Stadt Bern

Wird nun jeder Sommer in Bern wie 2026, Meteorologe Umbricht?

Yves Schott
Yves Schott

Bern,

Der Jahrhundertsommer 2003 ist überholt. Meteorologe Fabian Umbricht erklärt, warum in Bern so viele Rekorde fielen.

Fabian Umbricht, Prognostiker beim Berner Wetterdienst Meteotest.
Fabian Umbricht, Prognostiker beim Berner Wetterdienst Meteotest. - Daniel Zaugg

Bis vor kurzem war stets vom Jahrhundertsommer 2003 die Rede. Alles Makulatur. Fabian Umbricht, Prognostiker beim Berner Wetterdienst Meteotest, erklärt eindrücklich, wie bisherige Höchstwerte in Bern reihenweise gebrochen wurden. Und warum das alles mit dem Klimawandel zu tun hat.

BärnerBär: Fabian Umbricht, inwiefern ist der Sommer 2026 schon jetzt rekordverdächtig?

Fabian Umbricht: Er hat bereits jetzt, da er noch nicht einmal zu Ende ist, mehrere Rekorde des Jahrhundertsommers 2003 quasi pulverisiert. Markant sind vor allem die Anzahl Hitzetage: 2003 wurde es in Bern an einem einzigen Tag über 35 Grad heiss, 2026 bereits sechs Mal.

Ausserdem wurde die Hitzemarke von 30 Grad heuer schon 43 Mal überschritten, 2003 «nur» 32 Mal. Eins zu eins vergleichen lässt sich das Ganze allerdings nicht.

BärnerBär: Inwiefern?

Umbricht: Erstens sind die Daten von MeteoSchweiz noch nicht alle bereinigt, das werden sie erst zu einem späteren Zeitpunkt. Zum anderen befand sich die Temperatur-Messstation 2003 im Liebefeld, wo es tendenziell dicht bebaut ist.

Fabian Umbricht
Fabian Umbricht: «Ich hoffe, dass dieser Sommer in den Köpfen der Menschen seine Spuren hinterlässt.» - Daniel Zaugg

Unterdessen ist das Thermometer in Zollikofen eher in einem ländlichen Gebiet angebracht. Dadurch werden am neuen Standort weniger schnell hohe Temperaturen erreicht. Erst jetzt, da die Böden stark ausgetrocknet sind und kaum Wasser mehr verdunstet, ist das der Fall.

BärnerBär: Wie sieht es bei den Tropennächten aus, also Nächte, in denen das Thermometer nicht unter 20 Grad sinkt?

Umbricht: Davon gab es in diesem Sommer in Bern-Zollikofen bis jetzt vier. Die Station Bern-Zollikofen weist aufgrund ihrer Lage allgemein relativ wenig Tropennächte auf.

In den letzten 10 Jahren, von 2015 bis 2025, wurden total vier Tropennächte registriert, dieser Sommer alleine hat gleich viele gebracht – das ist doch eine deutliche Steigerung, auch wenn die absolute Zahl recht klein ist.

Machst du dir wegen zunehmender Hitzewellen Sorgen?

Dass nicht mehr Tropennächte aufgetreten sind, liegt auch daran, dass die Luft während der heissesten Phasen der Hitzewellen oft sehr trocken war, was Tropennächten entgegenwirkt. Sowieso kann es in Bern innerhalb von wenigen hundert Metern zu enormen Temperaturunterschieden kommen.

BärnerBär: Weil es in der Stadt inmitten der Sandsteinmauern, die noch lange nach Sonnenuntergang Wärme abstrahlen, deutlich wärmer ist?

Umbricht: Ja. Und man muss nicht einmal die Innenstadt als Beispiel nehmen: Stadthitze.be ist ein Projekt, an dem wir selber mitgearbeitet haben.

Zahlreiche Messgeräte an verschiedensten Standorten liefern Temperaturen in Echtzeit. Dass es im Marzili fünf Grad wärmer sein kann als in Zollikofen, ist keine Seltenheit.

BärnerBär: Hat sich der Hitzesommer 2026 eigentlich angekündigt?

Umbricht: Ich habe mir den Verlauf von 2003 vor unserem Gespräch nochmals genau angeschaut. Die Vorgeschichte war ähnlich: ein sehr trockener April und erste Tage über 30 Grad in der zweiten Mai-Hälfte. Im Juni und Juli gab es 2003 eher heisse Phasen von rund zehn Tagen. Vor allem der August stach in Bezug auf Hitze heraus.

Eine solche Wetterlage wie im August 2003 hatten wir in diesem Sommer nun aber gleich mehrmals: Die erste im Mai, dann Mitte Juni und auch im Juli und nun in der ersten Augusthälfte hat sie sich mehrmals wiederholt.

Hitzewelle Bern Hitze Wasser
Fabian Umbricht: «In den letzten 10 Jahren, von 2015 bis 2025, wurden total vier Tropennächte registriert, dieser Sommer alleine hat gleich viele gebracht.» (Symbolbild) - keystone

BärnerBär: Die heissen Temperaturen, die wir gerade erleben, sind ein eindeutiges Signal für den Klimawandel?

