Patrick Fischer kein Einzelfall: SRF hat auch andere Doks gestoppt
SRF sperrt die Doku über Ex-Nati-Coach Patrick Fischer weg. Es ist nicht das erste Mal, dass der Sender Dokfilme in der Schublade verschwinden lassen muss.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Stopp des SRF-Doks über Patrick Fischer ist für den Regisseur ein Frust.
- Ein Leidensgenosse ist der ehemalige SRF-Reporter Hanspeter Bäni.
- Auch er musste ein Projekt «schweren Herzens ad acta legen».
Hautnah begleitete Regisseur Michael Bühler die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft und den damaligen Headcoach Patrick Fischer. Am 14. Mai – nach monatelangen Dreharbeiten – hätte der Dokfilm auf SRF ausgestrahlt werden sollen.
Doch das Projekt ist zum Reinfall geworden. Der Sender lässt den Film in der Schublade verschwinden. Grund dafür ist die Affäre rund um das gefälschte Covid-Zertifikat von Patrick Fischer.
«Nach den aktuellen Ereignissen und unter den gegebenen Rahmenbedingungen bestehen derzeit keine Voraussetzungen für eine Weiterführung und Ausstrahlung des Projekts.» Dies bestätigte SRF kürzlich.
Für den preisgekrönten Dokumentarfilmer dürfte die vergebliche Arbeit ein grosser Frust sein. Er ist jedoch nicht der einzige SRF-Dokfilmer, der verdauen muss, dass sein mit Herzblut gemachtes Werk weggesperrt wird.
«Schweren Herzens ad acta legen»
Ein Leidensgenosse ist Hanspeter Bäni. Fast 20 Jahre lang arbeitete er als Videojournalist für die Sendungen «Reporter» und «Dok» von SRF.
Seine Reportagen erregten viel Aufmerksamkeit. Sein Film «Carlos» brachte den Fall Brian 2014 ins Rollen, der die Justiz jahrelang beschäftigte.
Seit 2021 ist Bäni bei SRF pensioniert. Zurzeit ist er mit seinem neuen Buch «Der Reporter: Geschichten jenseits der Dreharbeiten» auf Tour. Darin verrät der preisgekrönte Reporter auch, wie Werke von ihm im Giftschrank von SRF landeten.
«Mir blieb nichts anderes übrig, als das Projekt schweren Herzens ad acta zu legen», schreibt Bäni im Buch. «Seither verstaubt die Reportage irgendwo im Archiv des Schweizer Fernsehens.»
SRF wartete zu lange
Die Rede ist von einem Dokfilm, den Bäni über ein Schweizer Ehepaar drehte.
Die Frau und der Mann arbeiten in Nicaragua für eine private Organisation als Entwicklungshelfer und adoptierten ein kleines Mädchen. Nach neun Monaten fordert die leibliche Mutter ihr Kind aber zurück. Bäni begleitet das Paar beim Kampf, das Mädchen zurückzubekommen.
Am Ende kommt es zwischen der leiblichen Mutter und dem Paar zu einem einvernehmlichen Arrangement. Das Paar unterstützt die Mutter finanziell und darf im Gegenzug den Kontakt zum Mädchen aufrechterhalten.

«Als meine Vorgesetzten die emotional packende Geschichte sahen, waren sie beeindruckt», schreibt Bäni. Er habe sie gebeten, die Reportage möglichst schnell auszustrahlen. Sein Bauchgefühl habe ihm «zugeflüstert», dass sich die Situation des Paars in Nicaragua bald ändern könnte.
Doch es kommt anders. «Es vergingen Monate, ohne dass der Film über den Sender lief», schreibt der Reporter.
Pass und Kamera beschlagnahmt
Danach trifft ein, was Hanspeter Bäni befürchtet hat. «Das Ehepaar bat mich inständig, dafür zu sorgen, dass die Dokumentation nicht gesendet würde.»
Grund dafür war eine erneute Adoption. Das Ehepaar habe gefürchtet, dass die Behörden ihnen das Kind wieder wegnehmen könnten. Dies, wenn ihr Kampf um das vorherige Mädchen im Schweizer Fernsehen gezeigt würde.
Bitter ist der Rückzieher für den Reporter auch, weil er für die Aufnahmen grosse Hindernisse überwinden musste.
Seinen Antrag für ein Journalistenvisum lehnt Nicaragua ab. Bäni beantragt deshalb ein Touristenvisum. Am Flughafen der Hauptstadt Managua beschlagnahmen die Grenzbeamten seinen Pass und seine Kameraausrüstung jedoch.
Die Behörden teilen ihm mit, dass sein Fall frühestens in zwei Wochen vor Gericht verhandelt werde. Bis dahin darf der Reporter das Land nicht verlassen.
«Wäre unerträglich gewesen»
In seiner Not ruft er Andrea Morales an, die in Managua lebt. Vor Jahren lernte er sie über ihre Verwandten in der Schweiz kennen. Dank ihres Kontakts zu einem befreundeten Angestellten bei der Einwanderungsbehörde gibt diese Bänis Pass und Kameraausrüstung frei.
«Sollten all die herausfordernden Ereignisse, die mit dem Projekt verbundenen Gefahren und finanziellen Aufwendungen vergeblich gewesen sein?», fragt Bäni im Buch. Der Gedanke, dem Paar womöglich zu schaden, wäre für ihn aber «unerträglich gewesen».
Bäni erwähnt in seinem Buch noch einen zweiten SRF-Dokfilm, der nie ausgestrahlt wurde. Geplant war eine Serie über Menschen, die wegweisende Projekte umsetzten.
«Sendetermin stand bereits fest»
Bäni soll für die Serie den Schweizer Gründer einer NGO begleiten, der im ecuadorianischen Amazonasgebiet zwei Stämme einander näherbringen will. Der Abenteurer plant die Reise mit einem gestrandeten Dampfer, den er ausgraben lässt.
«Der Sendetermin stand bereits fest», schreibt Bäni. Doch nach tagelangen Dreharbeiten scheitert das Projekt auf halber Strecke.
Aus der Fahrt mit dem Dampfer über den Río Napo wird nichts. Die Kosten für die Restauration des Dampfers sind zu hoch. Auch stellt sich heraus, dass das Schiff den Fluss ohnehin kaum hätte befahren können.
Bäni hat sich damit abgefunden
Wie viele Dokfilme bei SRF in der Schublade verschwunden sind, gibt das Medienhaus auf Anfrage nicht an.
«SRF Dok verzichtet nur in sehr seltenen Fällen auf die geplante Publikation von Dokfilmen oder verschiebt sie.» Dies teilt die Medienstelle mit. Solche Entscheide erfolgten aus publizistischen Gründen und lägen in der redaktionellen Verantwortung.
Hanspeter Bäni hat sich mit den unveröffentlichten Werken abgefunden. Gerade diese schmerzlichen Erfahrungen hätten ihm den Blick für eine wesentliche Erkenntnis geöffnet, schreibt er im Buch. «Oft sind es nicht die Erfolge, die uns formen, sondern gerade jene Vorhaben, die nicht gelingen.»




















