Winterthur-Bus-Streik: «Vermummte aufgeboten zum Stunk machen»
Das Buspersonal in Winterthur fordert bessere Arbeitsbedingungen. Am Dienstagmorgen arbeitet es deshalb grösstenteils nicht. Ein nächster Streik droht.
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Das Wichtigste in Kürze
- Das Winterthurer Buspersonal streikte am Dienstagmorgen während vier Stunden.
- Pendlerinnen und Pendler warteten am Bahnhof vergebens und kamen zu spät zur Arbeit.
- Führen die nun angekündigten Verhandlungen zu nichts, droht ein ganztägiger Streik.
In Winterthur streikten am Dienstagmorgen von 4.30 bis 8.30 Uhr die Busfahrerinnen und -fahrer. Statt 60 standen nur 20 Fahrzeuge im Einsatz.
Der Warnstreik war am Montag angekündigt worden – und könnte nicht der letzte sein, wie die Gewerkschaft VPOD gegenüber Nau.ch sagte.
Betroffen waren die vielen Pendlerinnen und Pendler im Morgenverkehr, die als Konsequenz zu spät zur Arbeit erschienen. Einige erwischten einen der wenigen Busse, die trotz des Streiks im Einsatz standen.
Gewerkschaft spricht von aggressiven Konfrontationen
Die Gewerkschaft VPOD klagte am frühen Morgen, man habe versucht, die Mitarbeitenden von der Ausübung ihres verfassungsmässig garantierten Streikrechts abzuhalten.
Busfahrerinnen und Busfahrer seien nach Mitternacht aufgefordert worden, Fahrzeuge nicht im Depot, sondern an alternativen Standorten abzustellen.
Zudem sei es zu aggressiven Konfrontationen durch Vorgesetzte von Stadtbus Winterthur gekommen. Eine Stellungnahme von Stadtbus dazu lag zunächst nicht vor.
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Aufnahmen von Nau.ch zeigen, wie sich die Streikenden am Dienstagmorgen auch vor besagtem Bus-Depot versammelt haben.
Stadtrat «von aufgebotenen Aktivisten» angepöbelt
Der zuständige Stadtrat Stefan Fritschi erzählt gegenüber Nau.ch, wie er den Streik erlebt hat: «Für mich war es eine neue Erfahrung, die ich nicht unbedingt gesucht habe.»
Die vielen Emotionen seien «nicht förderlich für eine sachliche Lösungsfindung».
Am Morgen kam es zu Gesprächen zwischen Fritschi, dem Buspersonal und der Gewerkschaft. «Diese sind sehr sachlich verlaufen. Was ich nicht goutiere und schätze sind die Aktivisten, die heute Morgen auf dem Platz waren. Sie gehören nicht zu unserem Personal und wurden aufgeboten, um ‹Stunk› zu machen.»
Einige seien sogar vermummt gewesen, erzählt Fritschi, und hätten ihn angepöbelt. Zudem hätten sie «jene Fahrerinnen und Fahrer abhalten wollen, die bereit waren, zu arbeiten».

Über den angekündigten Verhandlungen am Donnerstag hänge nun bereits das «Damoklesschwert des Streiks». Eine weitere Arbeitsniederlegung könnte bei negativem Ausgang der Verhandlungen dann einen ganzen Tag lang dauern.
«Es ist ein ganz negatives Powerplay, das die Gewerkschaft da spielt», sagt Fritschi auf den bereits angetönten, möglichen zweiten Streik.
Der Stadtrat verteidigt gegenüber Nau.ch die Arbeitsbedingungen bei Stadtbus Winterthur. Die Gewerkschaft habe letztes Jahr den Gesamtarbeitsvertrag gekündigt, was er habe verhindern wollen. Damit sei der Arbeitsfrieden aufs Spiel gesetzt worden.
Im Hinblick auf die nächsten Wochen habe man nun «ein offenes Ohr» und wolle «ernsthafte Gespräche» führen.
Pensioniertes Personal soll Busse gefahren haben
Einzelne Busse standen am Dienstagmorgen während des Streiks im Einsatz. Doch «der Grossteil der Busse blieb im Depot und steht still», sagte Ronja Jansen, Fachsekretärin Kampagnen beim VPOD, nach Sonnenaufgang zu Nau.ch.
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Es seien teilweise nicht reguläre Fahrerinnen und Fahrer angefragt worden, am Dienstagmorgen zu fahren, so Jansen. Man gehe davon aus, dass die im Einsatz stehenden Busse grösstenteils von ihnen gelenkt werden.
Es handle sich um pensionierte Personen oder solche, die in anderen Funktionen bei Stadtbus Winterthur arbeiten.

