Eine Vergewaltigung ist ein traumatisches Erlebnis. Wie geht man damit um? Cindy Kronenberg schreibt sechs Jahre nach der Tat an ihren Vergewaltiger.
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Demonstration in Melbourne. - AFP

Das Wichtigste in Kürze

  • Die «Betroffenengruppe» macht sich für eine Revision des Sexualstrafrechts stark.
  • Ein Mitglied der Gruppe hat sexuelle Gewalt erlebt und angezeigt.
  • In diesem Gastbeitrag addressiert Cindy Kronenberg ihren Vergewaltiger.

«Lieber» Vergewaltiger,

Fast sechs Jahre ist es jetzt her, seit du mich im Vögeligärtli in Luzern vergewaltigt hast. Bis heute wurdest du nicht gefunden und läufst frei herum. Auch ich laufe frei herum und glaub mir: Es geht mir gut. Ja, ich liebe mein Leben, doch an manchen Tagen geht’s mir richtig beschissen. Ich habe mir von dir meinen sexuellen Selbstwert durch deine Tat so klein machen lassen, dass ich an den schlechten Tagen die Hoffnung aufgebe, dass es jemals wird wie zuvor.

Denn ich weiss beispielsweise nie, ob ich getriggert werde oder nicht. Bei dem, was eigentlich Spass machen sollte. Getriggert, und erinnert an die Tat während des Blueballsfestivals. Bruchstücke davon weiss mein Bewusstsein noch, doch glaub mir, mein Körper und mein Unterbewusstsein haben sich alles gespeichert und reagieren – auch teilweise heute noch.

Transparenz Vögeligärtli
Ein feministisches Transparenz hängt beim Vögeligärtli in Luzern. - keystone

Nein, ich möchte kein Mitleid – ich möchte dich erreichen und die Menschen sensibilisieren zum Thema sexuelle Gewalt. Ich bin zwar dein Opfer, doch ich bin stark und du hast mich noch stärker gemacht. Erst nach zwei Jahren, war ich wirklich bereit eine Anzeige bei der Polizei zu machen.

Weisst du, wie oft ich bei meinem Umfeld auf Unverständnis gestossen bin, dass ich keine Anzeige machen möchte. Ich verstehe, dass die erste Reaktion ist: «Hast du eine Anzeige gemacht? – Warum nicht!?» – Doch sollte sie nicht eigentlich sein: «Danke für dein Vertrauen und deinen Mut mir das zu erzählen. Was möchtest du von mir? Wie kann ich dich unterstützen? Soll ich dir einfach nur zuhören, soll ich dich in den Arm nehmen, dich zur Polizei begleiten oder irgendwelche Nummern raussuchen? Ich bin für dich da, wenn du das möchtest. Und ich glaube dir.»

Denn diese Unterstützung kann helfen. Die Sache mit der Anzeige ist nämlich nicht so einfach … Ich musste sehr viele Fragen beantworten zu der Tat, zu deinem Aussehen, zu der Zeitlänge. Die meisten Fragen konnte ich nicht beantworten, weil mein Bewusstsein auf Blackout gestellt hat, als es passierte. Um diesen Machtmissbrauch irgendwie auszuhalten.

Es braucht einiges an Eigenstärke und Resilienz diese Verfahren durchzustehen. Ich bin der Meinung, es soll immer abgewogen werden: Ist diese Person, welche mir dies erzählt, physisch und psychisch bereit zu der Anzeige und allem drumherum.

Lange Zweifel über Geschehnisse

Weisst du, wie dumm ich mir vorgekommen bin, dass ich diese Fragen bei der Einvernahme teilweise nicht beantworten konnte. Wie ich das Unverständnis des Nicht-Wissens von der Polizistin geglaubt habe zu spüren. Wie ich selbst lange gezweifelt habe, ob das wirklich passiert ist. War es nicht bloss eine Affekt-Handlung? War ich nicht selbst Schuld an diesem «Unfall»? Bis heute kann ich die komplette Schuld nicht bloss dir geben.

Denn ich habe nicht geschrien und war nicht in der Lage mich zu wehren. –«Ja Cindy, warum hast du nicht geschrien? Warum hast du starke Frau dich nicht gewehrt?» Wie oft ich dies gehört habe – und schon ist die Schuld wieder bei mir.

Doch liebe Leute, ich konnte mich nicht wehren, mein Körper war in einem Lähmzustand. Er war erstarrt. Dies ist ein Schutzmechanismus des Körpers, dass er in einen Freeze-Zustand geht. Ich hatte keinen Notfallplan, zu dem was dort passiert ist, obwohl ich körperlich stark bin. Ich habe es versucht und dir gesagt, «Hör auf, ich will das nicht. Sonst beisse ich dich.»

