Virginia Richter: Die Literatur als Kompass fürs Leben
In der BärnerBär-Serie «Erfolgreiche Frauen in Bern» erzählt Virginia Richter von ihrem Lebensweg und ihrer Rolle als erste Rektorin der Universität Bern.

Es ist einer dieser herrlichen Herbsttage mit morgendlichem Sonnenschein, der im Botanischen Garten ein wunderbares Schattenspiel durch all die Bäume auf die Gehwege zaubert. Wir treffen Virginia Richter beim Eingang und spazieren mit ihr durch die Anlage bis zur Cafébar Fleuri.
Als «Hausherrin» kennt sie sich hier bestens aus: Der Botanische Garten gehört zur Universität Bern und ist ein Lieblingsplatz der Rektorin. «Diese üppige Oase mitten in der Stadt fasziniert mich immer wieder aufs Neue», sagt sie mit einem Lächeln.
BärnerBär: Virginia Richter, wie würden Sie sich selbst beschreiben?
Virginia Richter: Ich bin eine Europäerin mit Lebensstationen in der ehemaligen Tschechoslowakei, Deutschland, Grossbritannien und der Schweiz. Ich kann gut zuhören, bin beharrlich und ein grundsätzlich optimistischer Mensch.
BärnerBär: Fällt Ihnen dieser Optimismus in der jetzigen Zeit auch einmal schwer?
Richter: Natürlich beeinflusst mich das Weltgeschehen sowohl privat als auch beruflich. Ich bin ein politischer Mensch und mich lässt nicht unbeeindruckt, was um mich herum passiert.
Das betrifft auch die Universität, die mit Institutionen auf der ganzen Welt zusammenarbeitet. Da müssen wir beispielsweise immer auch wissen, wohin wir unsere Studierenden noch zu einem Austausch schicken können. Niemand hätte wohl geahnt, dass es mit Amerika einmal so schwierig werden würde.

