Nora Hänni kandidiert für den Grossen Rat im Kanton Bern. Als Mutter und Forschende beschäftigt sie sich mit der Gleichstellung der Geschlechter im Berufsleben.
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Nora Hänni kandidiert mit den GRÜNEN Thun für den Grossen Rat (Wahlkreis Thun, Liste 2). Dort möchte sie sich für eine nachhaltigere Bildungs- und Arbeitswelt engagieren und für einen gestärkten Dialog zwischen Bevölkerung, Politik und Wissenschaft. - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Nora Hänni kandidiert für die Grünen im Grossen Rat des Kantons Bern.
  • Die Gleichstellung in der Berufs- und Bildungswelt ist ihr ein wichtiges Anliegen.
  • Die Wahlen finden am 27. März 2022 statt.

Dass auch heute noch «Gender-Gaps» existieren in der Bildungs- und Berufswelt, erfahre ich täglich in meinem eigenen Arbeitsumfeld als postdoktorierende Forschende in der Abteilung für Weltraumforschung und Planetologie der Universität Bern.

Da sind nämlich Frauen, insbesondere Mütter, deutlich untervertreten. Das hat hauptsächlich zwei Gründe: Einerseits wählen Mädchen seltener MINT-Fächer und MINT-Berufe (MINT: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) und andererseits ist eine akademische Laufbahn familienunfreundlich.

Die «leaky pipeline»

Das Phänomen, dass Frauen unterwegs vom Studium zur Professur zunehmend aus der Akademie ausscheiden, nennt man «leaky pipeline» (dt. lecke Leitung). Gemäss Daten vom Bundesamt für Statistik (BFS) aus dem Jahr 2016, machen Frauen zwar 51% der Immatrikulierten und sogar 54% der Diplomierten (Bachelor und Master) aus. Dieses ausgewogene Verhältnis zwischen den Geschlechtern verschwindet jedoch zunehmend je höher man die akademische Karriereleiter hinaufsteigt.

Im unteren akademischen Mittelbau liegt der Frauenanteil noch bei 41%, bei den Professuren nur noch bei 23%. Besonders gering ist der Frauenanteil im MINT-Bereich. Überall liegt die Schweiz damit unter dem europäischen Durchschnitt (siehe Bericht der Europäischen Kommission «She Figures 2018»).

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Nora Hänni arbeitet zu 60% als Postdoktorierende in der Kometenforschung an der Universität Bern. Sie wertet einerseits Daten der Rosetta-Sonde der ESA aus und macht andererseits Experimente im Labor. - zvg

Ich – Angehörige des unteren akademischen Mittelbaus – habe mich zum Beispiel bewusst dagegen entschieden, ein Postdoktorat an einer ausländischen Universität zu absolvieren und stattdessen an der Universität Bern zu bleiben. Ich wollte meiner Tochter, die einen Monat nach Abschluss meines Doktorats zur Welt kam, ein persistentes Umfeld bieten.

Ausserdem habe ich seit ihrer Geburt «nur» 60% gearbeitet, wohlwissend, dass ich so weniger publizieren würde. Obwohl es vonseiten der Karriereförderung durch den Schweizerischen Nationalfonds Bestrebungen gibt, Mobilitätskriterien aufzulockern und vonseiten der Universitäten Unterstützung für Kinderbetreuung, haben Mütter (oder Väter) in Situationen ähnlich der meinen immer noch deutlich schlechtere Chancen, die akademische Karriereleiter zu erklimmen.

Wie in der Akademie so in Unternehmen

Auch im privaten Sektor besetzen Frauen gemäss Daten vom BFS aus dem Jahr 2020 deutlich seltener leitende Funktionen. Eine Ungleichheit, die sogar bei gleichem Bildungsstand bestehen bleibt und wohl in geringer Flexibilität und geringerer Berufserfahrung wegen Haushalt und Familie begründet liegt.

Obwohl der Frauenanteil sowohl an Forschungsinstitutionen als auch in der Privatwirtschaft leicht steigend ist, dürfte es noch lange Zeit dauern, bis die Gleichstellung der Geschlechter erreicht ist. Neben der Gleichstellungsfrage stellt sich ausserdem die Frage der Wirtschaftlichkeit. Top qualifizierte Frauen gehen dem Arbeitsmarkt (oder der Forschungsgemeinschaft) verloren.

Aus diesen Gründen müsste es ein erklärtes Ziel von Bund und Kantonen – also auch vom Kanton Bern – sein, die Frauen als Arbeitnehmerinnen nicht zu verlieren, wenn diese eine Familie gründen und zugunsten der Familienzeit ihr Arbeitspensum reduzieren wollen.

Was tun?

Das Bild zu ändern, welches die Zahlen vom BFS eindrücklich zeichnen, ist nicht so einfach. Es braucht ein Umdenken der Gesamtgesellschaft, eine Auflösung der traditionellen Rollenbilder. Dieser Prozess kann nicht erzwungen, aber mit Massnahmen von Bund und Kantonen unterstützt werden. Am einfachsten setzen diese Massnahmen entweder bei der MINT-Förderung an oder aber bei der Familienfreundlichkeit der Arbeitswelt.

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In ihrer Tochter möchte Nora Hänni auch Interesse an MINT Themen wecken – hier bastelt Ava gerade eine Papier-Rosetta. - zvg

Die gezielte Förderung von Mädchen im MINT-Bereich kann z.B. durch eine gezielte Sensibilisierung der Eltern und der Schulen erfolgen. Der Kanton Bern hat mit «MINT mobil» zudem ein beispielhaftes Projekt gestartet, ein mobiles MINT-Labor, welches während einer Zeitspanne von sechs Jahren alle Schulen im Kanton besuchen soll. Im Rahmen einer Projektwoche machen Schüler*innen spannende Versuche und es kann dabei speziell auch auf die Bedürfnisse von Mädchen eingegangen werden.

Massnahmen, die die Teilnahme von Frauen, insbesondere von Müttern, am Arbeitsmarkt fördern, obliegen einzelnen Unternehmen und Institutionen. Bund und Kantone haben jedoch eine Vorbildfunktion inne. Es ist deshalb wichtig, dass zeitlich und örtlich flexible Arbeitsmodelle, sowie Teilzeitstellen und Job-Sharing auch vom Kanton Bern gezielt gefördert werden.

Familienfreundliche Arbeitswelt und Gleichstellung

Im Grossen Rat des Kantons Bern würde ich mich für eine Bildungs- und Berufswelt starkmachen, die Kinder und Erwachsene unabhängig vom Geschlecht, Mütter und Väter gleichbehandelt. Damit kämen wir nicht nur unseren Gleichstellungszielen näher, sondern würden auch vorhandenes Potenzial besser ausschöpfen. Und – eine familienfreundlichere Arbeitswelt ist auch eine nachhaltigere.

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