Tempo 80 auf Autobahn: So viel Sprit liesse sich sparen
Der Bund prüft Tempo 80 auf Schweizer Autobahnen, um Treibstoff zu sparen. Politiker sind sich uneins. Ein Experte erklärt, wie gross das Sparpotenzial ist.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Bund prüft, ob Tempo 80 auf Schweizer Autobahnen zur Treibstoffeinsparung beitragen könnte.
- Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone fordert eine rasche Temporeduktion und will den Ausstieg aus fossilen Energien vorantreiben.
- Der Automobil-Club ACS würde eine zeitlich begrenzte Temporeduktion nicht begrüssen, sie bei einer schweren Mangellage aber auch nicht bekämpfen.
- Ein Experte rechnet für Nau.ch vor, wie viel Treibstoff durch die Massnahmen einsparen liesse.
Am Wochenende wurde bekannt: Der Bund prüft Tempo 80 auf Schweizer Autobahnen.
Mit der Reduktion der Höchstgeschwindigkeit soll Treibstoff gespart werden. Hintergrund ist die angespannte Lage auf dem Treibstoffmarkt und das Anzapfen der Pflichtlager.
Auf Anfrage von Nau.ch hiess es: «Damit auch diese Massnahme auf dem heutigen Stand vorbereitet ist, wurde diesen Herbst eine verwaltungsinterne Konsultation durchgeführt.»
Die verschiedenen Ämter prüfen nun also, ob Tempo 80 tatsächlich sinnvoll ist – und wie die Massnahme umgesetzt werden könnte.
Grünen-Mazzone jubelt über Bund-Pläne
Eine fühlt sich bestätigt: Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone hatte bereits im Mai Tempo 80 als Massnahme gegen die Energiekrise gefordert. Dass die Behörden eine Temporeduktion nun prüfen, begrüsst sie.
«Das Tempo muss rasch reduziert werden», sagt sie zu Nau.ch. Damit lasse sich viel Treibstoff einsparen, ohne Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.
Studien zeigten zudem, dass tiefere Geschwindigkeiten den Verkehrsfluss verbessern und Staustunden reduzieren könnten. «Der Zeitverlust wäre minimal, wenn überhaupt», glaubt Mazzone.

Tempo 80 sei jedoch nur eine Sofortmassnahme. «Die aktuelle Krise ist ein Weckruf: Wir müssen aus den fossilen Energien aussteigen.» Nur so liessen sich Umwelt und Bevölkerung schützen.
Den Ausstieg bremse die Rechte aus und verhindere damit eine rasche Lösung. Das führe in eine «gefährliche Abhängigkeit». Auch die starken Treibstoffpreisschwankungen seien für das Portemonnaie der Bevölkerung hoch problematisch.
Die Grünen wollen deshalb im Dezember eine ausserordentliche Session für die Befreiung der fossilen Energien einberufen. «Bleibt der Erfolg aus, prüfen wir weitere Schritte – bis hin zu einer Volksinitiative.»
Tempo 80 ist umstritten
Fragezeichen hingegen hat Simone Gianini, FDP-Nationalrat aus dem Kanton Tessin und Zentralpräsident des Automobil-Clubs der Schweiz (ACS).
«Der ACS würde eine zeitlich begrenzte Temporeduktion auf Autobahnen zwar nicht begrüssen, aber auch nicht bekämpfen», sagt er Nau.ch. «Die Landesversorgung hätte in einem solchen konkreten schwerwiegenden Fall auch für den ACS Priorität.»

Die Behörden müssten aber belegen, dass eine Mangellage besteht, keine Alternativen möglich sind und die Temporeduktion diese entschärfen würde. Momentan seien diese Voraussetzungen nicht erfüllt.
«Die Versorgung mit Treibstoff ist in der Schweiz momentan sichergestellt», sagt Gianini. Die weitere Versorgung hänge von der Lage in Europa ab. «Was uns mehr als eine mögliche Mangellage besorgt, ist hingegen der kontinuierliche Anstieg der Preise.»
Automobil-Präsident: Bund soll zunächst an Eigenverantwortung appellieren
Zunächst soll der Bund bei Bedarf weitere Mengen aus den Pflichtlagern freigeben. Zudem könnte er an die Eigenverantwortung appellieren und dazu aufrufen, in einer akuten Mangellage nur absolut notwendige Fahrten zu unternehmen.
Tempo 80 wäre für Autofahrerinnen und Autofahrer unangenehm, glaubt Gianini. «Eine Temporeduktion von 120 auf 80 km/h bedeutet eine Reduktion der zulässigen Höchstgeschwindigkeit um einen Drittel. Und bei konstanter Fahrt über dieselbe Strecke eine Verlängerung der Fahrzeit um 50 Prozent.»
Auch der Güterverkehr wäre betroffen.
Doch wie gross wären die Einsparungen durch eine Temporeduktion von 120 auf 80 km/h tatsächlich?

«Durchaus erheblich», schätzt Christian Bach von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) für Nau.ch ein. Er ist Experte für Fahrzeugsysteme.
Bach macht folgendes Beispiel: Ein modernes Fahrzeug verbraucht auf 100 Kilometern bei konstant 120 km/h rund 6,2 Liter Diesel. Bei Tempo 80 wären es nur noch 3,6 Liter. Das entspricht einer Einsparung von rund 40 Prozent.
Der Grund: Je schneller ein Auto fährt, desto stärker bremst es der Luftwiderstand aus. Bei tieferem Tempo braucht es deshalb deutlich weniger Energie.
«Erhöhter Zeitbedarf»
Allerdings hat die Sache einen Haken: Für dieselbe Strecke braucht man bei Tempo 80 rund 50 Prozent mehr Zeit.
Zudem fällt die Einsparung geringer aus, wenn der Verkehr durch häufiges Beschleunigen und Abbremsen unruhiger wird.
Bach zieht deshalb ein klares Fazit: «Die Temporeduktion ist schon sehr wirkungsvoll. Aufgrund des erhöhten Zeitbedarfs aber wohl nicht die beliebteste Massnahme.»
Auch mit weniger Autofahrten liesse sich Treibstoff sparen.
Wer näher am Arbeitsort oder an seinen Freizeitaktivitäten wohnt, könnte manche Fahrt vermeiden. «Das ist allerdings auch einfacher gesagt als getan», räumt Bach ein.
Eine weitere Möglichkeit wären kleinere und leichtere Autos. Diese benötigten in der Regel weniger Treibstoff.















