Kunst

    Regisseur Raoul Peck: «Kunst ohne Zweck ist keine Kunst»

    Keystone-SDA
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    Bern,

    Der haitianische Regisseur Raoul Peck hat am Samstag in Bern den schweizweiten Dokumentarfilmmonat Let's Doc! eröffnet. Sein neuer Film «Orwell: 2+2=5» zeichnet George Orwells Leben nach und zeigt, wie aktuell die Warnungen aus seinem Roman «1984» geblieben sind.

    Wie George Orwell nutzt auch der Raoul Peck seine Arbeit, um politische und gesellschaftliche Machtverhältnisse zu hinterfragen.
    Wie George Orwell nutzt auch der Raoul Peck seine Arbeit, um politische und gesellschaftliche Machtverhältnisse zu hinterfragen. - Keystone/PETER SCHNEIDER

    Raoul Peck, Sie beschäftigen sich schon lange mit Machtstrukturen und historischen Ereignissen. Welche Rolle spielt George Orwell in Ihrem Leben?

    Wie die meisten habe ich Orwell in der Schule gelesen. Seine Literatur wurde mir als Dystopie und Science-Fiction vermittelt. Ich wollte aber lieber Bücher lesen, die mir helfen, zu verstehen, wer ich bin, was die Probleme meines Landes sind und was es bedeutet, als Schwarze Person in dieser Welt zu sein. Erst als Erwachsener entdeckte ich in Orwells Essays eine erstaunliche Nähe zu dem, was heute überall geschieht. Und als ich mich an dieses Filmprojekt machte, tauchte ich noch tiefer in sein Werk ein – besonders in seinen Essay «Why I Write», in dem er über seine Motivation zu schreiben nachdenkt.

    Ein Zitat gleich zu Beginn des Films bringt Orwells Motivation auf den Punkt: Wenn er sich zum Schreiben hinsetze, denke er nicht daran, Kunst zu schaffen. Er schreibe, um einen Missstand aufzudecken. Ist das auch Ihr Antrieb, Filme zu machen?

    Absolut. Als ich mit 26 die Filmschule besuchte, hatte ich bereits meine Meinung und kam aus einem politischen Umfeld. Ich wollte also von Beginn an versuchen, Veränderungen anzutreiben. Ich sage es immer wieder: Kunst ohne Zweck ist keine Kunst. Oder anders gesagt: Kunst um der Kunst willen hat keine Bedeutung.

    «Orwell: 2+2=5» verbindet Orwells Leben und seinen 1948 geschriebenen Roman «1984» mit heutigen totalitären Tendenzen. Erzählt wird durch Texte des Autors, eingesprochen vom Schauspieler Damian Lewis. Warum diese Erzählform?

    Ich hatte Zugang zum gesamten Nachlass von Orwell und den Anspruch, seinem Wesen möglichst nahe zu kommen und zu zeigen, was er uns eigentlich sagen wollte. Dies wollte ich auf eine möglichst intime Weise tun. Im Grunde geht es um einen Schriftsteller, der darum ringt, sein letztes Buch zu schreiben, während er bereits weiss, dass er bald sterben wird.

    Die Bilder zu Orwells Texten sind vielschichtig: historische Aufnahmen, Szenen aus Spielfilmen, Aufnahmen von Reden vergangener und heutiger Regierungschefs, Bilder von Konflikten auf dieser Welt. Sie zeigen, wie aktuell Orwells Themen wie Propaganda, Desinformation, Sprachmanipulation und Zensur geblieben sind. Wie haben Sie die Bilder ausgewählt?

    Ich habe mich zu jeder Zeit gefragt, welche Bilder die eingesprochenen Worte ausdrücken. Das gilt auch für die Musik. Ich musste einerseits die damalige Atmosphäre schaffen, die zu Orwells Zeit herrschte. Bezüglich seiner Lebensstationen wählte ich Aufnahmen von Indien, Myanmar, Spanien und Grossbritannien. Und die Porträts von Menschen aus den verschiedenen Ecken der Erde dienten der Darstellung geteilter Menschlichkeit und sollten dem Film Emotionalität verleihen. Meine Filme sind immer vielschichtig erzählt.

