Renzo Blumenthal hält «gar nichts» von Sonnencreme für Kühe
Auch Wiederkäuer können einen Sonnenbrand bekommen. Ein Kuhflüsterer hat deshalb einen kuriosen Tipp auf Lager. Der schönste Bauer der Schweiz hält dagegen.

Das Wichtigste in Kürze
- Ein Kuh-Ethologe hält Sonnencreme am Euter für sinnvoll.
- Renzo Blumenthal lehnt dies jedoch ab – und ist damit nicht alleine.
- Eine Tierärztin warnt vor Stress und Fliegen durch Kuh-Sonnencreme.
Nicht nur Menschen leiden unter der Bruthitze. Auch Tiere kommen ins Schwitzen. Und wie Zweibeiner können sich selbst Paarhufer einen Sonnenbrand holen.
Deshalb rät nun ein Kuhflüsterer – man höre und staune – zu Sonnencreme.
Vom «Tages-Anzeiger» darauf angesprochen, ob auch Kühe einen Sonnenbrand bekommen können, antwortet Kuh-Ethologe Christian Manser: «Ja, am Euter und an den Zitzen kann das vorkommen.»
Und dann kommt: «Ich kenne zwar keinen Bauern, der seine Kühe mit Sonnencreme einschmiert, aber es würde durchaus Sinn machen.»
Wie bitte?
Auf Anfrage von Nau.ch bleibt Manser bei seiner Einschätzung. «Würde Sinn machen, wird aber nicht gemacht», sagt er.
Sonnencreme-Tipp ist nicht praxistauglich
Sonnenbrand am Euter könne bei Kühen vor allem beim ersten Weidegang im Frühling vorkommen.
Gleichzeitig relativiert er seine eigene Idee wieder. Es sei nicht praxisrelevant, die Tiere am Euter mit Sonnencreme einzureiben.
«Da der Aufwand nicht mit dem Ertrag übereinstimmt und die Tiere aktuell kaum auf der Tagesweide sind.»
Tatsächlich hat Nau.ch mit mehreren Schweizer Bauern gesprochen. Resultat: Keiner schmiert seine Wiederkäuer ein.
Renzo Blumenthal: «Sehe Sinn der Übung nicht»
Auch nicht Renzo Blumenthal. Der bekannteste Milchbauer der Schweiz und Ex-Mister-Schweiz hält in Vella GR rund 100 Kühe auf einem 64 Hektar grossen Betrieb.
Er sagt gegenüber Nau.ch: «Ich kann mich nicht daran erinnern, dass je eine Kuh von mir einen Sonnenbrand hatte.»
Das Fell schütze die Tiere ausreichend vor der Sonne. Und: «Jetzt im Sommer sind sie auf der Alp, wo es sowieso kühler ist.»

Von Sonnencreme für Kühe hält Blumenthal deshalb «gar nichts». «Ich sehe den Sinn dieser Übung nicht.»
Auch kenne er niemanden, der Kuh-Euter eincremt.
Und falls doch jemand auf die Idee kommen sollte, gibt er Entwarnung für Konsumenten: «Die Zitzen werden vor dem Melken immer gereinigt, wodurch die Milch nicht verunreinigt würde.»
SVP-Bauer: Kühe gehören nicht auf Weide
Der Zürcher SVP-Nationalrat und Milchbauer Martin Haab reagiert mit einem Schmunzeln auf Sonnencreme für Kühe.
Für ihn liegt die Lösung nicht in der Tube, sondern im Hitzeschutz.

«Bei solchem Wetter wie dem aktuellen gehört eine Milchkuh einfach nicht nach draussen», stellt er gegenüber Nau.ch klar.
«Viele glauben, dass eine Kuh auf die Weide gehöre. Das ist aber ein Trugschluss: Ab einer gewissen Temperatur geht keine Kuh freiwillig raus», weiss Haab.
Kühe sind lieber im Stall
Im Stall lasse sich deutlich besser für Schatten, Belüftung und Wasserduschen sorgen.
Bei ihm entscheiden die Kühe deshalb selbst, ob sie lieber drinnen bleiben oder auf die Weide gehen.
Auch Influencer und Agronom Jörg Büchi (@_milchbauernhof_) kann der Idee wenig abgewinnen.

Gegenüber Nau.ch sagt er: «Kühe haben es lieber kalt – die thermoneutrale Zone von Kühen liegt zwischen 0 und 14 Grad. Deshalb sind sie bei den aktuellen Temperaturen am liebsten im Stall.»
Darum gelte derzeit: «Weidegang erhalten die Kühe aktuell in der Nacht oder am frühen Morgen.»
Agrarinfluencer gibt Geld lieber für Stall statt Sonnencreme aus
Und Büchi macht eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung: «Ich creme die Kühe nicht ein, die Kosten für die Sonnencreme kann ich mir durch eine tierfreundliche Stallhaltung sparen.»
Weiter weist er auf einen praktischen Umstand hin: «Zudem ist das Euter glücklicherweise unten an der Kuh angebracht, hier scheint weniger oft die Sonne.»
Zu guter Letzt fragt Nau.ch auch bei einer Tierärztin an. Und zwar bei Dr. Maren Feldmann von Rindergesundheit Schweiz.

Sie bestätigt, dass in der Schweiz bislang niemand Kühe mit Sonnencreme behandelt.
Die Tierärztin lässt sich aber auf das Gedankenspiel ein. «Am Euter an den Zitzen würde sich wie beim Menschen ein leichter Film auf der Haut bilden», sagt sie.
Ganz ohne Nebenwirkungen wäre die Sache nicht. «Vermutlich sind dann mehr Fliegen am Euter, was die Kuh dann wieder irritieren kann.»
Kälber könnten Sonnencreme wegschlecken
Die Milch bleibe zwar unbeeinflusst. Doch bei Mutterkühen gebe es ein praktisches Problem: «Bei Mutterkühen hat man das Problem, dass die Kälber die Sonnencreme beim Saugen aufnehmen und abschlucken würden.»
Mit absehbarem Resultat: «Nach dem Saugen ist dann keine Creme mehr auf den Zitzen …»
Feldmann empfiehlt daher keine Sonnencreme für Kühe.
Schon der Aufwand spreche dagegen. «Man stelle sich nur mal eine Mutterkuhherde vor, indem die Kühe aufwändig eingefangen werden müssen, um die Sonnencreme aufzutragen.»
Feldmann betont: «Der damit verbundene Stress für das Tier rechtfertigt den vermeintlichen Nutzen durch die Sonnencreme nicht.»
Forschung bestätigt Vorliebe für Schatten
Ihr Rat ist deutlich bodenständiger: Schattige Weiden nutzen.
Wo diese fehlen, sollten die Tiere nur in den kühleren Abend- und Nachtstunden auf die Weide. Alternativ könne die Weidezeit reduziert werden.
Und die Forschung scheint den Kühen recht zu geben. «Rinder haben sich bei starker Sonneneinstrahlung und Hitze stets für den Stall entschieden.»
Mit anderen Worten: Die Kuh greift nicht zur Sonnencreme. Sie flüchtet in den Schatten oder den kühlen Stall mit Wasserdusche.