BärnerBär: Welches sind dort die aktuellen Probleme?
Richter: Die Regierung Trump hat Forschungsförderungen eingefroren, bis die Projekte auf ihre Vereinbarkeit mit der neuen politischen Linie geprüft sind.
Das ist aus meiner Sicht ein massiver Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit und betrifft auch uns in der Schweiz: direkt, weil wir eng mit amerikanischen Universitäten zusammenarbeiten, und indirekt, weil damit kritische Forschung grundsätzlich unter Druck gerät.
BärnerBär: Auch andere internationale Forschungskooperationen sind derzeit nicht einfach.
Richter: Wir spüren die Auswirkungen der Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten sehr deutlich. Das Leid der Zivilbevölkerung ist erschütternd, und auch innerhalb unserer Universität gibt es sehr unterschiedliche Sichtweisen.
Umso wichtiger ist es, respektvoll miteinander im Gespräch zu bleiben. Denn als international vernetzte Universität sind wir auf den Austausch mit Forschenden weltweit angewiesen. Deshalb lehnen wir pauschale Boykottforderungen ab.
Gerade in schwierigen Situationen müssen wir den Dialog offenhalten. Wissenschaftsfreiheit verteidigen wir am besten, indem wir Differenzierung, Vielstimmigkeit und offenen Austausch ermöglichen.
BärnerBär: Spannungen zwischen Wissenschaftsfreiheit und Politik sind ja grundsätzlich nichts Neues.
Richter: Nein, das ist so. Essenziell ist aber, dass Forschende bei der Wahl ihrer Themen, Methoden, Quellen oder Partner nicht eingeschüchtert oder unter Druck gesetzt werden. Schwieriger wird die Frage, ob eine Universitätsleitung internationale Kooperationen in bestimmten Fällen einschränken soll.
Besonders deutlich zeigt sich das beim Krieg in Gaza. Er löst starke Emotionen und den Wunsch nach klarer Positionierung aus. Wir mussten in den vergangenen zwei Jahren schwierige Entscheidungen treffen und haben uns intensiv mit der Kritik daran auseinandergesetzt.
BärnerBär: Wie haben Sie das konkret getan?
Richter: Wir haben bewusst das Gespräch mit unterschiedlichen Gruppen gesucht. Ein Beispiel war unsere Reihe «Nachdenken über Nahost», bei der israelische und palästinensische Stimmen in der Aula miteinander und mit dem Publikum ins Gespräch kamen.
Genau solche Räume braucht eine Universität. Denn wie gesagt, internationale Zusammenarbeit bleibt für die Wissenschaft zentral. Insbesondere dann, wenn sie schwierig wird.
BärnerBär: Werfen wir an dieser Stelle einen Blick in Ihre eigene Vergangenheit. Wie sind Sie aufgewachsen?
Richter: Ich wurde in Prag geboren und habe sehr idyllische Erinnerungen an meine frühe Kindheit, an schöne Ferien auf dem Land bei der Verwandtschaft. An meinen Vater allerdings kaum, meine Eltern hatten sich schon bald nach meiner Geburt getrennt.
Dann kam der Prager Frühling und mit ihm im August 1968 die militärische Intervention durch die Truppen des Warschauer Pakts.
Meine Mutter, eine sehr mutige und ebenfalls politisch aktive Persönlichkeit, erkannte, dass es für sie – und damit auch für mich – keine Zukunft mehr in der damaligen Tschechoslowakei gab. Sie entschloss sich deshalb zur Emigration nach Deutschland. Da war ich sechs Jahre alt.
BärnerBär: Das stelle ich mir sehr schwierig vor, allein mit einem kleinen Kind in ein fremdes Land zu gehen. Kannte Ihre Mutter in Deutschland jemanden?
Richter: Nein, wir kamen eher zufällig nach Heidelberg. Meine Mutter fand bei den amerikanischen Truppen Arbeit, weil sie sehr gut Englisch sprach. Dennoch war das eine schwierige Zeit und ein grosser Bruch.
Meine Mutter konnte kein Deutsch und auch für mich war es anfangs nicht einfach, besonders in der Schule. Es schweisste uns aber auch sehr eng zusammen. Und ich lernte früh, wie wichtig eine gute Ausbildung ist, um wirtschaftlich unabhängig zu sein.
BärnerBär: Was half Ihnen in dieser Zeit?
Richter: Meine Mutter hat mir schon früh Geschichten vorgelesen, und so begann ich bereits in jungen Jahren selbst zu lesen. Literatur wurde zu meiner Leidenschaft und zugleich zu einem Instrument, um Gesellschaft und kulturelle Unterschiede zu verstehen.

Später zogen wir nach München, wo meine Mutter in einer Bibliothek arbeitete. Unser Zuhause war dadurch immer voller Bücher.
BärnerBär: Wählten Sie deshalb das Literaturstudium?
Richter: Dass ich Geisteswissenschaften studieren würde, stand schon ziemlich früh fest. Literatur bewahrt meiner Ansicht nach nicht einfach eine nationale Tradition, sondern überschreitet Grenzen und vermittelt zwischen Welten. Durch sie können wir andere Kulturen und historische Denkweisen aus einer anderen Perspektive betrachten.
BärnerBär: Geisteswissenschaftliche Fächer haben es oft schwer, weil kein unmittelbarer beruflicher Nutzen erkennbar ist. Wer Jus studiert, wird Anwalt, wer Medizin studiert, Arzt – aber was wird jemand, der Literatur studiert?
Richter: Ich wehre mich dagegen, Fächer wie Germanistik oder Geschichte nur nach ihrer unmittelbaren beruflichen Verwertbarkeit zu beurteilen. Sie geben den Studierenden wesentliches Rüstzeug mit auf den Weg.
Der Wert der Literaturwissenschaft liegt beispielsweise in Fähigkeiten wie Perspektivwechsel, historischer Distanz, genauer Sprachwahrnehmung, Selbstreflexion und dem Aushalten von Ambivalenz. Gerade wenn man sich anschaut, was derzeit in der Welt geschieht, wird deutlich, wie wichtig solche Fähigkeiten sind.

