Felix Blumer: «Auf dem Säntis wird es im Frühling so richtig Winter»

Felix Blumer
Felix Blumer

Herisau,

Kolumnist Felix Blumer ist Wetterbotschafter auf dem Säntis. Dort ist es normal, dass die grössten Schneemengen erst im Frühling gemessen werden.

Felix Blumer
Ex-SRF-Wetterfrosch und Nau.ch-Kolumnist Felix Blumer auf dem Säntis. - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Ex-SRF-Meteorologe Felix Blumer ist seit letztem Jahr Wetterbotschafter auf dem Säntis.
  • Rekordschnee im Frühling auf dem Säntis völlig normal.
  • Momentan liegen weit über 4 Meter Schnee auf dem Säntis, mehr als zuvor in diesem Winter.

Seit letztem Jahr bin ich Wetterbotschafter auf dem Säntis, dem 2502 Meter hohen Berg in der Ostschweiz.

Jetzt stellt sich die Frage, was ein Wetterbotschafter auf diesem Berg macht. Im Gegensatz zum verfilmten Doppelmord auf dem Säntis im Jahre 1922 bin ich nicht Wetterbeobachter. Ich lebe also nicht auf dem Gipfel und mache dort auch keine täglichen Wetterbeobachtungen.

Dafür halte ich Referate zu speziellen Wetterphänomenen, begleite astronomische Ereignisse wie im letzten Jahr die totale Mondfinsternis. Und ich stehe als Referent bei Seminaren auf dem Säntis und der Schwägalp zur Verfügung.

Dort, wo der Frühling immer weiss ist

In den letzten Tagen hat sich Frau Holle kräftig mit uns angelegt. Schnee bis ins Flachland und eisige Temperaturen passen gar nicht zu unseren Frühlingsgefühlen. Zumal es Mitte Monat schon richtig warm war.

Auf meinem Berg, dem Säntis, ist dies alles kein Thema. Dort liegt fast in jedem Jahr erst im Frühling richtig Schnee. 4 Meter 42 waren es am vergangenen Sonntagmorgen, und in den kommenden Tagen gibt es da noch etwas obendrauf.

So viel Schnee hatte es im ganzen Winter noch nicht auf dem Säntis.

Säntis
Die alte Wetterhütte auf dem Säntis versinkt im Schnee. - zvg

Der Schneerekord stammt sogar aus dem April

Der Wetterberg Säntis ist auch im Besitz eines Schweizer Rekordes: Im Lawinenwinter 1998/99 lagen auf dem Säntis 8 Meter 15 Schnee. So mächtig war die Schneedecke vorher und nachher nie mehr.

Auch damals wurde die Rekordschneehöhe erst im Frühling erreicht. Vom 20. bis 22. April zeigte die Messung 8 Meter 15. Sehr spannend: Der Winter mit der zweithöchsten Schneemenge war der Winter 1979/80. Damals war die Schneedecke 7 Meter 95 mächtig, das aber auch erst im Frühling und zwar am 28. April.

Nicht anders im Winter 1987/88. In jenem Winter gab es 7 Meter 90, und das am 2. April. Ganz krass war es im Winter 2018/19. Damals wurde die maximale Schneehöhe sogar erst am 22. Mai gemessen – mit stattlichen 7 Metern 14.

Vor zwei Jahren wurde die Schneedecke 6 Meter 90 mächtig. Auch dieser Wert wurde erst am 26. April registriert.

Der Säntis.
Der Säntis: Nicht nur ein Garant für Schnee, sondern auch eine grandiose Aussicht. - zvg

Wieso schlägt der Winter erst im Frühling zu?

Im Gegensatz zum Flachland schmilzt auf dem Säntis relativ wenig Schnee im Winterhalbjahr.

Durch den Wind und das eigene Gewicht wird der Schnee zwar zusammengedrückt, und die Schneehöhe geht temporär leicht zurück. Aber auf 2500 Metern Höhe geht wenig Schnee durch Schmelze verloren, und so erreicht die Schneehöhe meist erst zwischen Ende März und Mitte Mai ihr Maximum.

Saharastaub macht sich bemerkbar

Danach geht es aber relativ schnell. Dazu kam in den letzten Jahren auch noch der Saharastaub.

Hatte sich der Saharastaub einmal auf dem Schnee abgelagert, schmolz die Schneedecke durch die zusätzliche Erwärmung des Sandes noch viel schneller.

Im Gegensatz zum Schnee schmolz der Sand aber nicht, und so verschwanden auch die tiefer liegenden Schneeschichten immer schneller.

Nichts mehr von alter Wetterromantik
Nichts mehr von alter Wetterromantik. Heute wird im 10-Minuten-Intervall automatisch gemessen. - zvg

Gehören Schneerekorde der Vergangenheit an?

Durch den Klimawandel verändert sich auch die Schneedecke. Allerdings bedeuten höhere Temperaturen nicht à priori weniger Schnee.

Im Hochgebirge sind die Temperaturen immer noch tief genug, so dass der Niederschlag meist in Form von Schnee fällt.

Da aber generell im Spätwinter und im Frühling von mehr Niederschlag ausgegangen werden kann, sind weiterhin Schneemengen im Bereich der Rekorde möglich.

Generell geht die Wissenschaft zwar von einer Abnahme der Neuschneetage aus. Dafür werden aber die Einzelereignisse ergiebiger.

Das macht physikalisch auch Sinn: Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen. Kommt es zur Übersättigung der Wolke, fällt in der Folge auch mehr Niederschlag. Im Sommer Regen, im Winter Schnee.

Eindrückliches Beispiel dafür waren die 116 Zentimeter Neuschnee in Bosco-Gurin Mitte März 2026. So viel Schnee gab es innerhalb von 24 Stunden noch gar nie an der Messstation im nordwestlichen Tessin.

Fazit: Auch in den kommenden Jahren wird es auf dem Säntis noch richtig Winter, wenn auch meist erst im Frühling!

Schroff und einsam: der Säntis.
Schroff und einsam: Der Säntis. - zvg

Zur Person

Felix Blumer (65) ist promovierter ETH-Abgänger. Mehr als 20 Jahre war er für SRF als Meteorologe tätig. Schon seit 2005 führt er seine eigene Firma. Der Meteounternehmer ist heute Wetterbotschafter auf dem Säntis und führt Studienreisen für Cotravel auf fast alle Kontinente. Daneben hält er zahlreiche Vorträge zu Wetter und Klima.

Kommentare

User #5037 (nicht angemeldet)

Märzschnee tuet nüme weh….sagte man früher🫤

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