Curvy Model Stella: «Ich bin zwar dick, aber nicht undiszipliniert!»
«Ich will, dass wir Adipositas ernst nehmen und Betroffene besser unterstützen», schreibt Curvy Model Stella in ihrer neuesten Kolumne.

Das Wichtigste in Kürze
- Stella Kizildag (30) ist ein Curvy-Model. Sie schreibt Kolumnen über «Body Positivity».
- Die Zürcherin wünscht sich mehr Aufklärung über Adipositas als chronische Erkrankung – auch in Schweizer Arztpraxen.
- In Hamburg erlebt Stella, wie andere Betroffene mit Food Noise, Schuldzuweisungen und fehlender Unterstützung kämpfen.
Ich stehe frühmorgens um 5 Uhr auf, um Sport zu machen. Abends gegen 22 Uhr stehe ich noch in der Küche und bereite mein Essen für den nächsten Tag vor.
Unter meinen Kolumnen lese ich dann, dass ich Übergewicht glorifiziere. Und es schlecht für die Gesundheit ist. Um abzunehmen, sollte ich mich ganz einfach mehr bewegen und weniger essen. Ach so!
Dank für die «wertvollen» Tipps, nach denen ich gar nicht gefragt habe. Darauf wäre ich alleine natürlich nie gekommen. Und es ist ja nicht so, dass ich mir schon seit meiner Kindheit immer gewünscht hätte, einfach schlank zu sein.
Ich fühlte mich immer allein mit meinen Gedanken, wurde nicht verstanden und habe vergebens bei Ärzten nach Hilfe gesucht.
Das ändert sich jedoch alles, als ich im Oktober nach Hamburg an eine «Adipositas-Konferenz» eingeladen wurde. Was ich nicht erwartet habe, war, wie nahe mir die Gespräche dort gehen würden.
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«Food Noise»: Stimmen im Kopf, die keine Ruhe geben
In meiner Rolle «Curvy Model» zeige ich mich durchaus selbstbewusst. Ich tanze, stehe vor der Kamera – und setze mich aktiv für «Body Positivity» ein.
Offenbar entsteht dadurch manchmal der Eindruck, ich würde mich mit meiner Gesundheit gar nicht beschäftigen.
Zwar sehen die Menschen auf ihren Bildschirmen meinen Körper. Meinen Aufwand dahinter sehen sie nicht. Und leider auch nicht die Gedanken, die ständig ums Essen kreisen.
Dieses innere Verhandeln: «Nein, jetzt darf ich noch nicht essen. Ich muss noch die Kalorien auf der App tracken. Ich will nicht wieder auf die Waage stehen.» Oder: «Mist, ich habe Hunger, aber meine Kalorien sind heute schon erreicht.»
«Food Noise» nennt sich das. Und für mich ist es vor allem eines: anstrengend!
Beim Arzt enden die Vorurteile nicht
Bei der Podiumsdiskussion, moderiert von Vreni Frost, die sich für Gendermedizin und Mental Health einsetzt, spricht mir Tanja Marfo aus der Seele. Seit ihrer Kindheit hat Marfo Gewichtsprobleme. Dies trotz gesunder Ernährung und viel Sport. Von den Ärzten wird sie aber nicht ernst genommen.
Ich höre ihr zu und fragte mich: Wie oft muss man um Hilfe bitten, bevor endlich jemand zuhört?
Mit über 40 ist ein Magenbypass für sie die letzte Rettung. Heute folgt eine Hautstraffung auf die nächste.
Selbsthass hilft nicht weiter
Was mich besonders trifft: Das «Food Noise» im Kopf ist ihr geblieben. Diese ewig ständigen Gedanken ans Essen, die ich selbst so gut kenne. Selbst nach diesem Eingriff ist in ihrem Kopf keine Ruhe.
Eine Therapeutin erklärte dabei, warum Selbstliebe im Umgang mit der Erkrankung wichtig ist. Denn: Selbsthass hilft nicht weiter.
Für mich ist das eine Bestätigung. Ich muss meinen Körper nämlich nicht ablehnen, um mich ernsthaft um ihn zu kümmern.
Auch zwei Ärzte erklären die medizinischen Zusammenhänge während der Podiumsdiskussion und machen deutlich, wie komplex Adipositas ist. Sie fordern mehr Anerkennung und Weiterbildung. Auch unter ihren Kollegen. Denn: Selbst dort herrschen leider Vorurteile.

