Psychische Erkrankungen lassen IV-Defizit ansteigen

Antun Boskovic
Antun Boskovic

Bern,

Der Verlust der IV für 2025 liegt laut einem Bericht bei rund einer halben Milliarde Franken. Grund dafür ist vor allem der Anstieg psychischer Erkrankungen.

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Die durch psychische Erkrankungen verursachte Kosten sind gestiegen. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Hauptgrund für den Anstieg des Defizits sind psychische Erkrankungen.
  • Ihr Anteil an IV-Renten ist in 30 Jahren von 27 auf über 52 Prozent gestiegen.
  • Bei unter 30-Jährigen hat sich die Zahl solcher IV-Verfügungen seit 2015 fast verdoppelt.

Die Invalidenversicherung (IV) der Schweiz steckt in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten. Die IV finanziert sich durch Lohnbeiträge der Arbeitnehmenden (59 Prozent), Bundesgelder (40 Prozent) und Kapitalerträge (1 Prozent).

Die Ausgaben übersteigen die Einnahmen zunehmend. Compenswiss, der Ausgleichsfonds, der das Vermögen von IV, AHV und Erwerbsersatzordnung (EO) verwaltet, hatte die Finanzlage bereits im Februar als «angespannt» bezeichnet.

Kennst du jemanden, die/der IV bezieht?

Um das Defizit kurzfristig zu decken, verkauft Compenswiss seit dem Winter monatlich Vermögenswerte im Wert von 35 Millionen Franken. Das berichtet die Zeitung «Le Temps».

Dabei handelt es sich etwa um Aktien oder Immobilien aus dem IV-Kapital von rund 3,5 Milliarden Franken. Offiziell soll diese Massnahme bis Ende Jahr gelten, danach werde «die Lage neu beurteilt».

Compenswiss erhöht die Verkäufe von Vermögenswerten

Laut Informationen von «Le Temps» wurde der monatliche Verkaufsbetrag bereits vorsorglich erhöht. Compenswiss bestätigt dies nicht offiziell. Der Fonds räumt jedoch ein, dass die Geschäftsleitung «einen gewissen Handlungsspielraum hat, um sich den Marktbedingungen anzupassen». Der Sprecher ergänzt: «Eine Erhöhung der Verkäufe könnte bald in Betracht gezogen werden.»

Diese Verkäufe sind problematisch. Sie schaffen einen Teufelskreis: Je mehr Vermögen verkauft wird, desto weniger Kapitalerträge fliessen in die IV. Würden monatlich 100 Millionen Franken verkauft, wäre bis Ende 2027 fast die Hälfte des IV-Kapitals aufgebraucht.

Der Verlust der IV für das Jahr 2025 liegt laut «Le Temps» bei rund einer halben Milliarde Franken. Die offiziellen Zahlen sollen demnach Ende Mai publiziert werden. Bereits bekannt war, dass der Bund bis 2040 mit jährlichen Umlagedefiziten von rund 300 Millionen Franken rechnet.

Eine anonyme Quelle aus dem Umfeld der Versicherung sagt dazu: «Man weiss, dass die IV-Zahlen weniger stabil sind als jene der AHV oder der EO. Aber es sind die Dimensionen, die besorgniserregend sind.»

Junge Menschen erhalten immer häufiger IV-Renten

Die Daten des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) zeigen einen kontinuierlichen Anstieg neuer IV-Renten seit 2014. Der Anstieg betrifft alle Altersgruppen. Auffällig ist jedoch die Entwicklung bei den 18- bis 29-Jährigen. Sie machen mittlerweile 10,5 Prozent aller Rentenbeziehenden aus. Vor rund zehn Jahren war dieser Anteil noch deutlich tiefer.

Der Hauptgrund für den Anstieg sind psychische Erkrankungen. Ihr Anteil an den IV-Renten hat sich in 30 Jahren von 27 auf über 52 Prozent nahezu verdoppelt. Bei den unter 30-Jährigen hat sich die Zahl der entsprechenden Rentenverfügungen seit 2015 sogar fast verdoppelt. Alle anderen Diagnosen blieben stabil oder gingen zurück.

Kannst du nachvollziehen, dass immer mehr Menschen unter psychischen Erkrankungen leiden?

