Brasilien wählt - und entscheidet indirekt über den Mercosur-Deal
Kehrt 2027 ein Bolsonaro an die Macht zurück? Das entscheidet sich am Sonntag in einer Stichwahl. Für die Schweiz steht dabei mehr auf dem Spiel als Politik: Brasilien ist ihr wichtigster Exportmarkt in Lateinamerika.

Flávio Bolsonaro, der älteste Sohn des wegen eines Putschversuches verurteilten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, liegt in den Umfragen knapp vor Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva. Ein Sieg Bolsonaros könnte Brasiliens Handelspolitik verändern – mit möglichen Folgen für das Freihandelsabkommen mit der südamerikanischen Zollunion Mercosur.
Brasilien ist der wichtigste Absatzmarkt für Schweizer Warenexporte in Lateinamerika und zugleich ein bedeutender Investitionsstandort. Gemäss dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) exportierte die Schweiz 2024 Waren im Wert von rund 3,13 Milliarden Franken nach Brasilien.
Exportiert wurden vor allem Pharmazeutika, Chemikalien, Maschinen und Präzisionsinstrumente. In die Gegenrichtung flossen Güter für knapp 1,64 Milliarden Franken, hauptsächlich Edelmetalle und Agrarprodukte.
Gleichzeitig ist die Schweiz laut dem EDA der drittgrösste Investor in dem Land. Schweizer Unternehmen hielten Ende 2024 Direktinvestitionen von 15,4 Milliarden Franken in Brasilien und beschäftigten dort 93'508 Personen. Schweizer Unternehmen sind also nicht nur über den Warenhandel exponiert, sondern auch mit eigenen Produktionsstätten, Vertriebsnetzen und Arbeitsplätzen.
Wie es mit dem Handel weitergeht, hängt auch von Bern ab. Das im September 2025 unterzeichnete Freihandelsabkommen der EFTA mit den Mercosur-Staaten sieht vor, dass 96 Prozent der Schweizer Exporte in die Region zollfrei werden.
Nachdem der Nationalrat das Abkommen im Juni zunächst abgelehnt hatte, stimmten beide Kammern im September einem Kompromiss zu. Dieser sieht 517 Millionen Franken zur Abfederung der Folgen für die Landwirtschaft über sechs Jahre vor. Das letzte Wort dürfte das Volk haben.
Brasilien hat das Abkommen bereits ratifiziert; es gilt seit Anfang Oktober im Verhältnis zu Island. Für die Schweiz steht das Inkrafttreten noch aus.
Brasilien ist neben Argentinien, Paraguay und Uruguay Gründungsmitglied des Mercosur, der die Handelspolitik seiner Mitglieder gegenüber Drittstaaten koordiniert. Bolsonaro stellt jedoch den gesamten Mercosur-Rahmen infrage.
In einem Schreiben an die US-Handelsbehörde forderte er im Juli, Brasilien solle sich von den «Fesseln» des Wirtschaftsblocks lösen, um eigenständig Handelsabkommen mit den USA auszuhandeln. Denn Bolsonaro will Brasilien enger an die USA, Argentinien und Israel anbinden, zugleich aber den Handel mit China pflegen.
Damit könnte die Umsetzung des Abkommens auch über die Schweiz hinaus zum politischen Thema werden. Sollte Bolsonaro die gemeinsame Handelspolitik des Mercosur zugunsten bilateraler Abkommen mit den USA lockern wollen, könnte dies die Zusammenarbeit innerhalb des Staatenbundes erschweren.
Für die Schweiz wäre das Abkommen damit nicht unmittelbar infrage gestellt. Doch die Frage, wie verlässlich der Mercosur künftig als handelspolitischer Partner auftritt, würde an Bedeutung gewinnen – gerade weil Bern selbst noch um die innenpolitische Absicherung des Abkommens ringt.
Brasilien zählt zu den weltweit wichtigsten Rohstofflieferanten. Das Land ist laut US-Landwirtschaftsministerium (USDA) mit rund 42 Prozent der Weltproduktion grösster Sojaproduzent und mit rund 30 Prozent des Welthandels grösster Exporteur von Rindfleisch.
Zudem verfügt das Land über rund ein Viertel der weltweiten Reserven an Seltenen Erden, produziert davon aber bisher weniger als 1 Prozent der Weltmenge. Bei Niob, einem wichtigen Legierungsmetall für hochfesten Stahl, stammt hingegen der überwiegende Teil der Weltproduktion aus Brasilien.
Hauptabnehmer ist China: Im ersten Halbjahr 2026 gingen Waren im Wert von 58,3 Milliarden Dollar dorthin, ein Rekord. China nahm laut dem brasilianisch-chinesischen Wirtschaftsrat CEBC rund 70 Prozent der brasilianischen Soja- und knapp 69 Prozent der Eisenerzexporte ab.
Damit hängt Brasiliens Agrar- und Bergbausektor an der chinesischen Nachfrage. Bolsonaro bezeichnete China im Wahlkampf als wichtigsten Handelspartner. Wer immer in Brasília regiert, dürfte deshalb kaum ein Interesse an einem Bruch mit Peking haben, und umgekehrt gilt dasselbe.