    Ein Erzählstrang Ihres Films orientiert sich an den Leitsätzen aus George Orwells Roman «1984»: «Krieg ist Frieden», «Freiheit ist Sklaverei» und «Unwissenheit ist Stärke». Es sind Parolen eines totalitären Regimes, das durch die Umkehrung von Bedeutungen die Wahrnehmung der Menschen kontrolliert.

    Diese Leitsätze scheinen erstaunlich präzise zu beschreiben, was heute in der Welt geschieht – insbesondere die Rolle der Unwissenheit, der Ignoranz. Je offensichtlicher die Widersprüche, desto entschiedener werden sie als Wahrheit behauptet. Ich meine, Donald Trump hätte diese drei Sätze zu seinen eigenen machen können.

    Die Formel «2+2=5» aus dem Buch und in Ihrem Filmtitel deutet diese Verdrehung von Wahrheit an. Was bedeutet das für die Demokratie?

    Die Demokratie wurde bereits ausgehöhlt. Die westliche Welt ist berauscht von ihrem eigenen Glauben an die Demokratie. Sie betrachtet sie als selbstverständlich und verspürt nicht das Bedürfnis, sie zu schützen. Auch da geht es um Ignoranz. Wird die Wahrheit verdreht, sind viele zu bequem, dies zu hinterfragen – viele gehen ja nicht einmal wählen oder abstimmen. Diese Erosion von Wahrheit und letztlich von Demokratie hat nicht erst vor fünf Jahren begonnen.

    Sondern?

    Schon als Kind habe ich verstanden, dass Worte je nach Ort – ob in den USA oder in Haiti – eine ganz andere Bedeutung haben können. Ich lebte in dem Land, in dem mein Vater inhaftiert war. Gleichzeitig sprach die Kennedy-Administration von Demokratie, Fortschritt und friedlicher Zusammenarbeit. Kennedy belehrte den Rest der Welt über demokratische Werte, während die USA die Duvalier-Diktatur in Haiti unterstützte. Diese Erfahrung hat in mir ein tiefes Misstrauen geweckt. Sie führte zu meinem Bedürfnis, alles zu dekonstruieren: Geschichte, Sprache und letztlich auch das Kino.

    Eine Gefahr, die Ihr Film thematisiert, ist künstliche Intelligenz. Gleichzeitig setzen Sie im Film selber KI ein. Ist die Technologie an sich also nicht das Problem?

    Nein, nicht solange sie transparent und reguliert eingesetzt wird. Mein Problem mit neuen Technologien ist, dass sie nach ihrer Entwicklung privatisiert werden und Profit erwirtschaften müssen. Genau dort beginnt die Gefahr. Profit kennt keine Grenzen und ist irrational. Kurz gesagt: Wenn ein ganzes Dorf abgefackelt werden muss, um noch mehr Profit zu erzielen, dann wird es eben abgefackelt. Dabei könnten wir all diese Technologien regulieren.

    Der Protagonist in «1984», Winston Smith, setzt seine Hoffnung in die «Proles», die einfachen Menschen. Auch Ihr Film ist nicht bloss eine Problemanalyse, sondern glaubt, dass die Zivilgesellschaft Autoritären etwas entgegensetzen könnte.

    Genau: Sie «könnte». Die Geschichte hat gezeigt, dass es stets die Zivilgesellschaft war, die die Strassen einnahm und die Demokratie gerettet hat. Sie ist die potenzielle Rettung.

    Aktuell haben sich in Frankreich, aber auch in anderen Teilen Europas, Protestbewegungen formiert. Wie blicken Sie auf diese?

    Es ist immer gut, wenn Menschen sich Gehör verschaffen. Was mich an diesen Protesten hoffnungsvoll stimmt, ist, dass die jungen Menschen nicht einfach nur demonstrieren, sondern auch erklären, wofür sie auf die Strasse gehen. Sie wissen, dass sie für ihre Zukunft kämpfen müssen, und haben einen klaren Blick auf die Realität. Was mich dagegen erstaunt, ist, wie sehr sich die Politiker von dieser Realität entfernt haben. Wenn sie mit den Jugendlichen in den Dialog treten, wird deutlich, dass sie nicht einmal dieselbe Sprache sprechen.

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