Highlight: Meine Gedanken als Ausstellung
Besonders geblieben ist mir die Audioexperience: Mit Kopfhörern gehen wir durch eine Wohnung, in der der Alltag mit Adipositas nachvollziehbar gemacht wird.
In der Küche geht es ums Essen und Kalorienzählen. Im Bad um den Blick auf den eigenen Körper sowie die Waage. An anderen Stationen sind Arztbesuche, bei denen dir keinen Glauben geschenkt wird, das Thema. Oder Kleidung, in der man sich noch unwohler fühlt.
Ich bin nach Hamburg gereist und stehe plötzlich mitten in Gedanken, die mir bekannt vorkommen. Gerade das hat mich getroffen. Wie viel Platz dieses Thema im Alltag einnimmt: beim Kochen, Anziehen oder vor dem Spiegel. Und wie wenig davon jemand mitbekommt, der unter ein Foto schnell «selber schuld» schreibt.
Fast die Hälfte der Schweizer sind übergewichtig
Eine Erhebung des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 2022 zeigt, dass 43 Prozent der Schweizer Bevölkerung übergewichtig oder adipös sind. Ich erzähle das nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern weil wir aufhören müssen, so viele Menschen als undiszipliniert abzustempeln.
Adipositas ist eine komplexe, chronische Erkrankung. Auch nach einer Abnahme ist sie nicht einfach erledigt: Sie kann wiederkehren und lebenslange Begleitung erfordern. Ein «Iss halt weniger» wird dem nicht gerecht.

Sprechzimmer als sicherer Ort
Besonders von Ärzten wünsche ich mir mehr Weiterbildung. Und die Bereitschaft, auch eigene Vorurteile zu hinterfragen.
Wer Hilfe sucht, fühlt sich oft schon allein genug. Im Sprechzimmer zusätzlich beschämt zu werden, macht alles schwerer.
Ich wünsche mir dort einen sicheren Ort, an dem ich ernst genommen werde. Keinen weiteren, an dem ich mich rechtfertigen muss.
Selbstliebe gehört genauso dazu wie ein Kaloriendefizit
Ich stehe weiterhin für «Body Positivity» ein. Dass ich mich mit Abnehmen beschäftige, widerspricht dem nicht. Selbstakzeptanz hat keine Kleidergrösse – und sie darf auch schlankeren Menschen Halt geben.
Wie die Therapeutin an der Podiumsdiskussion betont: Selbstliebe und psychische Gesundheit sind ein wichtiger Bestandteil bei Adipositas, weil sich die Einsamkeit und Depressionen nur verstärken – was den Körper bei einer Abnahme nicht wirklich unterstützt. Ich kann Kalorien zählen und trotzdem lernen, freundlicher mit mir umzugehen.
Niemand schuldet eine Erklärung
Der Tag in Hamburg geht mir nahe, weil endlich ausgesprochen wird, was mich seit Jahren beschäftigt. Ich fühle mich dadurch weniger allein.
Die Aufklärungsarbeit und Kampagnen, die ich dort kennenlerne, wünsche ich mir auch für die Schweiz. Ich will, dass wir Adipositas ernst nehmen und Betroffene besser unterstützen.
Und eines wünsche ich mir sofort: Hört auf, ungefragt die Körper anderer Menschen zu kommentieren.
Niemand schuldet euch eine Erklärung für sein Aussehen. Euer Urteil hat ganz und gar nichts mit Unterstützung zu tun.









