So hebeln Schweizer Bschiss-Gewerbler das System aus

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Zürich,

Versicherungsbetrug, unehrliche Steuererklärungen und Co.: Kriminelle Selbständige und Angestellte kosten die Schweiz jährlich Hunderte Millionen Franken.

geldwäscherei
Zwielichtige Gewerbler und diebische Mitarbeiter verursachen in der Schweiz jedes Jahr Schäden in der Höhe von mehreren hundert Millionen. - pexels

Das Wichtigste in Kürze

  • Wirtschaftsbetrug verursacht in der Schweiz jährlich hunderte Millionen Franken Schäden.
  • KI hilft Tätern heute, einfacher Unterlagen zu fälschen.
  • Die höchsten Schäden verursachen Firmenbesitzer. Aber auch Mitarbeiter lügen und betrügen.

Sie verschweigen Einnahmen, fälschen Belege oder rechnen Leistungen schwarz ab: kriminelle Gewerblerinnen und Gewerbler, aber auch Angestellte. Gerade, wenn es um Steuern oder Versicherungen geht, trägt die Allgemeinheit zuletzt die Schäden.

Die unter anderem auf Betrug spezialisierte Wirtschaftsprüferin Cindy Hofmann vom Beratungsunternehmen KPMG sagt zu Nau.ch: «Wir sprechen bei den bekannten Fällen bereits von Schäden in der Grössenordnung von mehreren hundert Millionen Franken pro Jahr.»

Das sind aber nur die Fälle, die ans Licht kommen. Viele Delikte werden gar nie entdeckt oder verschwinden intern in den Schubladen der Firmen.

Spannend: Laut der Betrugsermittler-Vereinigung ACFE verursachen Geschäftsführer international mit Abstand die höchsten Schäden.

«Steuerehrlichkeit in der Schweiz relativ niedrig»

Dazu, wie oft das in der Schweiz vorkommt – konkret auch, wie oft Gewerbler Dritte schädigen – fehlen Zahlen.

2023 zeigte eine Studie der Universität St. Gallen jedoch: Sowohl Unternehmen als auch Private versteckten innert zehn Jahren 66 Milliarden Franken vor den Steuerverwaltungen.

Bist du bei der Steuererklärung immer ehrlich?

Ein Studienautor sagte dem «Tagesanzeiger»: Das Studienergebnis zeige, «dass die Steuerehrlichkeit in der Schweiz im internationalen Vergleich relativ niedrig ist».

Bschiss-Firmen umgehen Versicherungsprämien

Auch die Versicherungen werden immer wieder von zwielichtigen Firmen getäuscht.

Die Unfallversicherung Suva schreibt, einige Unternehmen machten falsche Angaben, um weniger Prämien zahlen zu müssen. Beispielsweise indem zu tiefe Löhne angegeben werden.

Der Klassiker sind Firmen, die keine Sozialversicherungsprämien zahlen, ihre Mitarbeitenden also schwarz arbeiten lassen.

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Immer wieder umgehen Firmen Sozialversicherungsprämien, indem sie ihre Mitarbeitenden schwarzarbeiten lassen. - keystone

Wie der Schweizerische Versicherungsverband SVV gegenüber Nau.ch verlauten lässt, gibt es keine Zahlen zu Schäden, die Versicherungsbetrug im Gewerbe verursachen.

«Es kursieren jedoch seit Jahren Schätzungen, wonach rund zehn Prozent der ausbezahlten Leistungen auf falschen oder betrügerischen Angaben beruhen könnten.»

Die Zahl sei nicht durch aktuelle Studien belegt und mit Vorsicht zu geniessen.

Gewerbler vermeiden Schulden mit Serien-Pleiten

Auch ein bekanntes Problem in der Schweiz sind Serien-Pleitiers. Für Schlagzeilen sorgte im Frühling etwa ein einzelner Pleitekönig, der innert zehn Jahren satte 61 Konkurse verursachte.

So müssen die Firmenbesitzerinnen und -besitzer ihre Schulden nicht bezahlen und können einfach mit einer neuen Firma weitermachen.

