Postauto

Nach Postauto-Brandstifter: Braucht es jetzt Gepäckkontrollen?

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Murten,

Ausgerüstet mit gefährlichen Mitteln konnte der mutmassliche Täter von Kerzers FR ins Postauto steigen. Braucht es Gepäckkontrollen? Das sagen die ÖV-Betriebe.

Postauto
Gepäckkontrollen sind am Flughafen Zürich selbstverständlich. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Postauto-Brand in Kerzers wurde von einem Fahrgast verursacht. Er hatte Benzin dabei.
  • Damit stellt sich die Frage nach Gepäck- und Sicherheitskontrollen im ÖV.
  • Die ÖV-Betreiber argumentieren dagegen – es würde den Verkehr aus dem Takt bringen.

Mitten auf der Fahrt übergiesst sich ein Passagier mit Benzin und zündet sich an. Die Tragödie in einem Postauto in Kerzers FR forderte sechs Menschenleben und fünf Verletzte.

Beim mutmasslichen Täter, der auch verstorben ist, handelt es sich um einen 65-jährigen Passagier. Der Mann mit Wohnsitz im Kanton Bern lebte in einem Camper, war sozial isoliert und psychisch instabil.

Die Ermittlungen zum Tathergang laufen noch. Davon auszugehen ist aber, dass der Passagier mit Benzin und einem Feuerzeug oder Ähnlichem in das Postauto eingestiegen ist.

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Fünf Passagiere und der mutmassliche Täter starben im brennenden Postauto in Kerzers. - keystone

In ein Flugzeug am Flughafen Zürich wäre der Passagier damit nicht gelangt. Brennbare, ätzende und korrosive Flüssigkeiten sind weder im Handgepäck noch als aufgegebenes Gepäck erlaubt.

Ein Feuerzeug oder eine Streichholzschachtel dürfen die Passagiere nur auf sich tragen, im Gepäck sind sie verboten.

ÖV-Gemeinschaft fordert Feuerlöschsysteme in Bussen und Co.

Als Präsidentin der Interessengemeinschaft öffentlicher Verkehr Schweiz (IGÖV) beschäftigt die Tragödie Florence Brenzikofer besonders.

Sie erwähnt, dass etwa in Spanien das Gepäck von Zugreisenden auf Langstrecken mit Hochgeschwindigkeitszügen kontrolliert wird. «Gepäckkontrollen im ÖV wären natürlich der Idealfall, aber unmöglich umsetzbar», sagt sie zu Nau.ch.

Braucht es Gepäckkontrollen im ÖV?

Bereits die Billettkontrollen seien aufwändig, weshalb der Kontrollgrad lediglich 0,5 Prozent betrage, sagt Brenzikofer. «Mit Gepäckkontrollen vor Bussen und Trams geriete der gesamte Verkehrsfluss aus dem Takt.»

Um auf Brände frühzeitig reagieren zu können, sei die Ausrüstung der Fahrzeuge wichtig. «Zum Beispiel sollten sie mit Rauchmeldern und automatischen Feuerlöschsystemen ausgerüstet sein.»

Im Falle von Kerzers seien jedoch Brandbeschleuniger verwendet worden. «In solchen Fällen reichten selbst diese Sicherheitsmassnahmen nicht aus, um den Brand schnell unter Kontrolle zu bringen.»

Postauto fährt öfter als Flugzeug – Gepäckkontrollen schwierig

Passagiere, die in ein Postauto steigen wollen, werden auch künftig nicht gefilzt, wie Postauto klarstellt. «Ein Flug fährt nicht alle paar Minuten wie ein Bus», sagt Mediensprecherin Katharina Merkle zu Nau.ch. Die Passagiere seien für die Sicherheitskontrollen und die Gepäckabgabe lange Zeit vor dem Abflug vor Ort.

Das ÖV-Angebot müsste im Falle solcher Kontrollen wesentlich ausgedünnt werden, sagt Merkle. Gleichzeitig müssten die Ausgaben erhöht werden.

«Solche Massnahmen wären somit nicht der Entscheid eines einzelnen Transportunternehmens, sondern einer übergeordneten Instanz.»

Seit 2020 beschafft Postauto neue Fahrzeuge mit automatischer Brandlöschanlage für den Motorenraum. Diese Anlagen zeigen dem Fahrer einen Brand im Motorenraum an, wie Merkle sagt.

Das betroffene Fahrzeug hatte jedoch Baujahr 2011 und war mit keinem dieser Systeme ausgerüstet.

