Kreuzlingen TG: Tiertafel organisiert eine Tonne Futter – im Monat
Monika Müller setzt sich seit Jahren für Menschen und ihre Vierbeiner ein. Die Gründerin der Tiertafel-Kreuzlingen blickt dabei lieber nach vorn als zurück.

Die junge Dackeldame Anna springt Monika Müller auf den Schoss und stupst sie mit ihrer Schnauze liebevoll an. Als ob sie weiss, dass sie auf dem Foto nicht fehlen darf. Denn wo Monika ist, ist auch Anna.
Seit zehn Jahren gibt es die Tiertafel. Dahinter steht eine Frau, die in ihrem Leben viel aufgebaut, verloren und immer wieder neu begonnen hat. Vielleicht versteht sie gerade deshalb so gut, wie schnell ein Leben aus dem Takt geraten kann und wie wertvoll es ist, wenn dann jemand da ist.
Ihre Sandkastenliebe Monika Müller erzählt ruhig, oft mit einem Lächeln, manchmal mit einem Kopfschütteln über die Wendungen in ihrem Leben. Vieles davon war so nie geplant. Und doch scheint genau das zu ihr zu passen.
Von ihrem Vater hat sie einen Satz mitgenommen, der bis heute hängen geblieben ist: «Geht nicht gibt’s nicht.» Schon als Kind ist sie voller Ideen. Als spätes Wunschkind älterer Eltern wächst sie behütet auf, hilft im Garten beim Kartoffeln ernten und sieht sich mit Schürze und Kopftuch schon als zukünftige Bäuerin.

Später will sie Konditorin werden, doch die Lehre endet früh wegen eines alkoholkranken Chefs. Mit 17 heiratet sie ihre Sandkastenliebe – den Mann, mit dem sie fast ihr ganzes Erwachsenenleben teilen wird. «Wir hatten einen langen Lebensweg miteinander», sagt sie heute, und in diesem schlichten Satz liegt viel.
Gemeinsam werden sie erwachsen, bauen auf, verändern sich, wagen Neues. Monika arbeitet in Alters- und Kinderheimen, wird examinierte Altenpflegerin und beschäftigt sich mit Gerontologie und Ernährung. Ihr Mann studiert zunächst Wirtschaftswissenschaften, später Gerontologie. Fachlich ergänzen sich die beiden fast selbstverständlich.
Paar und Geschäftspartner
Mit GERO bauten sie ein Unternehmen im Bereich Gerontologie und Geriatrie auf, welches sie mit viel Herzblut führen. Dabei waren sie Anlaufstelle für Wissen, Beratung und Konzepte rund um Altersmedizin und die Betreuung älterer Menschen.
Ihr wohl grösstes Projekt ist die Gründung einer Privatklinik im Sauerland, in der unter anderem die Aslan-Therapie – eine auf Regeneration und Vitalisierung ausgerichtete Behandlung mit Procain – angeboten wird. Ihr Mann stösst in der Zeit vieles an, sie führt weiter, organisiert, hält zusammen.
Ende der 1990er-Jahre gehören sie im Sauerland zu den grösseren Arbeitgebern. Die Müllers haben viel erreicht und merken, dass ihnen dieses Leben zu eng wird. Selbst bei Restaurantbesuchen werden sie ständig angesprochen.
«Wir stellen uns die Frage, wollen wir das wirklich noch?» Die folgende Geschichte bringt sie zum Schmunzeln. Vielleicht weil sie sich über ihre eigene Spontanität amüsiert.
Ihr Mann schlägt noch am selben Abend des Gesprächs München als neues Zuhause vor, Monika die Bodenseeregion. Sie fahren kurzerhand nach Konstanz, übernachten im Inselhotel und finden schnell Gefallen an der Stadt.
Ein Makler zeigt ihnen am nächsten Tag ein Haus in der Beethovenstrasse. «Es passt alles, also haben wir gleich unterschrieben.» Wenig später zieht das Paar mit Sack und Pack und Dackel nach Konstanz. «Ich habe mich richtig frei gefühlt», erinnert sie sich.
Einschneidender Verlust
Sie verkaufen die Klinik und bauen GERO weiter aus. Als sie die Entwicklung des Landes nicht mehr vertreten können, folgt der Schritt in die Schweiz.
Sie kaufen ein Haus an der Bahnhofstrasse in Kreuzlingen, wo die Tiertafel vor zehn Jahren ihr Zuhause fand. Damals noch unwissend, was sich in den Räumlichkeiten alles entwickeln wird.
Schwerer wird es Jahre später, als ihr Mann vor 11 Jahren stirbt. «Ich bin in ein riesiges Loch gefallen.» Nach einem so langen gemeinsamen Leben fehlt nicht nur der Partner, sondern auch der Mensch, mit dem Erinnerungen, Entscheidungen und Alltag selbstverständlich geteilt werden.
Zwei Jahre führt sie GERO alleine weiter, dann spürt sie, dass dieser Teil ihres Lebens zu Ende geht. Schon länger trägt sie den Wunsch in sich, etwas für Tiere zu tun. Aber einfach Geld zu überweisen, passt nicht zu ihr.
Sie will wissen, wo Hilfe ankommt. Und sie will nicht nur das Tier sehen, sondern auch den Menschen, der danebensteht. Über ihren damaligen Dackel Diana lernt sie Isabelle Merk, diplomierte Tierpsychologin und Gründerin der Hundeschule FinnsWelt, kennen. Aus Gesprächen wächst eine Idee.
Was passiert mit einem Tier, wenn sein Mensch plötzlich krank wird, die Arbeit verliert oder nach einer Trennung kaum noch weiss, wie er den Alltag bezahlen soll? «Es kann jedem etwas passieren», sagt Monika Müller.

Genau daraus entsteht die Tiertafel. Nicht, um Menschen dauerhaft in der Finanzierung der Tiere zu unterstützen, sondern um sie ein Stück zu tragen, bis es wieder alleine geht. Heute werden rund eine Tonne Futter im Monat organisiert.
Alles vollumfänglich im Ehrenamt. «Das Futter muss beschafft, hierher transportiert und verteilt werden. Wir führen Gespräche mit Spendern, machen die Administration und Öffentlichkeitsarbeit und organisieren Workshops», zählt Monika auf.
«Viele denken, das Führen der Tiertafel bedeutet Friede, Freude, Eierkuchen. Tierchen streicheln und Futter verteilen.» Doch es sei harte Arbeit – welche sie aber von Herzen gerne tut. Dahinter stehen viele Geschichten und oft auch Menschen, denen es schwerfällt, Hilfe anzunehmen.
Monika begegnet ihnen urteilsfrei. Vielleicht weil sie selbst weiss, dass ein Leben selten sauber nach Plan verläuft. Dass etwas wegbrechen kann.
Und dass manchmal genau im richtigen Moment ein Mensch auftaucht, der hilft, bis wieder Boden unter den Füssen da ist. Auch deshalb ist die Tiertafel für sie mehr als ein Tierschutzprojekt.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.








