Ramadan: Aldi verkauft Kalender – Brauch von Weihnachten kopiert?
30 Mal abends ein Türchen öffnen, dann ist der Ramadan vorbei. Was bei Christen Tradition hat, ist für Muslime neu. Doch was halten diese davon?

Das Wichtigste in Kürze
- Auch in der Schweiz begehen Muslime den islamischen Fastenmonat Ramadan.
- Ein Kalender mit Süssem soll die 30 Tage bis zum Ramadanfest am 20. März verkürzen.
- Expertin Hannan Salamat erklärt, was Muslime in der Schweiz von solchen Kalendern halten.
In zwölf Tagen, am Abend des 18. Februar, beginnt der Ramadan. Für jene Musliminnen und Muslime, die den Ramadan praktizieren, bedeutet das: 30 Tage lang von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang vollständig auf Essen und Trinken verzichten.
In der Schweiz haben Stand 2024 zirka sechs Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren einen islamischen Glauben.
Die Föderation islamischer Dachorganisationen der Schweiz geht davon aus, dass schätzungsweise 20 bis 30 Prozent der muslimischen Bevölkerung in der Schweiz den Ramadan praktizieren.
Um vor allem Kindern die Zeit bis zum Ende des Ramadan zu verkürzen und zu versüssen, hat der Grossverteiler Aldi nun zum zweiten Mal einen Ramadan-Kalender lanciert.
Er zählt 30 Türchen, die mit Guetzli, Schokolade und Fruchtgummis gefüllt sind. Und orientiert sich formal stark am christlichen Adventskalender. In vielen mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern ist der Ramadan-Kalender folglich nicht verbreitet.
Keine «Übernahme», sondern «lokale Übersetzung»
Dennoch sei es nicht überraschend, dass es einen Ramadan-Kalender gibt, sagt die Kultur- und Religionswissenschaftlerin Hannan Salamat vom Zürcher Institut für interreligiösen Dialog zu Nau.ch.
Denn auch der Adventskalender selbst sei kein uraltes religiöses Ritual. «Sondern ein relativ junges, pädagogisches und später stark kommerzialisiertes Format, das sich im europäischen Kontext etabliert hat», so Salamat.
Dass nun ähnliche Formen heute auch im Zusammenhang mit dem Ramadan auftauchen, sei Ausdruck davon, wie religiöse Praxis immer in konkrete gesellschaftliche Kontexte eingebettet sei.
Die Religionswissenschaftlerin erklärt: «Der Ramadan-Kalender ist daher weniger eine 'Übernahme' als eine lokale Übersetzung: Ein Versuch, Kindern und Erwachsenen Zeit, Vorfreude und Gemeinschaft sichtbar zu machen – in einer Umgebung, in der christliche Zeitordnungen als normal gelten und den Jahresrhythmus vorgeben.»
Muslime reagieren unterschiedlich auf Kalender
Coop hat Ramadan-spezifische Non-Food-Produkte aus dem Sortiment genommen, weil die Nachfrage «überschaubar» gewesen sei.
Und auch die Migros hat derzeit keine spezifischen Ramadan-Artikel wie Kalender oder Deko im Sortiment. Aldi setzt den Kalender dennoch fort. «Die Nachfrage nach dem Ramadan-Kalender war im letzten Jahr schweizweit erfreulich», schreibt die Medienstelle von Aldi Suisse auf Anfrage.
Die Reaktionen auf diesen Kalender sind bei Musliminnen und Muslimen in der Schweiz unterschiedlich. «Und genau das ist wichtig zu betonen», so Salamat.
Manche Muslime würden den Kalender als niedrigschwellige Möglichkeit begrüssen, besonders um Kindern den Ramadan näherzubringen und ihm im Alltag Sichtbarkeit zu geben.
«Andere stehen ihm kritisch gegenüber, etwa wegen der starken Kommerzialisierung.» Wieder andere leben säkular. Sie fasten nicht und somit ist es für sie «schlicht kein Thema», so die Expertin.
Diese Vielfalt der Reaktionen zeige, dass es nicht «die» muslimische Perspektive gebe. «Muslimisches Leben in der Schweiz ist plural, generationell unterschiedlich und sozial vielfältig.»
Die Föderation islamischer Dachorganisationen der Schweiz sagt auf Anfrage zum Produkt von Aldi: «Solche Kalender sind eine schöne Geste der Anbieter.»
Detailhändler stocken Dattel-Sortiment auf
Sowohl Migros wie auch Coop und Aldi geben an, während des Ramadan ihr Dattel-Sortiment wegen der erhöhten Nachfrage auszuweiten und Aktionen auf Datteln oder auch auf getrockneten Feigen anzubieten.
Rückt der Ramadan in der Schweiz immer mehr ins Bewusstsein der Christen?
«Mein Eindruck ist eher nein. Zwar ist der Begriff Ramadan bekannter geworden, doch das Verständnis bleibt oft noch lückenhaft», sagt Hannan Salamat.
Das Fasten werde häufig als Problem oder ungesund dargestellt. Gleichzeitig sei es in unserer Gesellschaft längst normal geworden, dass Menschen in Retreats gehen, um dort Heilfasten zu praktizieren.

«Muslimische Praxis wird oft als etwas Fremdes wahrgenommen, das erklärt oder vereinfacht werden muss.» Akzeptanz scheine dort leichter zu fallen, wo religiöse Traditionen dekorativ oder konsumierbar werden.
Das sage weniger über religiöse Minderheiten aus als über die Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft, so die Kultur- und Religionswissenschaftlerin.
Sie betont: «Gerade in einer pluralen Demokratie wie der Schweiz braucht es ein anderes öffentliches Verständnis: Eines, das religiöse Vielfalt nicht nur toleriert, sondern als normalen Teil des Zusammenlebens anerkennt».
Salamat kennt eine einfache Möglichkeit, um damit anzufangen: «Wünschen Sie Ihren muslimischen Mitmenschen zum Beginn des Ramadans am 18. Februar ein frohes Ramadan.»