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Er ist der König der Pleitiers: Ein Mann hat in zehn Jahren ganze 61 Firmen in den Konkurs geritten. - keystone

Insgesamt zählte die Wirtschaftsauskunftei Crif 2440 Personen, die innert zehn Jahren mindestens drei Firmenpleiten verursachten.

Ebenfalls verbreitet ist Geldwäscherei. Dabei wird illegal erworbenes Geld versteckt, sodass es wie legal verdientes Geld aussieht.

2025 gingen bei der Schweizer Meldestelle für Geldwäscherei (MROS) über 21’000 Verdachtsmeldungen ein – so viele wie noch nie.

Kurz: Das Schweizer oder firmeninterne System wird zu eigenen Gunsten ausgehebelt. Doch wer sind diese zwielichtigen Gewerbler?

Diese Branchen sind besonders anfällig

Zu den Serien-Pleitiers gibt es aktuelle Zahlen. Hier zeigt sich: 93 Prozent von ihnen sind Männer, sieben Prozent Frauen. Am häufigsten von den Konkursen betroffen war die Baubranche, danach der Grosshandel, die Gastronomie und Finanzdienstleistungen.

Anfällig für Wirtschaftskriminalität sind grundsätzlich alle Branchen. Wirtschaftsprüferin Cindy Hofmann erklärt: «Betrug entsteht häufig dort, wo Kontrollen fehlen, Zuständigkeiten unklar sind oder es an Transparenz mangelt.»

Umgekehrt werden Betrugsfälle häufiger dort entdeckt, wo es strenge Kontrollen gibt. Darum werden im Finanz- oder Pharmabereich Unregelmässigkeiten oft schneller erkannt als in weniger regulierten Branchen.

Auch konkret für Geldwäscherei sind grundsätzlich alle Branchen anfällig, sagt Roméa Alonso von der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International Schweiz zu Nau.ch.

Besonders gelte das jedoch für Branchen, die nur wenig zur Bekämpfung von Geldwäscherei reguliert sind. Oder solche, die eine Schlüsselrolle dabei spielen, illegal verdientes Geld in den normalen Wirtschaftskreislauf einzuschleusen.

«Häufig sind die Finanz- und Beratungsbranche, die Immobilienbranche sowie der Güterhandelssektor in Geldwäschereifälle involviert. Aber auch die Gastronomie und die Dienstleistungsbranche können betroffen sein.»

KMUler vermischen Schwarzgeld mit normalen Einnahmen

Geldwäscher können sowohl Einzelpersonen – beispielsweise KMU-Besitzer – als auch organisierte kriminelle Netzwerke sein. Entsprechend vielfältig seien die Methoden, um illegale Gelder in den legalen Wirtschaftskreislauf einzuschleusen.

«Ein typisches Beispiel ist das Vermischen von Schwarzgeld mit den regulären Einnahmen eines Geschäfts», sagt Alonso.

Etwa, wenn der Chef einer Bar nebenbei Drogen verkauft und das so verdiente Geld als Barbetriebs-Einnahmen deklariert.

Bargeld und Mehrwertsteuer: So erkennst Du verdächtige Betriebe

Hinweise, dass ein Betrieb gaunert, gibt es auch für die Kundschaft. Beispielsweise wenn ein Nagelstudio oder ein Barbershop Barzahlungen bevorzugt, wie Fabian Ilg von der Kriminalprävention erklärt.

«Das kann natürlich ein Hinweis sein, dass das Kleingewerbe versucht, an der Mehrwertsteuer und Einkommenssteuer vorbeizuwirtschaften.»

Statt in der Steuererklärung verschwindet das Geld unter dem Tisch.

Ilg ergänzt: «Auch bei Restaurants sollte die Kundschaft prüfen, ob das Restaurant einen Abschlussbeleg mit Mehrwertsteuer-Nummer ausgestellt hat.»

Zürcher Buchhalterin klaut 920'000 Franken

Wirtschaftskriminalität beginnt jedoch nicht erst beim Hinterziehen von Millionen von Mehrwertsteuern oder Serien-Pleiten. Auch im kleineren Rahmen wird in der Schweizer Wirtschaft gelogen und betrogen, was das Zeug hält.

