«Konsum von Kinderpornos ist eine Epidemie»
Bei der Pädophilie-Fachstelle verdoppelt sich die Zahl der Anfragen. Oft meldeten sich Männer vor dem familiären Abgrund, sagt die Beraterin.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Fachstelle für Pädophilie «Beforemore» wird mit Anfragen überhäuft.
- Meist meldeten sich Männer nach einer Polizeiintervention, so Beraterin Barbara Beaussacq.
- «Es sind Männer querbeet: Familienväter, Singles, Söhne» sagt Beaussacq.
- Mehr als 50 Prozent der Kinderporno-Konsumenten seien nicht pädophil.
Nau.ch: Kürzlich hat der Fall eines Kita-Mitarbeiters für Entsetzen gesorgt. In Winterthur ZH und Bern missbrauchte er mutmasslich 15 Kinder. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Barbara Beaussacq: Prävention funktioniert nie zu hundert Prozent, so tragisch und schlimm Fälle von Kindsmissbrauch sind. Viele Massnahmen zur Verhinderung von pädosexuellen Übergriffen greifen nicht, weil Pädophilie ein Tabuthema ist.
Denn: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Dies steht den Präventionsmassnahmen manchmal im Weg.
Nau.ch: In Ihrem Verein «Beforemore» können sich Menschen mit sexueller Präferenz für Minderjährige beraten lassen. Melden sich bei Ihnen auch Männer, die in Kitas arbeiten?
Beaussacq: Bisher hatten wir noch keinen solchen Fall. Die Nachfrage nach unserem Angebot hat aber zugenommen.
Mit 175 Anfragen im Jahr 2025 hat sich die Zahl in der Deutschschweiz im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Über 80 Anfragen kamen von Männern mit sexueller Präferenz für Kinder und Jugendliche.
Nau.ch: Wie sieht eine typische Anfrage aus?
Beaussacq: Meist melden sich die Männer per Chat, E-Mail oder Telefon. Sie berichten, dass bei ihnen zu Hause gerade eine polizeiliche Intervention stattgefunden habe und alle Geräte beschlagnahmt worden seien. Auf den elektronischen Geräten wurden Missbrauchsdarstellungen von Kindern gefunden.
Die Familie steht vor dem Abgrund. Alle befinden sich in einer Krisensituation. Dies ist häufig der Moment, den die Männer als sehr aufrüttelnd erleben.
Nau.ch: Was heisst das konkret?
Beaussacq: Häufig sagen sie: «Ich bin froh, dass etwas passiert. Ich wollte schon lange damit aufhören.»

Nau.ch: Wer konsumiert solche schrecklichen Inhalte?
Beaussacq: Das Klischee des sozial ausgegrenzten Hilfsarbeiters, der in seiner Mansarde sitzt und Kinderpornos schaut, trifft nicht zu.
Es sind Männer querbeet: Familienväter, Singles, Söhne. Die Altersspanne reicht vom Jugend- bis ins Rentneralter. Vom Hilfsgärtner bis zum ETH-Ingenieur ist alles dabei.
Studien belegen, dass es tendenziell sogar eher gut ausgebildete Männer sind, die Kinderpornos konsumieren. Sie haben das technische Know-how, das es für den Zugang zu solchen Inhalten braucht.
Nau.ch: Das klingt nach einer alarmierenden Entwicklung.
Beaussacq: Der Konsum von Kinderpornos ist eine Epidemie, die sich in den letzten zehn bis 15 Jahren entwickelt hat.
Nau.ch: Warum ist es trotz Prävention so weit gekommen?
Beaussacq: Weil Missbrauchsdarstellungen von Kindern einfach zugänglich sind. Man muss heute nicht mehr ins Darknet, um an solche Inhalte zu kommen.
Nau.ch: Aus den vielen Fällen lässt sich schliessen, dass viele Männer in der Schweiz eine pädophile Neigung haben.
Beaussacq: Tatsächlich handelt es sich nicht in erster Linie um Männer mit einer ausgeprägten Pädophilie. Mehr als 50 Prozent dieser Taten werden von Männern begangen, die nicht pädophil sind.
Nau.ch: Wie ist das möglich?
Beaussacq: Sadismus und der Reiz des Verbotenen können eine Rolle spielen. Möglichst schlimmes Zeugs anzuschauen, gibt ihnen einen Kick. Oft entwickelt sich dabei auch eine Sucht und Sammelwut, was bei übermässigem Internetkonsum oft der Fall ist.
Die Auslöser sind vielschichtig. Unsicherheit in der Sexualentwicklung, Beziehungsprobleme oder psychische Belastungen können dazu führen, dass der Konsum von Kinderpornos zum Ventil wird. So weit kann es zum Beispiel auch kommen, wenn jemand beruflich sehr erfolgreich ist, im Beziehungsbereich aber gewisse Mankos hat.
Nau.ch: Warum versagt hier die Selbstkontrolle komplett?
Beaussacq: Problematisch ist, dass viele Täter den Konsum bagatellisieren. Sie sagen, sie seien ja nie tätlich geworden.
Sie hätten lediglich entsprechende Bilder und Comics angeschaut. Zudem geben sie auch oft an, dass dies «auch andere» täten.
Nau.ch: Was passiert mit solchen Tätern?
Beaussacq: Nach dem Verfahren kommt es zu einer Busse oder Haftstrafe. Möglich ist, dass eine Therapie empfohlen oder angeordnet wird. Bei Verurteilungen wird häufig ein Tätigkeitsverbot ausgesprochen.
Das Problem ist, dass diese Verbote meist nur berufliche und keine privaten oder ehrenamtlichen Tätigkeiten abdecken. Die Überprüfung der Sport-Trainer, Leiter von Jugendgruppen oder auch Freiwillige in religiösen Gemeinschaften muss verbessert werden.
Dies ist ein schwieriges Feld, denn es stellt sich die Frage, ob man den Datenschutz oder den Kindesschutz höher wertet. Ein klares Nein der Gesellschaft zu sexuellen Übergriffen an Kindern und Jugendlichen ist aber ebenso wichtig.
Nau.ch: Wie meinen Sie das?
Beaussacq: Es geht nicht an, dass wir immer noch schulterzuckend sagen: «Nun ja, er hat halt eine Vorliebe für ‹junge Frauen›.»
Wir müssen als Gesellschaft klar sagen, dass solche Missbrauchsdarstellungen nicht in Ordnung sind. Konkret bedeutet dies: Den derart einfachen Zugang zu solchen Inhalten verhindern. Es braucht für Social Media entsprechende Regulierungen.