«Wir sind vor allem glücklich darüber, wie viele Leute heute solidarisch zusammenstehen und gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen.» Am Ende entscheide jede und jeder selbst, ob er sich am Streik beteilige.
Ein «riesiger Anteil» der 260 Fahrerinnen und Fahrer von Stadtbus Winterthur sei anwesend.
Einige seien bereits die halbe Nacht vor Ort, viele seien «aufgebracht und auch sehr hässig über die bisherige Verweigerung, auf die Verhandlung einzutreten».
Kommt es zum nächsten Streik?
Nach 8 Uhr waren die ersten Gespräche beim Bus-Depot in Winterthur Geschichte. Der zuständige Stadtrat habe das Angebot nicht erweitern können, sagt ein VPOD-Mitglied dem streikenden Personal.
Am Donnerstag werde er aber auf Verhandlungen eintreten – mit einer neu formierten Verhandlungsdelegation. «Das ist unser Verdienst.»

Die Reaktionen fallen gemischt aus. Eine Person ruft: «Wir haben mehr erwartet.» Eine andere meint: «Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg.» Ein Streikender sagt: «Wir müssen zusammenbleiben.»
Schliesslich einigen sich die Beteiligten darauf, bei nicht stattfindenden Verhandlungen erneut zu streiken. Das nächste Mal jedoch einen ganzen Tag lang ...
Verspätete Pflegerin: «Es sind Leute auf mich angewiesen»
Vom Streik betroffen waren am Dienstagmorgen die Pendlerinnen und Pendler. «Ich sollte eigentlich pünktlich zur Arbeit erscheinen», sagt Michelle (33) am Morgen am Bahnhof zu Nau.ch. «Ich arbeite in der Pflege und es sind Leute auf mich angewiesen, die erwarten, dass ich pünktlich beginne.»
Für sie sei der Streik dementsprechend «en Seich».
Die Pflegekraft hat aber auch Verständnis für das streikende Buspersonal: «Man muss ein Zeichen setzen.»
Als betroffene Pendlerin bleibt ihr am Bahnhof schliesslich nur eines: «Das Geschäft anrufen und sagen, dass ich zu spät komme.»
Auch Leyla (18) steckt am Dienstagmorgen am Winterthurer Bahnhof fest. Sie zeigt Verständnis für die Streikenden. Trotzdem: «Es ist halt ein bisschen blöd für alle.»
Leyla hat am Dienstagmorgen aber Hoffnung: Einige Busse fahren trotz des Streiks, so auch ihrer.
Jene Busse werden am Bahnhof jedoch teilweise von Gewerkschaftlerinnen und Gewerkschaftlern blockiert und ausgepfiffen. «Ob meiner losfährt, sehen wir», so die 18-Jährige.
Pendler Şamil (31) findet: «Solange das nicht jeden Tag geschieht, finde ich es eine gute Sache.»
Heute sei er halt noch früher als sonst schon aufgestanden und habe einen der fahrenden Busse erwischt.
Taxifahrer erhofften sich besseres Geschäft
Vom Ausfall der Busse profitieren wollten am Dienstagmorgen die Winterthurer Taxifahrer.
Doch das Geschäft blieb zunächst unter den Erwartungen, wie Taxifahrer Dino zu Nau.ch sagt. «Es sollte ein guter Tag sein, aber bis jetzt ist es nix. Die Busse fahren trotzdem und wir haben noch nicht profitiert.»

Man habe extra mehrere Taxis an den Bahnhof gestellt, um die Lücke zu füllen.
Mitarbeiter: «Keine andere Wahl, als in den Streik zu treten»
Hintergrund des Warnstreiks ist ein seit längerem schwelender Konflikt um die Arbeitsbedingungen.
Der VPOD kritisiert kurzfristige sogenannte Springertage mit möglichen Minusstunden, zu tiefe Nachtzuschläge sowie Mängel bei Ersatzdiensten und Dienstplanung.
Zudem müssten sich Angestellte an Schäden beteiligen, ohne ausreichende rechtliche Grundlage.

Ein anonymer Mitarbeiter erklärte: «Wir Busfahrer haben in den letzten Jahren unhaltbare Arbeitsbedingungen ausgehalten, um den Nahverkehr in dieser Stadt zu sichern. Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem es so nicht weitergeht. Der Stadtrat lässt uns keine andere Wahl, als in den Streik zu treten.»


















