«Wegen des Drucks»: Röstis Klima-Kehrtwende sorgt für Wirbel
Energieminister Albert Rösti schlägt beim Klima neue Töne an. Bauern im Parlament staunen oder verteidigen ihn.

Das Wichtigste in Kürze
- Noch im Juli äusserte sich Albert Rösti wenig besorgt über die Hitze.
- Grünen-Nationalrat Kilian Baumann führt die Kehrtwende auf den Druck zurück.
- Auf Rösti herumzuhacken, diene der Sache nicht, sagt SVP-Nationalrat Thomas Knutti.
Für den Hitzesommer macht Energieminister Albert Rösti Geld locker. Mit 54 Millionen Franken unterstützt sein Departement die Bauern, die von der Trockenheit betroffen sind. Zudem beantragt der Bundesrat 17,5 Millionen Franken für die Anpassung des Waldes an den Klimawandel. Bis Ende Oktober prüft er weitere Massnahmen.
«Der Bundesrat hat die Lage von Anfang an sehr ernst genommen», behauptet Rösti anlässlich einer Medienkonferenz. Sie wüssten schon lange, dass sich die Klimasituation darstellen könnte wie diesen Sommer.
Damit machte der Energieminister eine Kehrtwende.
«Ging nicht um Rangliste wärmster Sommer»
Noch Anfang Juli reagiert der SVP-Bundesrat gelassen auf die Hitze. Er wolle die Dramatik der Hitze «etwas runterschrauben», sagt er im Interview mit Nau.ch. 2019 habe die Schweiz den «letzten wirklichen Hitzesommer» gehabt, behauptete er.
«Jetzt ist es wieder so. Also, es ist jetzt nicht so, dass man tagelang nur noch heiss haben wird», prognostizierte er. Tatsächlich liegt der letzte Rekordsommer aber weniger als sieben Jahre zurück. Etwa der Sommer 2022 ist laut Meteoschweiz aktuell der zweitwärmste seit Messbeginn.
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Heute präzisiert Röstis Mediensprecherin Franziska Ingold auf Anfrage: «In diesem Interview ging es nicht um eine Rangliste der wärmsten Sommer seit Messbeginn.» Stattdessen sei es um die Frage gegangen, wie lange anhaltende Hitzeperioden zu erwarten seien.
Kürzlich wurde publik, dass der Energieminister in amtlichen Texten auf vorsichtige Formulierungen geachtet haben soll. Begriffe wie «Klimawandel», «Klimaerwärmung» oder «Biodiversität» waren dort nicht erwünscht. Dies bestreitet Franziska Ingold jedoch.
Das besagte Dokument liege ihnen nicht vor, sagt Ingold. «Ohne Kenntnis des vollständigen Wortlauts, des Datums und des Zusammenhangs können wir dazu nicht Stellung nehmen.» An der Verwendung der Begriffe ändere sich nichts. «Sie werden weiterhin gebraucht, wo sie sachlich zutreffen.»
Er hoffe, dass Kurskorrektur anhalte
Der Grünen-Nationalrat und Berner Landwirt Kilian Baumann reagiert erstaunt auf die Kehrtwende des SVP-Bundesrats.
Bis zum aktuellen Hitzesommer habe Rösti in eine ganz andere Richtung gearbeitet, sagt Baumann zu Nau.ch. Er glaubt: «Bundesrat Rösti passt seine Erzählung wegen des Drucks an.»
Der Bundesrat könne nicht mehr dasselbe erzählen wie vor einigen Monaten, der Widerstand wäre zu gross, so Baumann. «Vor allem auch von der Landwirtschaft, die oftmals den Bürgerlichen nahesteht.» Die kürzlichen Hagelschäden zeigten zudem, dass die Hitze und Trockenheit nicht das einzige Problem des Klimawandels seien. «Wetterextreme können die Landwirtschaft auf verschiedene Weise treffen.»
Er hoffe, dass Röstis Kurskorrektur anhalte und nicht wieder eine Kehrtwende erfolge, sobald die Trockenheit abklinge.
«Geht in die richtige Richtung»
Die neuen Töne, die der Energieminister anschlägt, kommen auch bei Bauern aus den Reihen der SVP im Parlament gut an. «Sein Vorgehen geht in die richtige Richtung», sagt der Berner Landwirt Thomas Knutti.
Auch verteidigt er seinen Parteivertreter im Bundesrat. Rösti mache einen guten Job, sagt Knutti. «Jetzt auf ihm herzumzuhacken, er habe vorher nichts gegen den Klimawandel unternommen, dient der Sache nicht.»

Auch sei nicht entscheidend, ob sein Departement die Worte «Biodiversität» und «Klimawandel» benutze, sagt Knutti. «Wir haben das Klima noch nicht gerettet, wenn diese Bezeichnungen irgendwo drinstehen.» Lösungsvorschläge statt Vorwürfe seien gefragt.
«Mehr als von Bundesrat Rösti erwarte ich, dass sich der Einzelne an der Nase nimmt.» Es gebe viele Menschen, die nach mehr Massnahmen gegen den Klimawandel schrien. «Gleichzeitig fliegen sie dreimal pro Jahr in die Ferien.»
«Rösti hat keinen Einfluss auf das Wetter»
Ähnlich sieht es SVP-Nationalrat Andreas Gafner.
«Bundesrat Rösti nimmt die Umsetzung unseres Klimaschutzes sehr ernst», sagt der Berner Landwirt. In der Fragestunde der Sommersession habe er eindrücklich aufgezeigt, mit welchen Massnahmen der Bundesrat die Klimaziele 2030 erreichen wolle.

Nach dem extremen Sommer müssen man nicht gleich überreagieren und Tatenlosigkeit vorwerfen, sagt Gafner. «Rösti hat keinen Einfluss auf das Wetter.» Stattdessen müsse man realistisch sein. «Und schauen, was wir mit Eigenverantwortung für den Klimaschutz unternehmen können.»
«Sommer ist danach aussergewöhnlich verlaufen»
Albert Rösti würde sich wohl auch nicht mehr gleich gelassen über die Hitze äussern wie Anfang Juli. Bundesrat Rösti habe sich Anfang Juli zur damaligen Wetterlage und zu den damals verfügbaren Prognosen geäussert. Dies sagt Röstis Mediensprecherin Franziska Ingold auf Anfrage. «Der Sommer ist danach aussergewöhnlich verlaufen.»
Seit Messbeginn sei in der Schweiz bis Mitte August noch nie so wenig Niederschlag wie 2026 gefallen, sagt Ingold. Ausserdem seien die Hitzewellen fast nahtlos ineinander übergegangen. Bundesrat Rösti habe Hitze und Trockenheit in diesem Ausmass nicht schon jetzt erwartet.
«Dies hat er bereits am sechsten August öffentlich gesagt.» Entsprechend habe er die Lage an der Medienkonferenz von letzter Woche beschrieben. Der Bundesrat hat die Entwicklung laut Ingold laufend beobachtet. «Vier Departemente sind involviert, wir stehen im regelmässigen Austausch.»













