Psychische Erkrankungen könnten ansteckend sein
Untersuchungen eines norwegischen Forschungsteams deuten klar darauf hin, dass psychische Erkrankungen sozial ansteckend sind.

Das Wichtigste in Kürze
- Eine 16-Jährige steckte 2011 offenbar ihre Freundinnen mit einer psychischen Krankheit an.
- Nun zeigen Forschungsergebnisse, dass soziale Ansteckung tatsächlich realistisch ist.
- Das Phänomen trete gemäss der Studie vor allem bei Mädchen auf.
Ein Fallbeispiel aus den USA und norwegische Forschungsarbeit zeigen: Psychische Erkrankungen könnten sozial ansteckend sein.
Ein 16-jähriges Mädchen aus dem US-Bundesstaat New York begann 2011 körperliche Symptome, wohl aufgrund einer psychischen Erkrankung. Nach und nach äusserten sich die körperlichen Tics auch bei Freundinnen des Mädchens, was mediale Aufmerksamkeit auf sich zog.
Umweltgifte, die zunächst als Ursache vermutet wurden, konnten schliesslich ausgeschlossen werden. Vielmehr vermuten Forscher, dass die psychische Erkrankung durch soziale Ansteckung übertragen wurde, berichtet die «Luzerner Zeitung».
Julian Vedeler Johnsen von der Universität Bergen erforscht dieses Phänomen. «Ganz so abwegig ist der Gedanke nicht», sagt der Gesundheitsökonom. Die Übertragung einer psychischen Krankheit erfolgt über Gefühle, Wahrnehmungen und Verhalten anderer.
Ähnlicher Effekt zeigt sich im Alltag
Ein ähnliches Phänomen zeigen sich im alltäglichen Zusammenleben: Arbeitet man beispielsweise mit negativ denkenden Menschen oder ständig nervösen Personen zusammen, denkt oder verhält man sich plötzlich selbst so.
Partner von depressiven Patienten entwickeln oft selbst Depressionen. Diese sogenannte Co-Depression betrifft etwa die Hälfte aller Betroffenen. In Studentenwohnheimen steigt das Risiko für Depressionen, wenn der Mitbewohner bereits erkrankt ist.
klare Hinweise auf tatsächliche soziale Ansteckung
Johnsens Team analysierte in einer noch laufenden Studie Daten von 230'000 norwegischen Oberstufenschülern. Die Resultate wurden bisher nicht publiziert, Johnsen sagte jedoch in einem Videocall: «Ja, wir finden klare Hinweise auf tatsächliche soziale Ansteckung.»
Die Effekte zeigen sich laut dem Forscher besonders bei Depressionen und Angststörungen. Auch Schulnoten und Abbruchquoten verschlechtern sich bei betroffenen Mitschülern.
«Plötzlich schlechtere Noten oder mehr Schulabbrüche sind harte Hinweise darauf, dass jemand psychisch aus der Bahn geraten ist», so Johnson.
Um dies zu belegen, untersuchte die Studie den Einfluss anhand von psychisch kranken Schülern, die in eine neue Schulklasse kamen.
Die Effekte sozialer Ansteckung treten vor allem bei Mädchen auf. Besonders betroffen sind jene, die bereits psychische Belastungen erlebt haben.
«Das legt nahe, dass besonders vulnerable Personen getriggert werden», sagt Johnsen.

















