«Verdrängung» droht: Trotz vollen Lagern importiert Schweiz Getreide
Ausländisches Getreide ist oft günstiger als einheimisches. Braucht es mit Blick auf die vollen Lager strengere Import-Regeln?

Das Wichtigste in Kürze
- Trotz Rekord-Ernte importiert die Schweiz Getreide.
- Schweizer Bauern konkurrieren daher mit günstigem Import-Getreide.
- Die Branche diskutiert, wie mit der Situation umzugehen ist.
Die Zahlen sind eindrücklich – und sie sorgen für Stirnrunzeln. Die Getreideernte 2025 war ein Ausnahmejahr: Volle Lager, solide Qualität.
Und doch importiert die Schweiz weiter Getreide. Wie passt das zusammen?
Simone Barth, Chefredaktorin der «Bauernzeitung», schlägt Alarm. In ihrer Analyse warnt sie vor einer «Verdrängung»: «Der IP-Suisse-Bauer im Seeland, der pestizidfreien Weizen produziert, konkurriert mit importiertem Bio-Getreide, das am Ende billiger ist.»
Ihre Forderung ist brisant: Ein «Inländervorrang» für Schweizer Getreide. Sonst drohe, dass hochwertiger Schweizer Brotweizen plötzlich im Futtertrog landet.
So zugespitzt die Diagnose ist, so vielschichtig ist die Realität dahinter.
Schweizer Getreidemarkt ist hochkomplex
Der Schweizer Getreidemarkt ist kein einheitliches Feld, sondern ein Geflecht aus Teilmärkten: Bio, IP-Suisse, Suisse Garantie und ungelabelte Ware. Jeder Markt mit eigenen Regeln, Preisen und Dynamiken.
IP-Suisse, erkennbar am Marienkäfer im Logo, setzt auf pestizidfreien Anbau. Das Label erlaubt aber einen massvollen Einsatz von Kunstdünger.
Und: Im Unterschied zu Bio muss zudem nicht der gesamte Betrieb umgestellt werden. Bio Suisse hingegen – mit der Knospe im Logo – unterliegt strengeren Vorgaben für den ganzen Betrieb.
Gleichzeitig wirken politische Entscheide nach: Der Bundesrat hat 2025 das Importkontingent für Brotgetreide auf 70’000 Tonnen jährlich erhöht. Eine Reaktion auf die schwache Ernte 2024.
Dass unmittelbar danach ein Rekordjahr folgte, verschärft nun die Spannungen im Markt.
Gute Ernte, begrenzter Markt
Bei IP-Suisse trifft eine gute Ernte auf einen begrenzten Markt.
Geschäftsführer Christophe Eggenschwiler spricht gegenüber Nau.ch von einer «insgesamt guten» Ernte 2025: überdurchschnittliche Erträge, solide Qualität. «Aktuell gehen wir davon aus, dass für 2026 genügend IP-Suisse-Brotgetreide verfügbar sein wird.»
Doch die Nachfrage hält nicht immer Schritt. «Die Nachfrage ist grundsätzlich gut. Der Markt in der Schweiz ist aber begrenzt.»
Importe – insbesondere vorgefertigte Teige für Brot und Gebäck aus dem Ausland nehmen zu – verschärften die Situation zusätzlich

