Mehr Streiks in der Schweiz – Gewerkschaften werden kämpferischer
Die Streikbereitschaft in der Schweiz wächst. Gewerkschaften organisieren vermehrt Arbeitskämpfe, weshalb Arbeitgeber Alarm schlagen.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Bereitschaft zum Streik wuchs bei Schweizer Gewerkschaften in letzter Zeit.
- Eine Gewerkschaft bietet gar einen Kurs namens «Eskalation und Streik: Wann und wie?» an.
- Der Arbeitgeberverband kritisiert die jüngsten Entwicklungen hin zur Streikbereitschaft.
Waadtländer Staatspersonal, Freiburger Spital- und Universitätsmitarbeiter, Busfahrer in Winterthur und Lehrkräfte in Genf – alle streikten sie in junger Vergangenheit.
Nach dem grossen Landesstreik von 1918 waren Streiks die seltene Ausnahme, schreibt die «NZZ». In letzter Zeit kommt es in der Schweiz aber wieder häufiger zu Arbeitskämpfen.
Roger Rudolph ist Professor für Arbeitsrecht an der Universität Zürich. «Eine Zunahme von Streiks ist zu beobachten», sagt er gegenüber der Zeitung. Er sieht bei Schweizer Gewerkschaften «eine wachsende Bereitschaft zum Arbeitskampf».
Gewerkschaft schult für Streiks
Der Schweizerische Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) ist für den Busfahrerstreik in Winterthur am vergangenen Dienstag verantwortlich. Die Gewerkschaft ist besonders aktiv, was die Organisation und Normalisierung von Streiks betrifft.
«Eskalation und Streik: Wann und wie?» heisst ein Kurs des VPOD, der die Mitglieder regelrecht im Arbeitskampf ausbildet.
Strategische Konflikte sollen gesucht werden
Ein zentrales Strategiepapier des Verbandes enthält bemerkenswerte Passagen. Bis 2028 müsse man «wieder lernen, breite Aktionen, Kämpfe und Streiks zu organisieren».
Noch deutlicher wird das Papier an anderer Stelle. «Wo strategisch nötig, werden Konflikte ausgetragen und eskaliert», heisst es dort. Die einzelnen VPOD-Regionen sollen analysieren, «wo strategisch Konflikte gesucht werden sollen».
Der Arbeitgeberverband kritisiert die jüngsten Entwicklungen hin zu einer grösseren Streikbereitschaft scharf. Er moniert «zunehmend sehr laute, teilweise aggressive öffentliche Kampagnen» der Gewerkschaften.
VPOD-Präsident Christian Dandrès sagt gegenüber der Zürcher Zeitung, die Streiks seien Folge von «unsozialer Politik, Sparprogrammen und Steuergeschenken an Grossunternehmer».
«Radikalisierung auf beiden Seiten»
Gemäss dem Präsidenten hätten Arbeitnehmende wenige Mittel zur Gegenwehr. «Es braucht einen neuen Ansatz, damit die Lohnabhängigen nicht zur fortlaufenden Niederlage verdammt sind», sagt er.
Beim Verband Angestellte Schweiz warnt Jurist Pierre Derivaz vor einer «Radikalisierung auf beiden Seiten», so die «NZZ». Offensive Gewerkschaften würden den Arbeitsfrieden aufs Spiel setzen. Gleichzeitig würden Arbeitgeber an Tabus wie dem Sonntagsarbeitsverbot rütteln.
Keine Beruhigung in Sicht
Eine Beruhigung der Streikaktivitäten ist nicht in Sicht. In Winterthur drohen Busfahrer und der VPOD bereits mit dem nächsten Streik, einem Tagelangen Arbeitsstillstand. In Genf plant schulergänzendes Betreuungspersonal, zu streiken.
Als vorläufigen Höhepunkt soll im Sommer 2027 ein landesweiter «Care»-Streik vor den nationalen Wahlen stattfinden.