Das wolltest du nicht hören und hast weitergemacht und zudem mit deinen Worten weiter deine Macht spielen lassen. Clever war das, was du mir geantwortet hast: «Ja, mach nur, beisse mich, ich stehe drauf.» Denn damit hast du mir komplett den Wind aus den Segeln genommen … Ja, und laut loszuschreien, kam mir nicht in den Sinn ...

sexuelle gewalt
Nach massivem Protest und dutzenden Missbrauchsvorwürfen von Studentinnen sagt die französische Elite-Hochschule Sciences Po nun sexueller Gewalt den Kampf an. (Symbolbild) - sda - KEYSTONE/LUIS BERG

Doch ganz ehrlich, wann habt ihr das letzte Mal komplett laut losgeschrien? Und dann noch dann, wenn du erstarrt bist? Ich kann mir vorstellen, dass das schon eine Weile her ist oder noch nie stattgefunden hat. Somit denke ich kann das auch nicht verlangt werden, in einer solchen Situation.

Ein Nein ist ein Nein

Nun ja, die Schuld an meinem Fehlverhalten kann ich mir nicht nehmen – doch ich hab’s mir verziehen. Und das ist gut so, denn heute weiss ich, dass eine solche Grenzüberschreitung nicht okay ist und nie meine Schuld. Im Übrigen war ich auch nicht aufreizend gekleidet oder komplett betrunken. Ich hatte zwei Gläser Wein und war flirty an dem Abend.

Doch ich weigere mich, dies als Mitschuld anzusehen. Denn egal welche Kleidung ich trage, egal wie betrunken oder flirty ich bin, das heisst noch lange nicht, dass ich will! Ein Nein ist ein NEIN. Egal zu welchem Zeitpunkt. Ich finde, das ist zu respektieren. Von jedem, egal ob Ehepartner, Freund, Kollege, Fremder, Verwandter, egal ob Mann oder Frau.

Weshalb ich der Meinung bin, dass nie die Schuld bei der betroffenen Person, sondern bei der Tatperson, gesucht werden soll. Denn ich möchte glauben, dass du mein Vergewaltiger, wenn du den Willen gehabt hättest, deine Lust oder deinen Drang beherrschen hättest können. Du nicht weiter zustossen, oder mir deine ekligen Worte an den Kopf hauen hättest müssen – auch wenn ich nicht schrie. Ich bin mir bewusst, dass die Grenzen von allen Geschlechtern nicht immer klar kommuniziert werden.

Doch ein NEIN ist ein NEIN und kein «Ach, tu doch nicht so, sei nicht so verklemmt, ich will dich so sehr». Sondern Nein! Eventuell kann man diskutieren miteinander: «Nein, dies mache ich nicht, aber dazu wäre ich bereit. Dies sind meine Grenzen.» Aber keine sexuelle Handlung, welche das Gegenüber nicht will, ist in Ordnung und das soll akzeptiert werden.

Unschuldsvermutung ist «nicht schlecht»

Zu dir zurück, bei unserem Rechtsystem herrscht ja die Unschuldsvermutung – was ich im Übrigen nicht nur schlecht finde. Diese Unschuldsvermutung erleichtert dir so einiges. Für mich als Betroffene jedoch war diese Unschuldsvermutung und die «kalte Juristensprache» nicht bloss einfach, sondern vielmehr auch mal eine Ohrfeige ins Gesicht, dass man mir nicht glaubt.

Dass dann aber auch noch die Kantonspolizei nach der Anzeige telefonisch angerufen hat, war absurd. Denn sie fragten mich einiges, auch ob ich den nicht wusste, dass meine Vergewaltigung bloss kurze Zeit vor jener in Emmenbrücke stattfand und ob ich denn keine Zusammenhänge gesehen hätte. Was ich nicht tat, ich glaube, dies warst nicht du. Um dann zu sagen, dass ich mitverantwortlich sei, dass andere Mädels vergewaltigt werden, weil ich die Anzeige erst zwei Jahre später gemacht habe und du so noch frei herumlaufen kannst.

Statue von Justizia
Statue von Justizia - AFP/Archiv

«Sag mal, geht’s noch. Gopferdammi, ich bin doch nicht verantwortlich, dass du oder andere Tatpersonen Menschen sexuell belästigen oder vergewaltigen.» NEIN, ich habe bloss auf mich geschaut, wann ich bereit war für den ganzen Prozess und die Einvernahme.

Wie gesagt, zuerst geht es meiner Meinung nach immer darum, ob die betroffene Person die Anzeige, Konfrontation und alles was darauf folgt, auch handeln kann. Aber es zeigt mir, wie unsere Gesellschaft sozialisiert ist, dass noch so viel an Sensibilisierung geschehen muss. Ich würde mir auch wünschen, dass nicht bloss dem Opfer Fragen gestellt werden würden. Warum ich getrunken habe, warum ich nicht geschrien oder mich gewert habe.

Sondern der Tatperson genauso Fragen gestellt werden, was sie denn gemacht hat, um das Einverständnis zu haben. Woran sie festgemacht hat, dass das Gegenüber das auch wollte.

Behandlung geht über Unfallversicherung

Spannend finde ich auch die Tatsache, dass, um die psychologischen Behandlungen zu bezahlen, dies in erster Linie über die Unfallversicherung finanziert wird, Vergewaltigung, ein Unfall. Was zudem bedeutet, dass man das Erlebte dem Arbeitgeber erzählen muss. Was ich jedoch finde, geht den nichts an. Denn es ist meine Intimsphäre, welche du verletzt hast.