BärnerBär: Aber genau diese Fähigkeiten drohen wir durch das Aufkommen der künstlichen Intelligenz teilweise zu verlieren.
Richter: Ja, diese Gefahr besteht. Universitäten stehen dadurch vor grossen Herausforderungen: von den Forschungsmethoden bis zu den Leistungskontrollen. Die KI verändert unsere Praxis massiv. Umso wichtiger bleiben kritisches Hinterfragen, Selbstreflexion und eine «Kultur des freien Denkens».
Auch die Mündlichkeit gewinnt wieder an Bedeutung: gemeinsam in einer Gruppe etwas zu erarbeiten und neu zu denken. Lehrpersonen haben dabei die Aufgabe, die Studierenden zu begleiten, ihre Neugier und den Willen zum Entdecken zu fördern.
Denn KI ist ja nicht per se etwas Schlechtes, sofern man sie als Hilfsmittel nutzt und nicht als Ersatz für eigenständiges Denken und Hinterfragen.
BärnerBär: Wie lässt sich dieses eigenständige Denken fördern?
Richter: Vor allem in der nicht-digitalen Welt: durch Museumsbesuche beispielsweise. Indem man Kunstwerke tatsächlich betrachtet, vor einer Leinwand steht, den Stoff eines Kleides oder die Seiten eines alten Buches berührt.
Die reale Welt wird digital nur abgebildet. Wir können sie dort nicht mit all unseren Sinnen erleben.
BärnerBär: Wie erleben Sie die heutigen Studierenden?
Richter: Als eine sehr engagierte Generation, die sicherlich unter den Covid-Massnahmen gelitten hat, aber dennoch sehr interessiert und wissbegierig ist. Neugier macht uns Menschen aus.

Es gibt nach wie vor viele junge Menschen, die selbst etwas herausfinden, etwas wissen und erforschen wollen. Vielleicht verstärkt die KI eher noch den Wunsch, dass man den ganzen Weg von Anfang bis zum Ende bewusst mit eigenem Denken entdecken möchte.
BärnerBär: Apropos Weg: Wie kamen Sie schliesslich in die Schweiz?
Richter: Relativ unspektakulär! Ich sah 2007 eine Professur für Moderne Englische Literatur ausgeschrieben, und als ich zum Bewerbungsgespräch nach Bern kam, verliebte ich mich auf den ersten Blick in diese Stadt.
Natürlich stimmten auch das Arbeitsumfeld und das gesamte Paket. Mit dem grossen kulturellen Angebot hier fiel mir der Entscheid sehr leicht. Ausserdem liebe ich die Nähe zu den Bergen, in denen ich mich gerne erhole.
BärnerBär: 2021 wurden Sie zur Vizerektorin Entwicklung gewählt, 2024 übernahmen Sie als erste Frau das Rektorat der Universität Bern. Was würden Sie jungen Mädchen für ihren Berufsweg mitgeben?
Richter: Dass sie sich ihrer Stärke bewusst sind und sich nicht einschüchtern lassen. Die Universitäten waren zu meiner Zeit noch fast ausschliesslich Männerdomänen, zumindest was die Professuren betraf.
Das schreckte mich aber nicht ab oder besser gesagt: Ich habe gar nie darüber nachgedacht. Ich ging einfach meinen Weg. Mit Beharrlichkeit und dem Glauben an sich selbst kann man fast alles erreichen.
INFO
Serie: Erfolgreiche Frauen in Bern
In dieser Serie spricht der BärnerBär mit bekannten Frauen in Bern und will herausfinden, welche Menschen sich hinter den prominenten Namen verbergen, was ihnen wichtig ist, wer sie prägte und wie sie zu dem wurden, was sie heute sind.
Weitere Interviews aus dieser Serie mit Birgit Steinegger, Marieke Kruit, Manuela Angst, Imke Wübbenhorst, Nicole Loeb und Livia Anne Richard.
BärnerBär: Ist das auch Ihr persönliches Credo?
Richter: Ich finde, wir sollten öfter innehalten und dankbar sein für das, was wir haben und es auch geniessen. Im Hier und Jetzt. Für mich bringt es ein Dialog aus den «Peanuts» wunderbar auf den Punkt.
Charlie Brown sagt: «Someday, we will all die, Snoopy.» Und dieser antwortet: «True, but on all the other days, we will not.» Das dünkt mich ein wunderbares Leitmotiv: Der Tod betrifft nur einen einzigen unserer Tage, das Leben all die anderen.








