Stimme aus Berlin: Wenn selbst eine Wurst bessere Alternative ist
In Berlin flogen vor den Wahlen die Fetzen: Statt braver Parteiparolen dröhnten Techno-Bässe durch die Strassen und eine Bärchenwurst kandidierte fürs Rathaus.

Das Wichtigste in Kürze
- In Berlin wurde am Wochenende gewählt.
- Wer hier Stimmen holen wollte, überrollte die Wähler mit wummernden Bässen statt Flyern.
- Zwischen ernsten Parolen stiehlt eine Satirepartei mit Bärchenwurst die Show.
Mein Hund Merlin hatte gerade eine Delikatesse gewittert: Einen halbierten, offensichtlich schon seit drei Tagen fermentierenden Döner auf dem Trottoir. Während ich vollen Körpereinsatz leistete, um ihn vor einer akuten Magenvergiftung zu bewahren, bebte plötzlich der Asphalt.
Ein knallroter Doppeldeckerbus schepperte mit wummerndem Techno um die Ecke. Ich rechnete mit der üblichen Ladung feierwütiger Touristen. Doch auf der Flanke des Busses prangte in Riesenlettern: «Krach gegen Nazis». Das offizielle Wahlkampfmobil des SPD-Kandidaten Steffen Krach.
In Berlin herrschte Wahlkampf. Und wo Schweizer Politiker am Bahnhof verlegen Äpfel und Flyer verteilen, fährt man hier gleich mit dem rollenden Technoclub vor.
Ich bin hier in Berlin nicht wahlberechtigt. Trotzdem konnte ich mich dem Wahlsog nur schwer entziehen. Hunderte Gesichter starrten mich von den Plakaten an, während Merlin unten am Laternenpfahl sein Geschäft erledigte.
Dazu die üblichen Phrasen: bezahlbare Mieten, bessere Schulen, sichere Strassen. Eigentlich nicht viel anders als vor Wahlen in Bern?
Nicht ganz. Denn zwischen all den watteweichen Versprechen blitzte die Berliner Spezialdisziplin auf: einfach alles gnadenlos auf die Schippe zu nehmen.
Mit Bärchenwurst ins Rathaus
An einer Strassenlaterne lächelte eine SPD-Kandidatin staatstragend in die Kamera. Direkt darunter klebte das Konterfei einer Scheibe Schinkenwurst mit Bärchengesicht. Die Aufschrift: «Unsere Kandidatin».
Willkommen im Wahlkampf à la «Die PARTEI» – eine Truppe, die die Berliner Respektlosigkeit zur Kunstform erhoben hat und zuverlässig dorthin tritt, wo es der Politik wehtut.

Ein paar Strassen weiter das nächste Duell. Auf dem Trottoir mahnte die Kleinstpartei SGP todernst auf rotem Grund: «Zwei Weltkriege sind genug». Eine Laterne weiter die rotzfreche Antwort der Satiriker: «Kein Weltkrieg ohne Deutschland!»

Wieder eine Ecke weiter hing direkt unter Steffen Krachs strahlendem Bus-Grinsen das nächste Schild: «Weil es egal ist». Das heimliche Motto dieser Metropole, kurzerhand zur Wahlempfehlung erhoben.

Und während das Bündnis Sahra Wagenknecht forderte, Geld für Bildung statt Waffen einzusetzen, zeigte Die PARTEI daneben einen Knirps am Scharfschützengewehr: «Kinder stark machen!»

Was für eine Politsatire. Ich musste jedes Mal lachen. So viel Selbstironie geht nur in Berlin.
In einer Stadt, in der sonst so vieles schiefgeht – dreckige Strassen, überfüllte S-Bahnen, chronischer Behördenkollaps, unbezahlbare Mieten und dazu die grimmige Bedrohung von rechts –, ist dieser Galgenhumor schlicht Notwehr.
Und der einzige Weg, nicht kollektiv den Verstand zu verlieren.
Worte statt Taten
Zog die Bärchenwurst am Ende ins Rote Rathaus ein? Natürlich nicht. Berlin hat gewählt, und Elif Eralp von den Linken gibt künftig den Ton an.
Doch sobald der Siegesjubel verhallt, regiert auch im rotzigen Berlin wieder der bierernste Koalitionsalltag.
Ausser bei der «Partei». Deren Erfolgsrezept bleibt zeitlos: «Worte statt Taten. Wir haben verstanden, wie Politik funktioniert.» Ist in Bern ja eigentlich nicht viel anders...
