Was mich auch öfters beschäftigt, ist, dass in der Schweiz jede achte Frau vergewaltigt wurde. 22 Prozent von 4500 der befragten Frauen der Schweiz haben ungewollte sexuelle Handlungen erlebt. Zwölf Prozent erlebten ungewollten Sex, was hochgerechnet der Anzahl Personen der Stadt Zürich entspricht. Weitere acht Prozent haben sexuellen Handlungen zugestimmt, da sie Angst vor den Konsequenzen hatten.

Zudem kenne ich Kinder, wie auch Männer, welche vergewaltigt wurden. Gemäss der Optimusstudie werden pro 10'000 Kinder in der Schweiz 19-31 sexuell missbraucht. Expertinnen schätzen, dass 20 bis 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen sexuelle Gewalt erleben. Männer können in der Schweiz im Übrigen nicht vergewaltigt werden laut unseren Gesetzen.

Da frage ich mich, warst das alles du? Oder wie kommen diese Zahlen zustande, wenn es nur Betroffene aber wenig Tatpersonen gibt? Im Übrigen, nur 50 Prozent der Betroffenen haben über den erlebten Vorfall mit jemandem gesprochen. Dies erlebe ich immer wieder, dass Menschen sagen: «Cindy, mir ist dasselbe passiert und ich hab es noch nie jemandem erzählt.»

Das Herzensprojekt «Vergewaltigt.ch»

Und da möchte ich ansetzen. Wir haben mein Herzensprojekt Vergewaltigt.ch gestartet. Als Erstes haben wir eine niederschwellige Webpage Vergewaltigt.ch mit Chatfunktion und ganz viel Informationen für Betroffene erstellt.

Damit Betroffene eine niederschwellige Wahl haben, sich zu melden und Unterstützung zu bekommen, sei es nur durch ein offenes, anonymes Chatohr. Zudem haben wir das Austauschcafé lanciert, damit man sich darüber austauschen kann und leider merkt, dass man nicht allein mit der Situation ist, auch bei uns nicht. Dies alles als ergänzendes Angebot zu den bereits bestehenden Angeboten der Opferhilfe.

Weiter sind wir daran, Präventionskonzepte zu sexueller Gewalt, Resilienz, Körper, Selbstliebe, Berührungen, Geheimnissen, diversen Beziehungsformen, … auszuarbeiten. Fokus dabei ist immer Respekt und was man tun kann, damit man nicht zur Tatperson wird. Was bedeutet, dass man Gewaltformen kennt und einordnen kann.

Vergewaltigt.ch
Die Website «vergewaltigt.ch» von Cindy Kronenberg. - Screenshot vergewaltigt.ch

Mit dem Ziel, dies den Schulen kostengünstig anbieten zu können. Damit Kinder sensibilisiert werden können. Zudem sind wir dran, uns als Betroffene aktiv für die Revision des Sexualstrafrechtes einzubringen. Dazu treffen wir durch Unterstützung von Amnesty International Schweiz Politikerinnen und versuchen all jenen eine Stimme zu geben, welche selbst nicht laut sein können.

Als Sozialarbeiterin biete ich selbst auch Schulungen zur Sensibilisierung und Handlungsanleitungen für Kinder- & Jugendarbeiterinnen an. Ideen, wo man weiter ansetzen könnte, habe ich genügend.

Sprecht über Erlebnisse!

Doch ich realisiere immer mehr, dass, um all die Projekte umsetzen zu können, es langfristig andere Fachpersonen braucht. Und dazu braucht es finanzielle Unterstützung. Gerne dürft ihr unsere Webpage besuchen oder uns unterstützen. Wir machen dies, damit möglichst wenige dies erleben müssen, was ich gerade geschildert habe oder die Hilfe kriegen, welche ich mir gewünscht hätte.

Wenn es euch überfordert oder irritiert, dass ich euch das so öffentlich erzähle, was mir passiert ist und ihr gerne darüber diskutieren oder mich ansprechen möchtet, sei dies wo auch immer, kommt einfach auf mich zu.

Und zu dir mein Vergewaltiger – falls du jemals diese Zeilen liest, dann möchte ich dir auch noch abschliessend sagen, du hast mich zwar zum Erstarren, Weinen und Verzweifeln gebracht, doch dadurch habe ich mich nochmals intensiver mit mir auseinandergesetzt, durfte mich noch besser kennen und lieben lernen, habe Zugang zu der Energie Liebe gefunden und komme noch stärker aus der ganzen Sache heraus als davor.

Ich habe durch die Auseinandersetzung für mich einiges im Leben dazugewonnen und durfte wunderbare Menschen kennenlernen. Was die Tat zwar nicht gerechtfertigt, doch ich möchte, dass du das weisst! Im Übrigen habe ich dir die Tat schon vor Jahren vergeben, doch ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass dies das einzige Mal war und je sein wird.

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