Kreuzlingen: Littering «für einige Hobby, nicht erwischt zu werden»
Bis zu 250 Franken kostet Littering. Doch die Tour mit dem Kreuzlinger Werkhof zeigt, wie kreativ manche beim Wegwerfen des Mülls sind.

Das Wichtigste in Kürze
- Bis zu 250 Franken Busse drohen schweizweit für Littering.
- Doch davon scheint sich längst nicht jeder beeindrucken zu lassen.
- Eine Tour mit dem Kreuzlinger Werkhof zeigt: Die Fantasie beim illegalen Entsorgen kennt kaum Grenzen.
6.55 Uhr, Treffpunkt Werkhof Kreuzlingen TG. Die kurze Tagesbesprechung ist vorbei, dann geht es los. Der Montag ist gut gewählt für eine Reportage. Obwohl die Abfallkübel an Hotspots wie dem Dreispitzpark auch sonntags geleert werden, erwartet Clemens Herzog und mich bereits das erste kleine Chaos.
Rund um einen vollen Abfallkübel stapeln sich Bierbüchsen, Überreste eines Festes und allerlei Verpackungen. Mittendrin: ein Plastiksack voller Hausmüll.
Nur weil der Kübel voll ist, darf der Abfall nicht einfach daneben gestellt werden. Ein klarer Littering-Fall. Könnte man all das «Deliktgut» seinen Verursachern zuordnen, würde an diesem Morgen einiges an Rechnungen zusammenkommen. Manchmal gelingt es tatsächlich.
Täter auf der Spur
Auf dem Bärenplatz lehnt eine grosse DHL-Kartonschachtel an einem Abfallkübel. Darauf: ein Empfängeretikett. Bei einer zweiten Schachtel, offensichtlich vom gleichen Absender, wurde sie sorgfältig entfernt.

Bei der ersten wohl vergessen. Clemens fotografiert das Etikett und schickt das Bild ans Werkhof-Büro. Der Empfänger dürfte demnächst eine Rechnung erhalten.
Dieses Mal schütteln wir gleichzeitig den Kopf. «Den Karton hätte er einfach gratis entsorgen können», sagt Clemens. Auch nicht alles, was im öffentlichen Kübel landet, gehört dort hinein.
Sandwichpapier, eine leere PET-Flasche oder eine Zigarettenschachtel sind klassische Unterwegsabfälle. Ein Kilobecher Joghurt oder die leere Familienpackung tiefgefrorenes Kebab-Fleisch dagegen wurden wohl kaum während eines Spaziergangs konsumiert. Ebenso wenig eine grosse Knoppers-Box, vollgestopft mit weiterem Verpackungsmüll.
«Beim Allermeisten lässt sich nicht nachvollziehen, wer es hinterlassen hat», sagt Clemens. Die Leute seien teilweise «höchst kreativ», wenn es darum gehe, ihren Müll anderswo loszuwerden. «Manchmal habe ich das Gefühl, für einige ist es zu einem Hobby geworden. Ein Spiel, bei dem es darum geht, nicht erwischt zu werden.»
Was zunächst ironisch klingt, hat einen realen Hintergrund. Immer wieder werde beobachtet, wie Haushaltsabfall auf mehrere kleine Plastiksäcke verteilt und bei einem vermeintlichen Spaziergang Stück für Stück in verschiedenen öffentlichen Kübeln entsorgt wird.
Am Strassenrand abgestellt
Wir fahren weiter. Im Verlauf des Morgens begegnen uns vier Matratzen an Strassenrändern, ein Schreibtisch, Teppiche – und sogar ein hübsches Kindertheater mitten auf dem Trottoir. «Gratis» steht auf einem Zettel.

«Auf einem privaten Grundstück kann man das gerne machen», sagt Clemens. «Aber auf einem öffentlichen Gehweg kann so etwas gefährlich werden.» Kinder müssen möglicherweise auf die Strasse ausweichen, Kinderwagen kommen nicht mehr vorbei und für sehbeeinträchtigte Menschen wird das vermeintliche Geschenk schnell zum unerwarteten Hindernis.
Also: roter Kleber drauf. Darauf der Hinweis, dass der Gegenstand sachgerecht zu entsorgen ist. Oft verschwinden die Sachen in den folgenden Tagen tatsächlich.
Manchmal bleiben sie. Wie ein altes Velo, das wir beim Bahnhof antreffen und das bereits seit rund einer Woche dort steht. Aus Sicherheitsgründen nimmt die Stadt solche Gegenstände irgendwann mit und entsorgt sie selbst.
Eigentlich nicht Sinn der Sache, findet Clemens. Denn damit verschwinde auch der Lerneffekt. Auf seiner Tour leert er auch Robidogs. Rund 80 solcher Behälter gibt es. Die meisten werden korrekt benutzt.
Dann hebt Clemens eines der orangen Säckchen hoch. «Schau mal, wie schwer das ist.» Er wiegt es kurz in der Hand. «Da ist Katzenstreu drin.» Mit der Hundesteuer würden die Robidog-Standorte mitfinanziert.
Entsprechend sollten sie auch den Hinterlassenschaften von Hunden vorbehalten bleiben. Im Vergleich zu manch anderem Fund an diesem Morgen gehört das Katzenstreu allerdings fast noch zu den nachvollziehbareren Vergehen.
Bewusst oder Unwissen
Nächster Halt: die Entsorgungsstation beim Karussell. Hier stehen Container für Glas und Dosen. Davor liegt eine Bratpfanne. Daneben zwei Salatschüsseln.
Etwas versteckt entdecken wir noch eine blaue, zerbrochene Vase. Dass der Glascontainer für Flaschen und entsprechendes Altglas gedacht ist, dürfte eigentlich bekannt sein. Was eine gusseiserne Pfanne hier verloren hat, bleibt dagegen rätselhaft.

