Stephanie Beutler wurde vor 17 Jahren Opfer von sexueller Gewalt. Nun kehrt sie mit Nau.ch an den Ort des Geschehens zurück.
Stephanie Beutler (38) wurde Opfer von einer Vergewaltigung. - Nau.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Vor 17 Jahren wird Stephanie Beutler in Burgdorf vergewaltigt.
  • Der maskierte Täter kam ungeschoren davon.
  • Der Fokus müsse neu vom Opfer auf den Täter geleitet werden, findet Stephanie Beutler.
  • Neu soll der Begriff «Ja heisst Ja» im Schweizer Sexualstrafrecht eingeführt werden.

«Es ist immer noch beklemmend», sagt Stephanie Beutler (38). Es ist ein regnerischer Tag in Burgdorf BE. Kein Wetter, um draussen Zeit zu verbringen. «Wir stehen hier genau an dem Ort, an welchem vor 17 Jahren ein Ereignis mein Leben geprägt hat», sagt Beutler. Die Kulturschaffende wurde im Jahr 2004 in einem Wald in Burgdorf vergewaltigt.

Es ist das erste Mal seit Langem, dass sie mit Nau.ch an den Ort des Geschehens zurückkehrt. Beutler sagt: «Wenn ich hier bin und mich bewusst daran erinnere, ist es noch immer sehr emotional.»

Das Paradebeispiel einer Vergewaltigung

Was ist passiert? Die damals 21-Jährige arbeitet in einer Bar, macht sich nach dem Feierabend auf den Heimweg. Dieser führte an einem kleinen Waldstück vorbei und über den Fluss Emme.

Gewalt gegen Frauen
Gestellte Szene zum Thema «Gewalt gegen Frauen» – soll Sex ohne ausdrückliches Einverständnis als Vergewaltigung gelten? Der Bundesrat ist dagegen. (Symbolbild) - Keystone

Auf der Brücke bemerkt sie, wie ihr jemand folgt. «Ich sagte zu mir selbst: ‹Bleib ruhig, es ist wahrscheinlich nicht das, was du denkst.› Erst im letzten Moment drehte ich mich um.» Und was Beutler dann passiert, wird sie in ihrem ganzen Leben nicht mehr vergessen. «Ein Mann mit Strumpfmaske und Messer in der Hand rannte auf mich zu. Er packte mich, zog mich in den Wald.» Sie stand unter Schock, erinnert sich Beutler. «Bis ich realisiert habe, was eigentlich überhaupt passiert, war es schon zu spät.»

Ob er Geld wolle, fragt sie ihn noch und gibt ihm ihr ganzes Trinkgeld aus der Bar. Er nimmt es an. Der Täter hält Beutler ein Messer an die Kehle, sie erstarrt. Im Wald, von Bäumen verdeckt, wird sie vom maskierten Mann vergewaltigt.

Er penetriert sie mit seinen Fingern. Ob es zur Penetration mit dem Penis kam, weiss sie im Nachhinein nicht mehr. Zu dunkel sind die Erinnerungen, Wahrnehmung und Zeitgefühl sind wegen des Schocks verschoben.

Stephanie Beutler kritisiert das aktuelle Sexualstrafrecht. - Nau.ch

Beutler erklärt: «Irgendwann hat sich damals meine Wahrnehmung verzerrt. Nach der Tat bin ich nach Hause gerannt.» Ihre Mutter kontaktiert daraufhin die Polizei, sie selbst ist nicht in der Lage dazu. Die Reaktion ist enttäuschend. «Die Polizei sagte mir von Anfang an, ich solle mir keine Hoffnungen machen, dass es zu Gerechtigkeit kommen werde.» Beutler fühlt sich verloren. Die Polizei wie auch die Staatsanwaltschaft machen deutlich, dass solche Täter oft nicht gefunden werden.

«Sexualstrafrecht so nicht tragbar»

Beutler setzt sich heute für Opfer von sexueller Gewalt ein. Bei der «Betroffenen-Gruppe», welche eng mit Amnesty International zusammenarbeitet, macht sie sich für Aufklärung und Gerechtigkeit im Gesetz stark. «Unser momentanes Sexualstrafrecht ist so nicht tragbar. Das führt dazu, dass viele Fälle nicht zur Polizei gebracht werden», sagt Beutler.

vergewaltigung
Vergewaltigung soll im Strafrecht neu definiert werden. - Keystone

Scham, Angst und Hemmungen würden bei Opfern von sexueller Gewalt noch immer eine grosse Rolle spielen. «Auch die Vielfalt von sexueller Gewalt muss in das Gesetz einfliessen», fordert Beutler.

Sie sagt: «Mein Fall vom bewaffneten Mann in der dunklen Ecke ist das Paradebeispiel einer Vergewaltigung. Ich konnte jedoch nicht genau sagen, ob er mit seinem Penis in mich eingedrungen ist. Das wäre für die Definition zu einem Problem geworden.» Nach heutigem Recht ist es keine Vergewaltigung, wenn keine vaginale Penetration stattgefunden hat. Somit ist auch das Strafmass milder.

Das Gesetz soll geändert werden

Aber nicht nur die Vergewaltigungsdefinition sei zu eng gefasst, «es gibt auch ganz unterschiedliche Situationen, in welchen sexuelle Gewalt vorkommt», erklärt Beutler. Zurzeit steht im Gesetz die Ausübung von Gewalt und die vaginale Penetration im Zentrum. «Der Vielfalt von sexueller Gewalt wird nicht Rechnung getragen. Kommen diese beiden Faktoren nicht vor, ist es keine Vergewaltigung

Finden Sie auch, dass das Sexualstrafrecht neu definiert werden soll?

Neu soll das Prinzip «Ja heisst Ja» im Schweizer Sexualstrafrecht eingeführt werden. «Der Fokus muss vom Opfer auf den Täter geleitet werden», betont Beutler. Denn: «Solange das Nein im Zentrum der Befragung steht, wird immer wieder die Schuld beim Opfer gesucht.» Das sei falsch. Der Täter, so fordert die «Betroffenen-Gruppe», müsse in den Fokus der Befragungen gestellt werden.

Kritiker befürchten, dass mit der Umkehrung des Leitgedankens der Satz «Im Zweifel für den Angeklagten» wegfalle. Beutler dementiert: «Das ist nicht so. Die Befragungsart wird sich ändern – was absolut legitim ist.»

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