In starken Erntejahren entstünden so Überschüsse, die eingelagert werden müssen, damit schlechte Erntejahre ausgeglichen werden können.
Gleichzeitig bleibt der Wettbewerb Realität: «Entsprechend gibt es auch Wettbewerb zwischen den verschiedenen Herkünften.»
Denn: «Importierte Ware ist in der Regel günstiger. Das kann sich je nach Marktlage auf Preise und Absatzmöglichkeiten auswirken.»
Bio setzt auf Schweizer Herkunft
Im Bio-Segment zeigt sich ein differenzierteres Bild. 2025 brachte eine Rekordernte, wie Bio-Suisse-Sprecher Lukas Inderfurth gegenüber Nau.ch erklärt: 2025 lagen die Inlandanteile bei Weizen bei 77 Prozent, bei Roggen bei 76 Prozent und bei Dinkel bei 54 Prozent.
Trotzdem bleibe die Schweiz auf Ergänzungen angewiesen. «Die Inland-Produktion von Bio-Getreide kann die Nachfrage nicht in jedem Jahr vollständig und kontinuierlich abdecken.» Schwankungen gehörten zum System.
Gleichzeitig sorgt gerade die starke Ernte nach dem schwachen Vorjahr für Spannungen: Der Absatz entlang der Wertschöpfungskette konnte nicht im gleichen Tempo mithalten.
Wichtig ist für Bio Suisse zudem die klare Marktlogik: «Bio und konventionell sind zwei separate Kanäle.»
Eine direkte Verdrängung sehe man hier nicht. Auch weil verbindliche Inlandanteile sicherstellen, dass Schweizer Bio-Ware abgenommen wird.
Die Nachfrage bleibt robust: Bio-Frischbrot erreicht im Detailhandel einen Marktanteil von 24,6 Prozent, Der Umsatz ist zuletzt weiter gewachsen.
Und mit Coop gebe es einen starken Treiber: Künftig sollen alle Bio-Brote mit Schweizer Knospe-Weizen gebacken werden.
Volle Lager, schwieriger Absatz
Im Handel zeigt sich die Kehrseite des Rekordjahres. Alice Brunold vom Landwirtschafts-Konzern Fenaco beschreibt gegenüber Nau.ch eine gesicherte Versorgung, aber auch ein angespanntes Umfeld: Tiefe Weltmarktpreise, verhaltene Nachfrage.
Die Folge: Volle Lager, insbesondere bei Brot- und Biogetreide. Gleichzeitig bleibt Futtergetreide knapp – ein strukturelles Ungleichgewicht im System.
Ein zusätzlicher und oft unterschätzter Druckfaktor kommt von aussen: Steigende Importe von Halb- und Fertigprodukten sowie Teiglingen.

Grundsätzlich gilt: Konventionelle Produzenten werden insbesondere durch den steigenden Import von Teiglingen konkurrenziert. Der Import von Teiglingen in Bio-Qualität ist nicht erlaubt.
Fenaco weist darauf hin: Die Importe reduzieren die Vermahlungsmengen in der Schweiz und verschärfen den Wettbewerb im Brotregal deutlich.
Labelprogramme bleiben wichtig, sagt Brunold. «Gleichzeitig zeigt sich aktuell, dass Label allein keinen Absatz garantieren.» Die Mehrwerte müssten besser erklärt werden.
Müller finden Schweizer Getreide zu teuer
Bei den Mühlen wird das Problem noch deutlicher. Lorenz Hirt vom Müllerverband DSM spricht gegenüber Nau.ch von gut gefüllten Lagern – und gleichzeitig von massivem Importdruck.
Der Hauptgrund liege im Preis: Schweizer Brotgetreide kostet rund dreimal so viel wie in der EU. Hirt fordert deshalb eine Anpassung: «eine Marktkorrektur in der Höhe von acht bis 10 Franken.»
Die Folgen sind bereits sichtbar: Die Schweiz verliert Exportvolumen – etwa bei Dauerbackwaren, deren Ausfuhren zuletzt deutlich zurückgingen – während der Importanteil stark steigt. Von 40 auf über 60 Prozent in wenigen Jahren.
Der Fall des geforderten «Inländervorrangs» zeigt: Im Schweizer Getreidemarkt stehen grundlegende Fragen im Raum. Einfache Antworten gibt es nicht – dafür viele verschiedene Interessen.
Hirts Fazit ist klar: Die Branche braucht eine gemeinsame Strategie. «Der blosse Fokus auf den Preis und die Verteidigung desselben greift mittelfristig zu kurz.»