«Ich kann es nur immer wiederholen: Beim Entsorgungshof kann Altmetall gratis entsorgt werden.» Nach jedem Halt wirft er nochmals einen Blick zurück, bevor er ins Fahrzeug steigt. Die Bierdosen sind weg, die Kartons eingesammelt, die wilde Abfallstelle verschwunden.
«Es ist ein gutes Gefühl, den Platz sauber zu hinterlassen», sagt er und lächelt. Auch schon wurde ihm von Bürgern, welche er auf Littering aufmerksam machte, gesagt: «Wegen uns hat du einen Job, wir zahlen deinen Lohn».
«Du, da haben sie ja eigentlich recht», sagt er trocken und hebt die Schultern an. Ein besonnenes Gemüt sei durchaus förderlich für diesen Job und: «Man braucht definitiv ein schönes Hobby». Grob gerechnet dürfte es bereits seine 2600. Tour sein.
Befriedigend und frustrierend zugleich ist diese Arbeit. Befriedigend, weil nach Clemens' Besuch wieder Ordnung herrscht. Frustrierend, weil er genau weiss, dass an manchen Orten schon wenige Stunden später der nächste Sack, die nächste Schachtel oder vielleicht sogar die nächste Matratze warten wird.
Der Grat zwischen Unwissenheit und Willkür sei manchmal schmal, sagt Clemens. Nach diesem Vormittag fällt meine persönliche Bilanz allerdings ziemlich eindeutig aus: Zumindest an diesem Montag hatte die Willkür klar die Nase vorn.
Was sagt das Amt für Umwelt?
Die schweizweite Vereinheitlichung der Littering-Bussen dürfte aus Sicht von Patrick Walser vom Amt für Umwelt Thurgau nur begrenzt etwas verändern. Der Thurgau kennt solche Bussen bereits seit Längerem und hat mit unterschiedlichen Höhen Erfahrungen gesammelt.
«Entscheidend ist weniger, ob eine Busse etwas höher oder tiefer ausfällt», sagt Walser. Viel wichtiger sei, dass ein Vergehen überhaupt festgestellt werde. Denn gebüsst werden kann in der Regel nur, wer beim Wegwerfen von Abfall direkt erwischt wird.
Genau dort liegt das Problem: Die Polizei könne kaum Ressourcen einsetzen, um an bekannten Orten auf Littering-Sünder zu warten. Zudem hätten Erfahrungen aus anderen Kantonen gezeigt, dass sehr hohe Bussen teilweise sogar kontraproduktiv seien.
Polizisten seien zurückhaltender gewesen, Jugendlichen für eine weggeworfene PET-Falsche mehrere hundert Franken aufzubrummen. Die nun vereinheitlichten Beträge hält Walser deshalb für verhältnismässig.
Sie müssten auch im Verhältnis zu anderen Ordnungsbussen, etwa im Strassenverkehr, stehen. Beratung der Gemeinden Beim Kampf gegen Littering setzt das Amt für Umwelt deshalb stärker auf konkrete Lösungen vor Ort. Gemeinden können sich beraten lassen.
Gemeinsam mit erfahrenen Werkhofleitern werden Hotspots analysiert und passende Massnahmen vorgeschlagen. «Es gibt keine allgemeingültige Lösung», sagt Walser. Je nach Situation könne ein zusätzlicher Abfalleimer helfen – manchmal aber auch gerade das Entfernen eines Kübels oder sogar einer Sitzgelegenheit.

Potenzial sieht Walser insbesondere bei Zigarettenstummeln. Vielen sei nicht bewusst, dass auch das Wegwerfen einer Zigarette Littering ist. Häufig spiele Gewohnheit eine Rolle – selbst wenn ein Abfalleimer in direkter Nähe steht. Taschenaschenbecher oder gezielte Sensibilisierung könnten helfen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.








