Vergiftungsfälle nehmen zu – oft Kleinkinder betroffen
Kinder und Jugendliche geraten oft mit Giftstoffen in Gefahr – vermehrte Fälle in der Schweiz lösen Alarm aus.

Das Wichtigste in Kürze
- Zuwachs bei Vergiftungsfällen: Tox Info Suisse erhielt 2025 zehntausende Anrufe.
- Häufig handelt es sich um Unfälle mit Kleinkindern, etwa die Einnahme von Spülmitteln.
- Tox Info Suisse berät Ärzte und Eltern: Prävention im Haushalt bleibt entscheidend.
Die Anzahl der Vergiftungsfälle in der Schweiz steigt kontinuierlich an. Die Vergiftungsfachstelle Tox Info Suisse verzeichnete 2025 fast 45'000 Anrufe auf die Notrufnummer 145.
Diese Entwicklung bereitet den Experten zunehmend Sorgen.
Oberärztin Colette Degrandi von Tox Info Suisse sagt gegenüber SRF: «Vergiftungen, zum Beispiel in Kombination mit kreislaufwirksamen Medikamenten oder mit Psychopharmaka, sind nicht jedem behandelnden Arzt vertraut. Deswegen ist es gut, wenn wir als Kompetenzzentrum beigezogen werden.»
Was ebenfalls häufig passiere: Kleine Kinder kommen in der Entdeckungsphase mit schädlichen Substanzen in Kontakt. Meist handle es sich aber um harmlos verlaufende Unfälle.
Degrandi vermerkt: «‹Nicht dramatisch› bezieht sich natürlich auf die medizinische Situation, weil wir in so einem Fall keine lebensbedrohlichen Symptome erwarten.»
Trotzdem würden solche Vorfälle bei Eltern verständlicherweise Panik auslösen.
Kinder klettern zu Putzmitteln
Ein typisches Beispiel beschreibt die Ärztin so: Ein kleines Kind klettert auf die Küchenzeile. Dort greift es zur Spülmittelflasche und trinkt einen Schluck.
Die meisten Haushaltsreiniger sind glücklicherweise nicht besonders gefährlich. Dennoch handelt es sich um Chemikalien, die im Kinderkörper Reaktionen auslösen können. Fachpersonen helfen dabei, die Situation richtig einzuschätzen und Eltern zu beruhigen.
Im Durchschnitt nehmen die Mitarbeitenden von Tox Info Suisse 123 Anrufe pro Tag entgegen. Diese Zahl zeigt das Ausmass des Problems in der Schweiz.
Suizidversuche bei Jugendlichen nehmen zu
Eine beunruhigende Entwicklung bereitet den Experten jedoch grösseren Sorgen. «Wir stellen seit einigen Jahren einen Anstieg von Suizidversuchen bei Jugendlichen mit giftigen Stoffen fest», berichtet Degrandi. Diese Fälle betreffen meist Drogen oder Medikamente.
Obwohl die Fallzahlen bei Suizidversuchen glücklicherweise gering bleiben, beobachten die Fachleute diese Entwicklung sehr genau. Die Tendenz zeigt einen klaren Aufwärtstrend bei dieser Altersgruppe.
Die Toxikologie – die Lehre von Giftstoffen – sei ein sehr kleines Fach in der Medizin. Das Wissen darüber sei nicht breit gestreut unter Ärzten. Alkoholvergiftungen kennen hingegen «alle, die auf einer Notfallstation arbeiten».
Prävention ist unabdingbar
Die Schweiz sei bezüglich Prävention gut aufgestellt, so Degrandi. Besonders Arbeitsplätze gälten als sicher. Trotzdem würden häufig «unnötige» Unfälle in den eigenen vier Wänden passieren.
Zu empfehlen sei, Medikamente und giftige Stoffe sicher aufzubewahren. Sie sollten für Kleinkinder nicht erreichbar sein. Auch ältere Kinder sollten keinen Zugang zu grösseren Mengen haben.
Bei den Anrufen würden interessante Muster sichtbar, beschreibt Degrandi: Abends kommen mehr Anfragen als tagsüber. Im Sommer verzeichnet der Giftnotruf mehr Fälle als im Winter. Diese Tendenz bestehe seit Jahrzehnten konstant.
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Brauchst du Hilfe?
Bist du selbst depressiv oder hast du Suizidgedanken? Dann kontaktiere bitte umgehend die Dargebotene Hand (www.143.ch).
Unter der kostenlosen Hotline 143 erhältst du anonym und rund um die Uhr Hilfe. Die Berater können Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen. Auch eine Kontaktaufnahme über einen Einzelchat oder anonyme Beratung via E-Mail ist möglich.
Für Kinder oder Jugendliche steht die Notrufnummer 147 zur Verfügung.
Hilfe für Suizidbetroffene: www.trauernetz.ch













