«Viele Eltern suchen sich ein Mini-Me mit gleichem Beruf»
«Dem Mythos vom ewigen Wachstum muss man natürlich vor allem als Elternteil anhängen», schreibt Dr. Verena Brunschweiger.

Das Wichtigste in Kürze
- Dr. Verena E. Brunschweiger schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt sie über das Instrumentalisieren von Kindern.
«Vielleicht bekommen wir unsere eigene kleine Person, die wir mit unseren Müll-Ideen verderben können, aber das ist keine besondere Macht, oder?», fragt US-Journalist Nick Pemberton. Er rezensiert dabei gerade mein Buch «Do Childfree People Have Better Sex?».
Endloses Wachstum nicht möglich
«Das Streben nach endlosem Wachstum der Wirtschaft und der Bevölkerung ist der eigentliche Todestrieb unserer Gesellschaft», fährt er fort. Und man fragt sich schon, wie ein junger Mann in Minnesota sofort begriffen hat, was so viele andere nicht begreifen können: Endloses Wachstum ist auf einem endlichen Planeten nicht möglich.
Man sieht, warum rechte Pronatalisten wie Elon Musk nicht nur maximal viele Kinder produzieren, sondern auch andere dazu anstacheln. Schliesslich will er, wenn er wieder mal 7000 Leute auf einen Schlag entlässt, eine exorbitante Auswahl an billigem Nachschub. Kapitalismus braucht eine möglichst grosse Masse an Lohnsklaven sowie Konsumenten. Und der Einzelne zählt nichts.

Das schamlose Instrumentalisieren der angeblich so geliebten eigenen Kinder kann man überall beobachten: Beispielsweise bettelnde Menschen, die Kleinstkinder dazu zwingen, stundenlang in der Kälte mit ihnen auszuharren, weil sie sich dadurch mehr Geldgaben versprechen.
Es gibt eine Unzahl von Kindern, die zwar nicht so offenkundig missbraucht werden wie in diesem Fall, aber auf subtile Art ebenfalls massiv unter Druck gesetzt werden.
Ein Mini-Me ist gefragt
Und nein, es müssen nicht mal die berühmt-berüchtigten Eislaufmütter sein. Es reichen die «normalen» Väter, die sich über schlechte Noten ihrer Fünftklässler mit den Worten «Wie soll er da mal Arzt werden wie ich?» aufregen.
Als würde es nicht reichen, dass das arme Kind ungefragt in eine kaputte Welt gebracht wurde, wo er Probleme lösen soll, an denen es nicht schuld ist. Als würde nicht reichen, dass es die gleiche Nase und Haarfarbe haben muss wie sein Erzeuger.
Es soll ein umfassendes Mini-Me werden, indem es auch noch denselben Beruf ergreift!
Zwar ging die Tendenz zurück, dem Sohn den Vornamen des Vaters zu geben. Aber die dieser Perversion zugrunde liegende Mentalität ist leider immer noch präsent.
Dem Mythos vom ewigen Wachstum muss man natürlich vor allem als Elternteil anhängen. Andernfalls würde es nur noch den ganz Hartgesottenen gelingen, sich schönzureden, dass sie einen Menschen auf die Welt brachten, der in seinen fast hundert Jahren, die er leben wird, in erster Linie Kriege, Krisen und Katastrophen durchmachen wird. Und mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit Ressourcenknappheit erleben wird.
Aber egal, zwei Leute bildeten sich ein Mini-Me ein! Weder ökologische noch politische oder philosophische Argumente erreichen Personen, die es sich in den Kopf setzten, einfach den simpelsten Weg einzuschlagen – statt den steinigen.
Statt sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, die eigenen Wünsche und Entscheidungen zu reflektieren, basht man lieber diejenigen, die einen auf so unangenehme Aspekte aufmerksam machen.

Reproduktion hat auch Nachteile
Dr. Karin Kuhlemann, eine Kollegin aus dem angloamerikanischen Raum, erfährt es auch regelmässig am eigenen Leib: Enragierte Eltern werden unfassbar ausfallend, nur weil sie es wagt, darauf hinzuweisen, dass Reproduktion auch Nachteile hat.
Eine Anmassung der Eltern sondergleichen. Aber wo bleiben die Moderator:innen, wenn vulgärer, antifeministischer «Hate Speech» in die Kommentarspalten geschrieben wird?
Plattformen aller Art canceln lieber progressive Leute. Während Leute wie Elon Musk, Andrew Tate und dergleichen sexistische, pronatalistische, rechte Hetze absondern dürfen, wo sie nur wollen.
Zur Autorin
Dr. Verena E. Brunschweiger, Autorin, Aktivistin und Feministin, studierte Deutsch, Englisch und Philosophie/Ethik an der Universität Regensburg. 2019 schlug ihr Manifest «Kinderfrei statt kinderlos» ein und errang internationale Beachtung.
Sich nicht reproduzieren hat auch den Vorteil, einem unschuldigen neuen Menschen solche Mitmenschen zu ersparen. Es ist schlimm genug, dass man selbst mit so etwas konfrontiert ist.
















