Bern: 10'500 Schweine getötet – Tierrechtler verlangen Akteneinsicht
Nach dem Ausbruch einer Lungenseuche verlangt die Berner Organisation Tier im Fokus Einsicht in die Akten von Bund und den Kantonen Bern, Luzern und Solothurn.

Im September brach in einem Schweinering eine ansteckende Lungenkrankheit aus. Rund 10'500 Schweine wurden getötet, ganze Betriebe geräumt. Tier im Fokus (TIF) verlangt deshalb beim Bund und in den Kantonen Bern, Luzern und Solothurn Einsicht in die Akten.
Die Krankheit heisst Enzootische Pneumonie (EP). In Schweineringen teilen sich mehrere Höfe die Ferkelproduktion und fahren die Tiere hin und her. Die Behörden sperrten 20 Zucht- und 40 Mastbetriebe, schweizweit wurden rund 10'500 Schweine geschlachtet oder getötet.
Am 7. Oktober hat Tier im Fokus (TIF) deshalb vier Gesuche eingereicht: beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) und bei den Veterinärbehörden der Kantone Bern, Luzern und Solothurn. Sie umfassen 52 Punkte, von den Räumungsverfügungen bis zu den Exportpapieren. Grundlage ist das Öffentlichkeitsprinzip: Alle haben das Recht, amtliche Dokumente einzusehen, soweit keine Geheimhaltungsgründe dagegen sprechen.
Beim Bund regelt das das Öffentlichkeitsgesetz, in den Kantonen gelten eigene Gesetze.
Im Zentrum steht die Frage, warum ganze Betriebe geräumt wurden. Die Tierseuchenverordnung sieht bei Zuchtbetrieben zuerst eine Teilsanierung vor: Die älteren Tiere bleiben im Stall und werden behandelt. Die Schlachtung aller Tiere kann der Kanton anordnen, wenn benachbarte Bestände ansteckungsgefährdet sind.
Grundsätzlich liesse sie sich mit Medikamenten bekämpfen, sagte der Geschäftsführer des Schweineproduzentenverbands Suisseporcs gegenüber SRF. Die Totalsanierung habe man «zusammen mit dem Bund» entschieden. Schon 2012 hatte die Schweinebranche vorgeschlagen, bei EP «grundsätzlich nur noch Totalsanierungen» durchzuführen. Der Bundesrat folgte dem damals nicht.
«Wenn über 10'000 Tiere sterben, hat die Öffentlichkeit ein Recht zu erfahren, wie es dazu kam», sagt Tobias Sennhauser, Mediensprecher von Tier im Fokus (TIF). «Die Branche hat bei diesem Entscheid mitgeredet. Darum wollen wir sehen, was in den Akten steht.»
Vieles ist bis heute nirgends veröffentlicht. Im Kanton Bern wurden 34 hochträchtige Mutterschweine eingeschläfert. Was mit ihren Föten geschah, ist nicht bekannt.
Auch wie die Tiere getötet wurden, haben die Behörden nicht offengelegt. Offen ist zudem, wie viel Geld geflossen ist: Lässt der Staat Tiere töten, um eine Seuche einzudämmen, entschädigen die Kantone die Betriebe mit 60 bis 90 Prozent des geschätzten Werts der Tiere. Die Summe für diesen Ausbruch ist nicht bekannt.
Aus zwei geräumten Solothurner Betrieben wurden laut Kanton rund 1'200 Jungtiere lebend exportiert – wohin und zu welchem Zweck, schreibt er nicht. Während in der Schweiz rund 60 Betriebe gesperrt waren, um die Seuche einzudämmen, gingen diese Tiere ins Ausland. Ob sie die Krankheit in die Zielbetriebe tragen könnten, ist offen.
Die Gesuche verlangen dazu die Gesundheitszeugnisse und den Seuchenstatus der Herkunftsbetriebe.
Die Gesuche fragen zudem, ob auf gesperrten Betrieben Kontrollen ausgesetzt wurden, wie es der Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband verlangt hatte. Neu ist das Risiko nicht: Schon 2004 stellten Fachleute des Bundes fest, dass Betriebe in Schweineringen rund viermal häufiger von EP betroffen waren. Wie viele Schweineringe es heute gibt, weiss das BLV nicht: Sie müssen nicht amtlich registriert werden, schreibt das Amt in seiner Antwort vom 28. Oktober.
Die Akten gibt das Bundesamt vorerst nicht heraus, weil die Bekämpfung der Seuche noch nicht abgeschlossen sei. Aus den Kantonen liegen noch keine Akten vor. Tier im Fokus (TIF) wird sie auswerten, sobald sie eintreffen, und die Ergebnisse veröffentlichen.






