St. Gallen: Digitales Tool soll Depressionen bei Männern früher erkennen
Ein Forschungsteam der OST in St. Gallen entwickelt ein Screening-Tool für Hausarztpraxen. Es soll Männern helfen, psychische Belastungen anzusprechen.

Männer sprechen oft erst spät über psychische Probleme und nehmen seltener professionelle Hilfe in Anspruch. Das Forschungsprojekt «Beyond the Barriers» der OST – Ostschweizer Fachhochschule untersucht die Gründe und entwickelt gemeinsam mit Betroffenen und Fachpersonen ein digitales Screening-Tool für Hausarztpraxen.
«Ich bin verstummt. Der Boden unter meinen Füssen war weg. Da war einfach nur Leere.» Mario S. war 42 Jahre alt, beruflich erfolgreich und auf der Überholspur, als sein Leben plötzlich stillstand. «Warnzeichen habe ich nicht gesehen. Oder ich habe sie übersehen.» Die Diagnose lautete Depression.
Es folgte der erste von vier Aufenthalten in einer psychiatrischen Klinik.
Heute ist Mario S. 64 Jahre alt. Seinen Beruf in der Informatik hat er aufgegeben.
Als «Genesungsbegleiter aus Erfahrung» unterstützt er heute andere Männer. «Ich höre ihnen zu, gebe Anregungen und versuche, wieder Licht in ihr Leben zu bringen. Weil ich von meinen Erfahrungen erzählen kann, entsteht eine besondere Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Wir begegnen uns so auf Augenhöhe.»
Tabuthema Depression
Männer und Depressionen sind noch immer ein Tabuthema. «Männer nehmen bei psychischen Belastungen deutlich seltener professionelle Hilfe in Anspruch», erklärt Bastian Berghändler, Doktorand am Kompetenzzentrum Psychische Gesundheit (CCMH) der OST – Ostschweizer Fachhochschule. Zudem können sich psychische Probleme bei Männern anders zeigen, etwa durch Gereiztheit, Aggression, riskantes Verhalten oder erhöhten Alkohol- und Substanzkonsum.
«Solche Anzeichen werden oft nicht als Ausdruck einer psychischen Belastung erkannt.»
Mario S. kennt diese Entwicklung. In schwierigen Phasen nutzt er heute Psychopharmaka. Heute blickt er anders auf seine Erkrankung: «Die Depression war ein Stoppschild. Sie zwang mich, innezuhalten und meinem Leben eine neue Richtung zu geben.»
Unterstützung in der Hausarztpraxis
Mit «Beyond the Barriers» entwickelt ein interdisziplinäres Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Shauna Rohner ein gendersensibles digitales Screening-Tool. Hausärztinnen und Hausärzte spielen dabei eine wichtige Rolle: Für viele Männer sind sie die erste und manchmal einzige Anlaufstelle im Gesundheitswesen. «Das Tool soll psychische Belastungen früh erkennen, eine verständliche Rückmeldung geben und das Gespräch über die Belastungen erleichtern, sei dies im privaten Umfeld oder auch in der Hausarztpraxis», sagt Berghändler.
Geplant ist eine kurze, leicht zugängliche Anwendung, die sich in den Praxisalltag integrieren lässt. Sie soll Männer dabei unterstützen, ihre Beschwerden einzuordnen und mögliche Probleme anzusprechen. Betroffene und Fachpersonen wirken an der Entwicklung mit. Auch Mario S. bringt seine Erfahrungen ein.
Das Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds im Nationalen Forschungsprogramm 83 «Gender Medicine and Health» gefördert. «Traditionelle Rollenbilder erschweren es vielen Männern, über seelische Probleme zu sprechen oder Hilfe anzunehmen», erklärt Berghändler. Mario S. ergänzt: «Die Erwartung, immer stark, erfolgreich und unerschütterlich zu sein, erzeugt enormen Druck. Viele Männer empfinden psychische Probleme als persönliches Versagen oder Schwäche.»
Rollenbilder beeinflussen die Hilfesuche
Eine Grundlage des Projekts bildet eine Onlinebefragung von 525 Erwachsenen aus der Deutschschweiz, darunter 246 Männer und 279 Frauen. Darin berichten Männer häufiger als Frauen, bislang noch nie professionelle Unterstützung für ihre psychischen oder emotionalen Probleme gesucht zu haben. Keine Hilfe suchen zu wollen hängt laut der Befragung vor allem vom psychischen Wohlbefinden und traditionellen Männlichkeitsnormen ab.
Das heisst, wenn es einem psychisch nicht gut geht und man sich stark an traditionellen Männlichkeitsnormen wie Unabhängigkeit oder Stoizismus orientiert, hat man auch eher keine Motivation, sich Unterstützung zu suchen.
Bei Männern spielten zudem die Selbststigmatisierung (bedeutet: Selbstentwertung und Selbstverurteilung) und das Verleugnen eigener Beschwerden als mögliche psychische Erkrankung eine stärkere Rolle. Bei Frauen war die wahrgenommene Selbstwirksamkeit bedeutsamer. Unterstützungsangebote müssen deshalb neben dem Geschlecht auch Rollenbilder, Wohlbefinden und Stigmatisierung berücksichtigen.
In ausführlichen Interviews mit zwölf Männern identifizierte das Forschungsteam weitere Hindernisse: traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit, eine geringe Wahrnehmung eigener Probleme und Schwierigkeiten, über Belastungen zu sprechen. Als hilfreich nannten die Befragten eine vertrauensvolle Beziehung zu medizinischen Fachpersonen, mehr Wissen über psychische Gesundheit und niederschwellige Angebote.
Für das digitale Tool wünschen sie sich eine kurze, verständliche Anwendung mit konkreten Hinweisen auf passende Hilfsangebote. Weiter soll das Tool anonym sein und neben der Einschätzung, wie es um die eigene psychische Gesundheit steht, auch die Erfahrung anderer Männer zeigen, um das Stigma um Belastung und Hilfesuche zu reduzieren. Diese Erkenntnisse fliessen nun in die Entwicklung des Tools ein.
Anschliessend wird es gemeinsam mit Männern sowie Hausärztinnen und Hausärzten getestet und später im Praxisalltag erprobt.