Dieses Phänomen beschränkt sich nicht auf die Schweiz. Das BSV nennt verschiedene mögliche Ursachen.

Dazu gehören die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken, Stress am Arbeitsplatz sowie Engpässe in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung. Diese können dazu führen, dass Erkrankungen sich über längere Zeit verschlechtern. Auch ein verändertes Bewusstsein für psychische Gesundheit spielt eine Rolle.

Experten sehen viele Ursachen für psychische Erkrankungen bei Jungen

Stefan Kaiser, Chefarzt der Erwachsenenpsychiatrie an den Genfer Universitätsspitälern, beobachtet ebenfalls mehr junge Patientinnen und Patienten. Er sagt: «Die Frage ist immer, ob es daran liegt, dass wir Störungen bei Jungen häufiger diagnostizieren. Aber das ist offensichtlich nicht der einzige Grund.»

Er beobachte vor allem einen Anstieg bei Erkrankungen, die stärker vom Umfeld abhängen. Dazu zählt er Depressionen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen.

Die Stiftung Pro Juventute verzeichnet einen deutlichen Anstieg von Hilfesuchenden. Über die Telefonnummer 147 wurden 2025 mehr als 53'000 Kontaktanfragen bearbeitet. Das entspricht durchschnittlich 45 Anfragen pro Tag und einem Anstieg von 11,3 Prozent gegenüber 2024. Täglich waren zwölf Fälle mit Suizidgedanken verbunden.

Brauchst du Hilfe?

Bist du selbst depressiv oder hast du Suizidgedanken? Dann kontaktiere bitte umgehend die Dargebotene Hand (www.143.ch).

Unter der kostenlosen Hotline 143 erhältst du anonym und rund um die Uhr Hilfe. Die Berater können Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen. Auch eine Kontaktaufnahme über einen Einzelchat oder anonyme Beratung via E-Mail ist möglich.

Für Kinder oder Jugendliche steht die Notrufnummer 147 zur Verfügung.


Hilfe für Suizidbetroffene: www.trauernetz.ch

Anne-Florence Débois, Sprecherin von Pro Juventute für die Romandie, ordnet diese Zahlen ein: «Unter jenen, die uns kontaktieren, leiden einige unter psychischen Störungen wie Depressionen. Ein grosser Teil von ihnen erlebt psychischen Stress durch wachsenden Druck: Prüfungen, Jobsuche, ein angsteinflössendes internationales Umfeld. Der Anstieg junger Menschen bei der IV ist ein Signal. Wir müssen hinterfragen, wie wir sie unterstützen.»

Der Bundesrat plant eine Reform der Invalidenversicherung

Der Bundesrat reagiert auf die Entwicklung mit einer IV-Reform. Der Rahmen wurde im Januar festgelegt. Im Zentrum steht das Ziel, Versicherte besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Eine neue Leistung soll die Eingliederung – also die Rückkehr in die Arbeitswelt – erleichtern. Das kostet kurzfristig Geld, soll aber langfristig Rentenkosten sparen.

Ausserdem wird geprüft, ob der Entscheid über eine Rentenzusprechung verzögert werden soll. Auch mehr Personal und ein schnellerer Zugang zu Spezialistinnen und Spezialisten stehen zur Diskussion. Zudem sollen Anreize verbessert werden. Heute riskiert jemand, der eine Arbeit versucht wieder aufzunehmen, seine Rente zu verlieren, wenn die Eingliederung scheitert.

Kommentare

User #1992 (nicht angemeldet)

Ich bin nach 40 Jahren Arbeit und lückenlose Einzahlungen in unsere Sozialkassen nach Behandlungsfehlern zum IV Fall geworden. Diese „Rente“ wird über meine Pensionskasse finanziert was mich früher oder später zum Sozialfall machen wird ! Schadenersatz / Schmerzensgeld sind nach Jahrelangem und erniedrigendem Kampf aussichtslos ! Ich wünsche niemanden Krank / Beeinträchtigt oder IV Fall / Sozialfall zu werden :-(

User #4604 (nicht angemeldet)

Ihr habt doch das beste Gesundheitswesen weltweit? Wohlstand und sicherheit? Alles ist schön und kontrolliert und sicher und allen gehts gut?🤣🤣🤣😂😂ich lach mich schief und krumm ab euch😂😂😂😆😅🤣🤣🤣

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