Umbricht: Die letzten Wochen und Monate sind eine Witterungsphase. Doch es ist erwiesen, dass konstante, blockierte und über mehrere Tage andauernde Hitze-Hochdruckgebiete eine Folge des Klimawandels sind. Nein, es wird in Zukunft nicht jeder Sommer wie 2026 – aber die Anzahl solcher Wetterlagen nimmt zu.

Sowieso: Ob es nun an einem einzelnen Tag 35,1 oder 35,6 Grad heiss ist, spielt eine untergeordnete Rolle, auf solchen Werten sollten wir nicht zu fest herumreiten.

Uns sollten vielmehr die robusteren Werte, wie die durchschnittliche Temperatur oder die Anzahl Hitzetage und deren Entwicklung, beschäftigen. Und diese zeigen einen eindeutigen Trend. Der nächste Rekord kommt sowieso, das ist dann die logische Folge.

BärnerBär: Sollte der Sommer 2027 nass ausfallen, werden manche sagen: Die Klimaforscher haben mal wieder übertrieben.

Umbricht: Für solche Aussagen habe ich wenig Verständnis. Der Sommer 2024 ist ein gutes Beispiel dafür: Ja, er war tendenziell zu nass und es gab weniger Sonne. Dennoch lagen die Temperaturen über dem langjährigen Durchschnitt (Referenzperiode 1991 – 2020, d. Red.).

Und man darf nicht vergessen, dass auch die Häufigkeit von extrem nassen Phasen mit Hochwasser und Überschwemmungen im Rahmen des aktuellen Klimawandels zunimmt. Beim Niederschlag ist der Trend indes weniger eindeutig, in puncto Temperaturen zeigt er hingegen klar nach oben.

BärnerBär: Welcher Wetterwert hat Sie am meisten überrascht?

Umbricht: Sicherlich einmal die Anzahl Hitzetage. Noch eindrücklicher scheint mir allerdings die Trockenheit. Sogar die Gewitter haben Bern meist verschont, während es andernorts mal geregnet hat.

Zum Vergleich: Der bisher trockenste Sommer seit Messbeginn in Bern war jener 1896 mit 240 Millimetern Niederschlag, aufgezeichnet von Anfang April bis Ende August. Derzeit stehen wir bei 150 Millimetern.

Wir benötigen also in den letzten Augusttagen noch 90 Millimeter, um das Niveau des bisher trockensten Sommers seit Messbeginn zu erreichen.

BärnerBär: Wie sehr leidet Berns Natur unter der Hitze?

Umbricht: Überall dort, wo der Mensch kaum regulierend eingreifen kann, ist der Stress massiv. Konkret in Wäldern und Flüssen, was wiederum die Fische betrifft.

Wetter Freibad Bern
Heisses Wetter, stahlblauer Himmel: In der Hauptstadt sonnen sich Bernerinnen und Berner im Freibad. - keystone

Am meisten ächzen momentan die Buchen, diese werden sich kaum schnell erholen. Und mit einmal Regnen ist die Trockenheit längst nicht beseitigt.

BärnerBär: Auch die Aare überbot sich mit neuen Temperaturrekorden und stieg Mitte Juli auf 24,82 Grad an. Wird bald die 25- oder gar die 26-Grad-Marke geknackt?

Umbricht: Um 25 Grad halte ich in den nächsten Jahren für durchaus plausibel, wenn es ähnlich heiss und trocken ist wie jetzt. Um 26 Grad zu übersteigen, braucht es dann hingegen schon sehr viel, da die Aare im Moment noch von sehr viel Gletscherwasser gespeist wird.

BärnerBär: Im Radio oder Fernsehen wird heisses Wetter häufig positiv konnotiert. Doch es gibt jene, die unter der Hitze leiden, ältere und kranke Menschen – und solche, die es einfach nicht gerne warm haben.

Findest du, dass der Klimawandel für immer mehr Hitzerekorde sorgt?

Umbricht: Als Meteorologe soll man Wetter nie werten. Es gibt sonniges Wetter, heisses, kaltes, nasses … aber schön oder «gruusig»? Nein. Was der eine toll findet, mag jemand anders überhaupt nicht.

Wenn wir über den Sommer 2026 sprechen, müsste von Hitzephasen und sehr wenig Niederschlag die Rede sein. Das sind Fakten.

Medien und Gesellschaft sollten weniger werten, dann wären die Diskussionen zum Thema eventuell etwas weniger emotional und es wären vielleicht mehr konstruktive Diskussionen, wie wir mit der recht eindeutigen Faktenlage umgehen möglich – und diese sind bitter nötig.

BärnerBär: Irgendwann ist jeder heisse Sommer zu Ende, Politik und Gesellschaft gehen zur Tagesordnung über. Ärgert Sie das als Meteorologe?

Umbricht: Ich hoffe, dass dieser Sommer in den Köpfen der Menschen seine Spuren hinterlässt. Natürlich ist es toll, jeden Tag in die Aare springen zu können, und die lauen Nächte geniesse ich ebenfalls.

Berner Meteorologe Fabian Umbricht.
Der Berner Meteorologe Fabian Umbricht. - Daniel Zaugg

Und gleichzeitig ist klar erkennbar, dass etwas im Gang ist. Wenn sich 2027 kühl und nass präsentiert, ist nicht alles plötzlich wieder gut.

BärnerBär: Welches Wetter mögen Sie eigentlich am liebsten?

Umbricht: Kälte und Schnee. Ich bin eher der Wintertyp.

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