Tanken und davonfahren nimmt in mehreren Kantonen zu
In Teilen der Schweiz häufen sich unbezahlte Tankfüllungen. Die Branche sieht bisher aber keinen schweizweiten Trend.

Das Wichtigste in Kürze
- In mehreren Kantonen häufen sich Drive-offs an Schweizer Tankstellen.
- Aargau, St. Gallen und Thurgau melden deutlich mehr Wegfahrer als 2025.
- Die Branche sieht bisher aber keinen schweizweiten Benzinklau-Boom.
Tanken und davonfahren, ohne zu bezahlen: In mehreren Schweizer Kantonen häufen sich in diesem Jahr sogenannte Drive-offs an Tankstellen.
Die Kantonspolizei Aargau verzeichnete bis Ende Juli 41 Wegfahrer, wie sie auf Anfrage von Nau.ch mitteilt. Im gleichen Zeitraum 2025 waren es nur knapp 20.
Die Zahl hat sich damit mehr als verdoppelt. Auch die Zahl der Treibstoffdiebstähle insgesamt erhöhte sich von 39 auf 54.
Die Auswertung zeige, dass die Fälle «mutmasslich als Folge der stark gestiegenen Treibstoffpreise» zugenommen hätten, sagt Sprecher Bernhard Graser.
Deutlicher Anstieg in drei Kantonen
Auch St. Gallen registriert mehr Fälle. Von Januar bis Mitte Juli zählte die Kantonspolizei rund 40 Wegfahrer. Im Vorjahreszeitraum waren es rund 30.
Im benachbarten Thurgau wuchs die Zahl gar von 10 auf 25 Fälle. Bei rund der Hälfte handelt es sich laut Polizei um Gelegenheitstaten. «Die andere Hälfte wurde von Wiederholungstätern begangen», erklärt Sprecher Ralf Frei.
Ob die höheren Treibstoffpreise zu mehr Drive-offs geführt haben, lassen St. Gallen und der Thurgau offen. Die Thurgauer Polizei verweist zudem auf die kleinen und schwankenden Fallzahlen.
Andere Kantone melden keine vergleichbare Entwicklung. Basel-Landschaft registrierte im ersten Halbjahr 43 Treibstoffdiebstähle. Im Vorjahreszeitraum waren es 45.
Im Kanton Bern zeigt sich laut Polizei sogar eine eher rückläufige Tendenz. Zu berücksichtigen sei jedoch, dass nicht alle Vorfälle polizeilich gemeldet oder als Diebstahl angezeigt würden.
Branche sieht keinen landesweiten Trend
Auch die Tankstellenbranche erkennt bislang keinen schweizweiten Benzinklau-Boom.
Der Verband der Tankstellenshop-Betreiber der Schweiz, kurz VTSS, spricht von unveränderten Fallzahlen. Migrol, Coop Pronto sowie mehrere Betreiber von Agrola- und Avia-Tankstellen stellen ebenfalls keine generelle Zunahme fest.
Eine Ausnahme ist Socar. Das Unternehmen verzeichnet nach eigenen Angaben einen «moderaten Anstieg», nennt aber keine Zahlen. Sogenannte Drive-offs seien «mit Abstand die grösste Form des Benzindiebstahls». Zusätzliche Sicherheitsmassnahmen plant Socar derzeit nicht.
Klassische Wegfahrt dominiert
Auch laut VTSS ist das Wegfahren ohne Zahlungsversuch die klar häufigste Form. Sie macht rund 85 Prozent aller Fälle aus.
Andere Vorgehensweisen spielen eine kleinere Rolle. Falsche Kontrollschilder kommen laut Kapo St. Gallen in Kombination mit Tankbetrug zwar vor, aber selten. Im Thurgau wurden dieses Jahr zudem drei Treibstoffdiebstähle auf Baustellen registriert.

Im Kanton Bern fallen laut Polizei immer wieder Fahrzeuge mit ausländischen Kontrollschildern auf. Sie werden auf der Durchreise betankt, ohne dass der Treibstoff danach bezahlt wird.
Die Osterwalder Gruppe, die mehr als 100 AVIA-Tankstellen betreibt, beobachtet während der Sommerferien generell mehr sogenannte Schwarztanker.
«Das hat vor allem mit Durchfahrten ausländischer Autofahrer zu tun», sagt auch Lukas Christen, Leiter Verkauf und Kundendienst. Dieses Phänomen wiederhole sich jedes Jahr. Einen Zusammenhang mit den höheren Spritpreisen sieht das Unternehmen nicht.
Nicht immer steckt Absicht dahinter
Nicht bei jeder unbezahlten Tankfüllung muss es sich gleich um vorsätzlichen Diebstahl handeln.
Migrol zufolge gehen Kundinnen und Kunden mitunter irrtümlich davon aus, bereits bezahlt zu haben. Andere seien mit den Bezahlmöglichkeiten vor Ort nicht vertraut.
«Die meisten dieser Fälle können im Nachgang unkompliziert geklärt werden», sagt Sprecherin Diana Eisenberg.

Ähnliches berichtet die Landi Frila, die sieben Agrola-Tankstellen betreibt. Eigentlicher Benzindiebstahl mit betrügerischer Absicht komme dort sehr selten vor.
Der stellvertretende Geschäftsführer Hans-Jürg Fischer hält gegenüber Nau.ch fest: «In den allermeisten Fällen sind unbezahlte Tankungen auf Abgelenktheit oder Nicht-Erwähnen des erfolgten Tankens an der Kasse zurückzuführen.»
Die Landi Zola, Betreiberin von neun Agrola-Tankstellen, registriert rund 35 Fälle pro Monat. Die Zahl liege auf Vorjahresniveau, erklärt Marius Zuber, Leiter Energie.
Kameras überführen viele Wegfahrer
Ohnehin haben es Treibstoffdiebe an Schweizer Tankstellen schwer – die meisten sind videoüberwacht. Dadurch lassen sich Fahrzeuge, Kontrollschilder und Personen häufig identifizieren.
So wurden im Thurgau dieses Jahr bereits 23 von 25 Fällen aufgeklärt. Auch in St. Gallen können Wegfahrer laut Polizei meist ermittelt werden. «Oftmals werden die Strafanträge seitens der Tankstellenbetreiber zurückgezogen, sobald der Treibstoff bezahlt wird», sagt Kapo-Sprecherin Martina Brassel.
Schwieriger sind die Ermittlungen, wenn keine brauchbaren Aufnahmen oder Hinweise vorliegen. Darauf weist die Kantonspolizei Aargau hin.
Im Schnitt fehlen 58 Franken
Pro Vorfall geht es meist um einen überschaubaren Betrag. Laut VTSS blieben 2025 im Durchschnitt 56 Franken unbezahlt. Dieses Jahr sind es 58 Franken. Der Verband stuft die Differenz als unwesentlich ein.
Bei der Landi Zola liegt der durchschnittliche Schaden bei rund 45 Franken. Der administrative Aufwand ist nicht mitgerechnet.
Ein landesweiter Anstieg lässt sich aus den vorliegenden Angaben also nicht ableiten. Doch die Zahlen aus dem Aargau, St. Gallen und dem Thurgau zeigen: In mehreren Regionen fahren dieses Jahr deutlich mehr Menschen nach dem Tanken davon, ohne zu bezahlen.