Auch brach der Brand nicht im Motorenraum, sondern im Fahrgastraum aus und breitete sich mit einer sehr grossen Geschwindigkeit aus. «Daher hätte auch eine Brandlöschanlage sehr wahrscheinlich keine Chance gegen das Feuer gehabt», sagt Katharina Merkle.

Nicht der erste Fall

Der Passagier im Postauto ist nicht der erste, der mit gefährlichen Mitteln ausgerüstet im ÖV unterwegs war.

2016 überschüttete ein 27-jähriger Schweizer eine Frau in einem Regionalzug zwischen Buchs SG und Salez SG mit Alkylatbenzin. Er zündete sie an und begann, mit einem Messer auf sie und andere Passagiere einzustechen.

Die Frau und eine Jugendliche starben, vier weitere Personen, darunter ein Kind, werden verletzt. Alle waren offenbar Zufallsopfer.

2024 nahm ein 32-jähriger Asylbewerber zwölf Passagiere und den Lokführer im Regionalzug von Sainte-Croix nach Yverdon-les-Bains als Geiseln.

Der Mann war mit einer Axt und einem Hammer bewaffnet. Bei der Befreiung der Geiseln tötete die Polizei den Täter durch einen Schuss.

«Nicht ohne massive Einschränkungen»

Das Mitführen von brennbaren Flüssigkeiten oder gefährlichen Stoffen ist laut SBB in allen Transportmitteln der Schweiz verboten.

Für den Brandschutz in Zügen und Bahnhöfen gelten laut Mediensprecher Reto Schärli umfangreiche Sicherheitsvorgaben. Die Sicherheit der Reisenden und Mitarbeitenden habe oberste Priorität.

Auch sei der öffentliche Verkehr in der Schweiz insgesamt sehr sicher. Aber: «Eine hundertprozentige Sicherheit besteht nie, insbesondere wenn sich Menschen nicht an die klar definierten Sicherheitsvorgaben halten.»

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Das Mitführen von brennbaren Flüssigkeiten oder gefährlichen Stoffen ist laut SBB in allen Transportmitteln der Schweiz verboten. - keystone

Auch die Dachorganisation der ÖV-Transportunternehmen, der Verband öffentlicher Verkehr (VÖV), bestätigt, dass Gepäckkontrollen nicht umsetzbar sind.

Sprecher Michael Schallschmidt sagt: «Gepäckkontrollen rund um den Einstieg lassen sich nicht ohne massive Einschränkungen für Reisende bewerkstelligen.» Das ÖV-System sei sehr offen und eng getaktet.

Umso wichtiger sei es jetzt, die Ermittlungen der Untersuchungsbehörden im Kanton Fribourg abzuwarten. «Und auf Basis dieser Erkenntnisse die richtigen Schlüsse zu ziehen.»

Sicherheitspersonal in Ostschweizer Bussen

Das ÖV-Unternehmen Bus Ostschweiz hält Sicherheitskontrollen für den täglichen Busbetrieb ebenfalls für nicht umsetzbar. «Der öffentliche Verkehr lebt davon, dass Fahrgäste schnell und unkompliziert ein- und aussteigen können», sagt Mediensprecher Rudolf Burger.

«Kontrollen wie an Flughäfen würden den Betrieb stark beeinträchtigen und sind im regionalen Busverkehr organisatorisch nicht umsetzbar», sagt Burger.

Er fragt: «Woher sollten an jeder Haltestelle die Mitarbeitenden kommen, die die Kontrollen machen?» Er erinnert aber auch daran, dass solche Ereignisse extrem selten vorkommen.

Ihre Mitarbeitenden seien sensibilisiert und meldeten auffällige Situationen umgehend, sagt Burger.

Bei Bedarf stünden sie in engem Austausch mit der Polizei. «Etwa, wenn Fahrgäste durch ungebührliches Verhalten auffallen oder uns entsprechende Hinweise aus der Kundschaft erreichen.»

Zusätzlich patrouillieren in den Abend- und Nachtstunden Sicherheitsmitarbeitende in den Ostschweizer Bussen.

Kommentare

User #4856 (nicht angemeldet)

Grpäckkontrolle ist unmöglich. Die Chauffeure werden so nur noch mehr unter Druck, Stress gesetzt.

User #2861 (nicht angemeldet)

Werden die Opfer Angehörigen jetzt auch je 50'000.- vom Bund erhalten?

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