«Schockiert»: Junge Männer haben Sex beim Schlafwandeln
Delikte im Zusammenhang mit Schlafwandeln häufen sich in der Schweiz. Etwa führen Männer im Schlaf an ihrer Partnerin sexuelle Handlungen aus.

Das Wichtigste in Kürze
- Gewalttaten und sexuelle Übergriffe können auch schlafende Personen begehen.
- Schlafmediziner sind bei Strafuntersuchungen zunehmend gefragt.
- Die Chancen auf Freispruch wegen Schlafwandelns sind laut Staatsanwaltschaft gering.
Schlafprobleme plagen viele Schweizerinnen und Schweizer. Fast die Hälfte der 18- bis 35-Jährigen gibt in einer aktuellen Studie an, nicht erholt aufzuwachen. Beratungen in Schlaflaboren sind gefragt.
«Unsere Schlafsprechstunden sind regelmässig ausgebucht», sagt Ramin Khatami zu Nau.ch. Er ist Chefarzt der Schlafmedizin in der Aargauer Klinik Barmelweid. Zunehmend sind die Schweizer Schlafexperten aber auch gefragt, wenn es um Untersuchungen von Straftaten geht.
Das Thema ist so aktuell geworden, dass sich die Fachpersonen im Tessin kürzlich an einem internationalen Medizinworkshop darüber austauschten.
«Möglicher Zusammenhang selbst bei Mordfällen»
Die Rede ist von Straftaten, die während des Schlafwandelns begangen worden sein sollen.
«Bis zu zehn Prozent der Personen, die schlafwandeln, können ein aggressives Verhalten, auch gegenüber anderen Personen zeigen», sagt Ramin Khatami. So könnten schwere Verbrechen bis zu Tötungen mit Somnambulismus einhergehen. Somnambulismus ist der Fachausdruck für Schlafwandeln.
«Selbst bei Mordfällen besteht ein möglicher Zusammenhang zwischen Mord und Schlaf», sagt Khatami. Dies zeige eine Analyse publizierter Fälle in Fachzeitschriften.
Sexsomnia
In den letzten fünf Jahren wurde Khatami in drei Fällen von Delikten im Zusammenhang mit Nachtwandeln beigezogen. «Dabei gilt, abzuklären, ob die Tat tatsächlich unbewusst während des Schlafwandelns begangen wurde», sagt Khatami. «Oder ob Schlafwandeln nur als Ausrede benutzt wird.»
In zwei Fällen sei es um sexuelle Übergriffe gegangen, in einem Fall um eine Gewalttat. «In einem Fall diagnostizierten wir Sexsomnia bei einem Mann, der im Schlaf einen sexuellen Übergriff verübt hatte.» Bei Sexsomnia vollziehen Personen im Schlaf sexuelle Handlungen an sich oder anderen Personen.
«Häufiger sind junge Männer als Frauen davon betroffen», sagt Khatami.
Gruppe schlief im selben Raum
Sexuelle Übergriffe im Schlaf beschäftigen auch die Zurzach Care Klinik für Schlafmedizin in Bad Zurzach AG.
«In den letzten Jahren registrieren wir zehn Fälle, in denen während des Schlafs sexuelle Gewalt im Spiel war.» Das bestätigt Jens Acker, Chefarzt der Klinik für Schlafmedizin Bad Zurzach.
2024 kam es zu einer Anzeige nach einer Party. Eine Minderjährige und eine Gruppe junger Erwachsener schliefen im selben Raum.
«Die Minderjährige warf ihrem knapp volljährigen Kollegen uneinvernehmlichen Sex vor», sagt Jens Acker. Der junge Mann sei jedoch freigesprochen worden. «Wir hatten klare Indizien, dass er die sexuellen Handlungen während des Schlafwandelns ausführte.»
«Patienten waren erschüttert»
In den restlichen Fällen meldeten sich die Patienten freiwillig zur Untersuchung an.
«Es handelte sich um Selbstanmeldungen zur Diagnostik und Therapie von jungen Männern», sagt Jens Acker. Diese seien in einer festen Partnerschaft gewesen. Sie hätten intensiven nächtlichen Sexualkontakt gehabt.
Dieser war für die Partnerinnen laut Acker zwar angenehm. «Hier wurden Sexualpraktiken vollzogen, die sie im Wachzustand jedoch nicht durchführen würden.» Als Beispiel erwähnt er Anal- und Oralverkehr.
Erfahren hätten die Patienten dies von ihrer Partnerin, sagt der Chefarzt.
«Die Patienten waren erschüttert, weil sie sich an nichts mehr erinnern konnten.» Bei der Klinik hätten sie sich aus Angst gemeldet. «Sie waren schockiert und befürchteten, ohne Therapie solche Übergriffe auch andernorts zu begehen.» Zum Beispiel in einem Massenschlag im Militär oder beim SAC auf einer Hütte, sagt Acker.
Mord wird verschleiert
Jens Acker geht davon aus, dass die Dunkelziffer von Gewalttaten im Schlaf hoch ist. «Viele Fälle werden entweder nicht zur Anzeige gebracht oder nicht richtig zugeordnet.» Grund dafür sei, dass solche Delikte noch wenig erforscht seien.

In den USA gebe es dagegen spezialisierte Juristen, sagt Acker.
«Sie nutzen die Diagnose des Schlafwandelns als Weg aus massiven Gewaltdelikten.» Mord und vorsätzliche Handlungen würden dadurch als «Schlafereignisse» verschleiert.
Anzeige wegen uneinvernehmlichem Beischlaf
Auf diese Tour versuchte es ein 21-jähriger Mann im Kanton Aargau 2024.
Dieser war gerade in die erste eigene Wohnung gezogen und lud eine junge Frau zu sich nach Hause ein. Es kam zum Geschlechtsverkehr. Die Frau zeigte ihn wenig später an. Sie gab an, dass der Beischlaf uneinvernehmlich gewesen sei.
Der Beschuldigte behauptete in der ersten Befragung, dass er sich nicht erinnern könne und er wohl schlafwandeln haben muss.
Mann fliegt auf
«In weiteren Befragungen hat sich der Mann dann arg widersprochen», sagt Adrian Schuler, Mediensprecher der Staatsanwaltschaft Aargau, zu Nau.ch. «Weshalb schnell nachgewiesen werden konnte, dass es sich hierbei um eine Schutzbehauptung handelte.»
Der Staatsanwaltschaft Aargau sind keine effektiven Fälle von Delikten bekannt, die im Zustand des Schlafwandelns begangen wurden.

Die Chancen für einen Freispruch aufgrund Schlafwandelns sieht Schuler eher gering. «Denn Schlafwandeln gilt als Schlafstörung, die häufig schon seit der Kindheit bekannt ist.» Betroffene unternähmen wohl Massnahmen, um sich vor ungewollten Handlungen im Schlaf zu schützen.
Handykonsum könne Schlafwandeln begünstigen
Bis zu 30 Prozent der Kinder schlafwandeln. Wissenschaftler führen dies auf ihr noch unausgereiftes Nervensystem zurück. Meist beginnt das Schlafwandeln im Grundschulalter und endet mit Erreichen der Pubertät.
Im Erwachsenenalter sind nur noch zwei bis drei Prozent der Bevölkerung von Somnambulismus betroffen.
Bei Nachtwandeln handelt es sich laut Ramin Khatami um eine genetische Störung. «Ein unregelmässiger Schlaf-Wach-Rhythmus, zum Beispiel durch nächtlichen Handykonsum, kann dies begünstigen», sagt er. Ein weiterer Faktor könne Stress sein.


















