Ken Follett, der Meister des historischen Romans, kann auch anders - zurück in die Gegenwart, erschreckend realistisch, erschreckend brutal.
Keine Kathedrale, sondern die ganze Welt: Ken Follett. Foto: picture alliance / Arne Dedert/dpa
Keine Kathedrale, sondern die ganze Welt: Ken Follett. Foto: picture alliance / Arne Dedert/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Er ist ein Meister darin, sich selbst neu zu erfinden.

Der britische Bestsellerautor Ken Follett, seit Jahren Experte für - fiktive - historische Geschichten, kehrt zum Thriller zurück.

Und schreibt erstmals seit 16 Jahren ein Buch, das in der Gegenwart angesiedelt ist, einer bedrückenden Gegenwart, realistisch und hart - nicht weit entfernt von unserer Realität. Es geht, und darin ist das Buch wohl jedem erschreckend vertraut, um einen Konflikt zwischen Grossmächten, der in einen fast unvermeidlichen Krieg zu münden droht, es geht um Atomwaffen und Zerstörung. Und um die Erkenntnis des Schriftstellers, dass schon der Erste Weltkrieg wohl nur ein «tragischer Unfall» war. Die Frage ist: Kann so etwas wieder passieren?

Genau diese Frage stellt sich Follett in seinem ganz knappen Vorwort, das den Ton von «Never - Die letzte Entscheidung» vorgibt. Darin heisst es: «Bei meinen Recherchen für 'Sturz der Titanen' stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass niemand den Ersten Weltkrieg gewollt hat.» Keiner der europäischen Staatenlenker habe sich einen solchen Konflikt gewünscht, trotzdem hätten sie «logische, moderate, nachvollziehbare Entscheidungen» getroffen. Jede davon habe einen kleinen Schritt näher zum «furchtbarsten Konflikt» geführt, den die Welt je erlebt habe.

Seinem Welterfolg, dem historischen Roman «Die Säulen der Erde», merkt man mehr als deutlich an, dass der Autor von Kathedralen fasziniert ist. In seinem neuen Werk, wieder immerhin fast 880 Seiten lang, geht es um seine Skepsis, seine Sorge - seinen Pessimismus.

Erst im September 2020 sagte er der Deutschen Presse-Agentur, er sei besorgt über die Zukunft: «Das, was bislang immer als klare Regeln galt, wird mehr und mehr infrage gestellt. Und denken Sie an den Klimawandel, wo wir momentan komplett versagen und eine Menge Zeit verschwenden. Eigentlich bin ich ein Optimist. Aber momentan nicht, wenn ich an die Zukunft unseres Planeten denke.»

Wie diese Zukunft aussehen könnte, beschreibt er in «Never», durchweg fiktiv, mit fiktiven Figuren und Charakteren, aber in jeder Wendung und Wirrung, in allen Verstrickungen brutal realistisch. Und realistisch brutal. Es ist das alte Problem, das nach einer Antwort verlangt, die zu geben sich wegen der zerstörerischen Folgen niemand traut: Was wäre, wenn sich die Geschichte wiederholt? Realistischer war Follett wohl nie.

Denn in «Never» steht die Welt am Abgrund, was sich aber erst nach und nach zeigt. Exemplarisch macht der Autor an verschiedenen Stellen der Welt klar, was schiefläuft: Geheimdienstagenten folgen in der Sahara der Spur von Drogenschmugglern - und finden Terroristen sowie Waffen aus China und Nordkorea. Sie riskieren ihr Leben, um die Terror-Camps aufzuspüren und zu zerstören.

Gleichzeitig macht sich eine junge Witwe mit Hilfe von Schleusern auf den Weg nach Europa. In China kämpft derweil ein hoher Regierungsbeamter gegen kommunistische Hardliner. Er befürchtet, dass die Kriegstreiberei seiner Widersacher das Land auf einen gefährlichen Weg führt.

Die USA haben ihre erste Präsidentin, Pauline Green, die ihre Präsidentschaftswahl «als Gegenreaktion zu Inkompetenz und Rassismus gewonnen» habe - das weckt Erinnerungen an die Ära Trump. Nach einem Besuch in einem Atombunker sagt sie, dass sie versagt haben werde, wenn sie jemals in diesen Bunker zurückkehre. Sie will alles tun, um zu verhindern, dass die USA in einen unnötigen Krieg eintreten müssen. Doch was, wenn alle Diplomatie nicht mehr ausreicht, wenn ein Schritt scheinbar unausweichlich dem nächsten folgt und aus Gewalt immer wieder nur neue Gewalt erwächst?

In den 1980er Jahren war die Angst vor einem Atomkrieg für die meisten Menschen allgegenwärtig. Follett erweckt die angstvollen Gefühle von damals zu neuem, bedrückenden Leben - auf seine ganz spezielle Weise. Sicher, die Sprache ist schlicht und einfach, aber es ist brillant, wie er die unzähligen Handlungsfäden unbeirrbar in der Hand behält. Auch verleiht er den Figuren Leben, wenn etwa die US-Präsidentin sich darum sorgt, ob sie ihrer Tochter genug Aufmerksamkeit schenkt.

Und doch scheint es, als habe sich Follett etwas viel vorgenommen, als er gleichsam die ganze Welt in den Blick nimmt. Denn manche Passage wirkt im Vergleich mit anderen etwas blutleer.

Meist aber ist es spannend und atemberaubend, was der Autor an Ereignissen sich entwickeln lässt - und verstörend in seinem Realismus. Beantwortet er die Frage: Was wäre wenn? Die Antwort fällt eindeutig aus.

Ken Follett: Never - Die letzte Entscheidung. Bastei Lübbe, Köln, 876 Seiten, EUR 32,00, ISBN: 978-3-7857-2777-5

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