bleiben. Die Meinungen dazu gehen auseinander. Die SBB spricht von einem Kompromiss.

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Seit Anfang März herrscht im Bahnhof Bern Einbahn-Verkehr für Pendler. Nau.ch hat sich umgehört. - Nau.ch/Riccardo Schmidlin

Das Wichtigste in Kürze

  • Für Pendler im Bahnhof Bern herrscht neu Einbahn-Verkehr.
  • Bauarbeiten für eine neue Glasfront führen zu Einschränkungen.
  • Nau.ch hat sich bei Pendlerinnen und Pendler umgehört.

Es funktioniere «wie auf der Autobahn», erklärt SBB-Sprecherin Mara Zenhäusern. Seit dem 2. März lenkt der Bahnhof Bern die Pendlerinnen und Pendler zwischen der Eingangshalle und den Gleisen im Einbahnverkehr.

Konkret heisst das: Alle müssen auf der rechten Seite gehen.

Der Grund dafür liegt in den Bauarbeiten im Bahnhof Bern. Direkt neben Gleis 1 entsteht eine neue Glasfront, die künftig mehr Licht in den zweitgrössten Bahnhof der Schweiz bringen soll.

Damit die Arbeiten vorankommen, richtet die SBB eine sogenannte Bauinsel mit Schutzgerüst ein: Oben laufen die Bauarbeiten ungestört, unten passieren die Pendlerinnen und Pendler weiterhin. Wegen des knappen Platzes jedoch nur noch im Einbahn-System.

Security sorgt im Dichtestress für Ordnung

Grosse Pfeile weisen den Weg. In der Rushhour sorgen im Dichtestress zudem Security-Angestellte dafür, dass alle in die richtige Richtung gehen.

Die Bauarbeiten für die neue Glasfront dauern rund zweieinhalb Jahre.

«Im Moment muss man noch einen Kompromiss eingehen. Am Schluss steht dann aber ein neuer Bahnhof mit mehr Platz und mehr Licht», sagt die SBB-Sprecherin im Nau.ch-Interview.

Wie die Pendlerinnen und Pendler das neue System erleben, zeigt eine Nau.ch-Umfrage: Die Meinungen gehen auseinander. Um den öffentlichen Verkehr nicht zu beeinträchtigen, erlaubt die SBB die Dreharbeiten nur ausserhalb der Stosszeiten.

«Mühsam», «besser»: Pendler sind sich uneins

Jessica (37) findet das Einbahn-System «einleuchtend». Nur jene, die nicht regelmässig im Bahnhof unterwegs seien, würden sich nicht daran halten, beobachtet sie.

Die Pendlerin sagt: «Man ist mit dem neuen System sogar schneller, weil alle in die gleiche Richtung gehen.» Sie würde es daher begrüssen, wenn man das auch nach den Bauarbeiten beibehält – zumindest abschnittsweise.

Wie findest du die neue Pendler-Autobahn am Bahnhof Bern?

Weniger Verständnis zeigt Gabriel (19). «Es ist schon ein bisschen mühsam», sagt er. «Es gibt so mehr Stau

Ursula (81), die nicht aus Bern stammt, findet das neue System «nicht eindeutig». «Es ist eine Herausforderung, wenn man sich nicht auskennt und nur die Pfeile sieht. Man weiss nicht, wohin es geht – es ist auch nicht angeschrieben», bemängelt sie.

Auch ihre Begleitung Jacqueline (81) sagt, sie sei «perdue» (Französisch für «verloren»).

Rentnerin muss nicht mehr ellbögeln

Ganz anders beurteilt Anne (Alter geheim) die Situation: Die Rentnerin findet das Einbahn-System «viel besser». «Es ist flüssiger, wenn alle in die gleiche Richtung gehen.»

Vorher habe «Chaos» geherrscht. «Man musste ziemlich ellbögeln», schildert sie.

Ein Augenschein vor Ort zeigt: Nur einzelne halten sich nicht an das Einbahn-System. Das bestätigt auch die SBB.

Bereits im Vorfeld erhielt Nau.ch Zuschriften von Leserinnen und Lesern, die sich ebenfalls gespalten zur Situation äusserten.

Leser verpasst Zug wegen Einbahnsystem

So berichtet Leser Jan P.* (26): «In der Rushhour wird es ziemlich eng. Wenn man es eilig hat, kommt man nicht an den Leuten durch. Ich habe deswegen auch schon einen Zug verpasst.»

SBB-Sprecherin Mara Zenhäusern sagt hingegen: «Wir haben keine negativen Rückmeldungen erhalten.»

Klar sei aber auch: «Natürlich ist immer so, dass wenn etwas neu installiert ist, sich die Leute erst einmal daran gewöhnen müssen. Sie machen es aber sehr gut und darüber sind wir auch sehr dankbar.»

Die SBB verspricht, den Einbahn-Verkehr nach Abschluss der Bauarbeiten wieder aufzuheben.

Nicht der erste Anlauf am Bahnhof Bern

Es ist nicht der erste Anlauf für einen Einbahn-Verkehr am Bahnhof Bern. Bereits im November wiesen Security-Mitarbeiter in der Rushhour den Weg. Eine Signalisation fehlte aber.

Und: 2016 – noch vor den Bauarbeiten – hatte die SBB dicke gelbe Pfeile an Unterführungs-Boden und Decke gemalt. «Staufrei durch den Bahnhof», nannte die SBB das Projekt, das sich anders als heute über den ganzen Gleisbereich erstreckte.

Doch nur zwei Jahre später wurden die gelben Pfeile wieder entfernt. Grund: Sie waren schmutzig, abgenutzt und haben nicht gewirkt.

bahnhof bern
Die wegweisenden Pfeile im Bahnhof Bern sind nach zwei Jahren wieder verschwunden. - SBB

Die jetzigen Pfeile sollen die Pendler nun bis zum Abschluss der Arbeiten an der Bauinsel bleiben. Wegen der engen Platzverhältnisse geht es nicht anders.

Einschränkungen werden kleiner

Für die SBB bleibt Bauen während des laufenden ÖV-Betriebs eine Herausforderung. Die Alternative zum Einbahn-System wäre eine Totalsperre gewesen, sagt Mara Zenhäusern.

Doch: Bereits Ende 2026 oder spätestens Anfang nächstes Jahr sollen die Einschränkungen kleiner werden. Auch, wenn die Arbeiten an der Bauinsel noch länger dauern.

Ausbau des Bahnhofs Bern verzögert sich – und wird teurer

Ursprünglich hätte der neue Bahnhof Bern bis 2029 fertig sein sollen. Im vergangenen Dezember gab die SBB jedoch bekannt, dass sich die Fertigstellung der Grossbaustelle um zwei Jahre bis 2031 verzögert.

Freust du dich schon auf den neuen Bahnhof Bern?

Grund dafür sind unerwartete Bauhürden wie statische Probleme, lückenhafte Pläne und gefundene Schadstoffe. Die Mehrkosten betragen zwischen 200 und 250 Millionen Franken.

2022 hatte die SBB die Gesamtkosten für den neuen Bahnhof Bern noch auf 1,2 Milliarden Franken budgetiert.

* Name der Redaktion bekannt.

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Kommentare

User #1803 (nicht angemeldet)

Spaltung eines Einbahnsytems? Dann doch eher einen 3. Weltkrieg.

User #7347 (nicht angemeldet)

Für über 200 Millionen CHF mehr könnte man den Fussboden im HB Bern bestimmt vergolden. Hehehe. LOL.

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