Besonders häufig sind laut Hofmann klassische Delikte wie Vermögensveruntreuung, Urkundenfälschung und Diebstahl. Und auch hier können aus kleineren Beträgen plötzlich hohe Schäden werden.

Ein Beispiel: Im Kanton Zürich zweigte eine spielsüchtige Angestellte jahrelang immer wieder Firmengeld für sich ab. Am Schluss hatte sie so 920'000 Franken geklaut.

Sie überwies sich Geld vom Firmenkonto und stahl aus der Bargeldkasse. Die Buchhalterin wurde im Juni unter anderem wegen Veruntreuung verurteilt.

Kriminelle Chefs und Mitarbeiter setzen zunehmend auf KI für Bschiss

«Ebenfalls regelmässig beobachten wir internen Betrug, etwa in Form von Spesenbetrug», sagt Hofmann.

Dabei reichen Mitarbeitende private Ausgaben als Geschäftskosten ein oder manipulieren Belege.

Gab es in deinem Betrieb auch schon Fälle von Wirtschaftskriminalität?

Ein bekannter Fall aus der Schweiz: Der ehemalige SBB-Topmanager Wolfgang Winter wurde 2024 verurteilt, weil er sich bereichert hatte.

Er soll unter anderem Übernachtungen in Luxushotels als Spesen abgerechnet haben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Wolfgang Winter SBB Elvetino
Der damalige Elvetino-CEO Wolfgang Winter (l) begrüsst im April 2013 die Koch-Nationalmannschaft. - keystone

Betrüger machen sich gerne die neusten technologischen Entwicklungen zunutze: Wirtschaftsprüferin Cindy Hofmann beobachtet, dass für Betrügereien zunehmend künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt.

In Untersuchungen habe sie beispielsweise bereits festgestellt, dass Mitarbeitende mit KI Spesenbelege erstellen für Ausgaben, die gar nie angefallen sind.

Dunkelziffer wohl hoch

Besonders teuer wird es laut Hofmann aber nicht bei den Spesen, sondern wenn jemand bei der Bilanz- oder Finanzberichterstattung trickst. «Das verursacht oft Millionenschäden», erklärt sie.

Brisant: Viele Unternehmen scheuen den Gang zur Polizei oder Staatsanwaltschaft.

Stattdessen werden verdächtige Mitarbeitende entlassen oder der Schaden intern geregelt. «Viele Fälle werden den Behörden nicht gemeldet», sagt Hofmann. Deshalb müsse von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden.

Wirtschaftsprofessor: Steuer-Bschiss oft Reaktion auf zu hohe Steuern

Wirtschaftskriminalität ist also weit verbreitet und betrifft die verschiedensten Branchen – aber eben vor allem dort, wo wenig kontrolliert wird.

Trotzdem ist für Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger von der Universität Freiburg klar: Einfach härtere Kontrollen einzuführen, wäre zu kurz gegriffen.

Braucht es mehr Kontrollen?

«Bei der Betrachtung von Steuerhinterziehung und Schattenwirtschaft ist es entscheidend, eine breitere Perspektive einzunehmen», erklärt er gegenüber Nau.ch.

Denn: Hinterziehen Gewerbler Steuern, sei das oft eine Reaktion auf eine Überlastung durch Steuern und Regulierungen.

Das Problem verlangte deshalb nicht einfach eine härtere Kontrolle. Stattdessen fordert Eichenberger eine «umsichtige Reform des Steuersystems und eine Entlastung von Steuern und Regulierungen» für das Gewerbe.

Kommentare

User #4792 (nicht angemeldet)

kennt man gesetze gut wie ich,oder leute um mich,geht einiges ohne kriminelle spiele,aber wissen muss man es,gilt dann für alle

User #5507 (nicht angemeldet)

Am schlimmsten sind die Rentner mit Ergänzungsleistungen, die sich durch das Sammeln von Pfandflaschen 5-10 Fränkli im Monat dazuverdienen, ohne es der EL zu melden. 👴👵

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