«Kinderärzte konfrontiert»: Schon Teenies nehmen im Gym Steroide
Was man von Bodybuildern kennt, macht mittlerweile auch in den Fitness-Garderoben die Runde. Besonders junge Buben greifen für den Traumkörper zu Anabolika.

Das Wichtigste in Kürze
- Steroide boomen im Fitnessstudio – besonders Buben vor dem 18. Lebensjahr greifen zu.
- 15 Prozent aller Konsumenten sind minderjährig: Social Media treibt den Trend an.
- Das beschäftigt bereits Kinderärzte – früher Konsum kann verheerende Folgen haben.
Früh übt sich, wer breit werden will. So breit, dass die Vermutung nahe liegt: Da wird doch nachgeholfen.
Genau diesen Verdacht hegte Nau.ch-Leser und Fitnessstudio-Besucher Marco L.* – und traf damit voll ins Schwarze.
Seit einigen Wochen wirft der Sportler ein Auge auf zwei Mittrainierende. Das junge Gesicht der Buben verrät ihm: Mehr als 16 Jahre alt können sie nicht sein. Wenn auch ihr Körperbau eine andere Geschichte erzählt.
In der Umkleidekabine des Gyms lassen die beiden die Katze gleich selbst aus dem Sack. Einer der beiden spricht unverblümt über seinen Steroidenkonsum: «Ohne geht halt einfach nichts mehr. Alle, die krass aussehen, nehmen irgendwas.»

Sein Trainingspartner ist ihm gleich gesinnt. Dies zeigt er erst mit zustimmendem Nicken – und dann, indem er Tabletten aus der Trainerhosen-Tasche zieht.
Auch Marco liebäugelt mittlerweile schon mit dem «Stoff»-Konsum. Besonders in Momenten wie diesen. Oder ähnlichen. Etwa, wenn der Fitnessstudio-Spiegel ihm wieder einmal einen direkten Körpervergleich mit minderjährigen Muskelpaketen liefert.
Gerade rechtzeitig drückt daher Facharzt Philip Bruggmann auf die Notbremse.
Er ist Co-Chefarzt für Innere Medizin beim suchtmedizinischen Institut «Arud». Gegenüber Nau.ch ordnet er das Phänomen ein – und beschreibt eine Tendenz, die Besorgnis erregen dürfte.
Anabolika trifft auf Gym-Community
Der Arzt bestätigt gegenüber Nau.ch: «Der Konsum nimmt bei Jugendlichen tatsächlich zu.»
Anabole Steroide – das sind chemische Verbindungen, die Muskel-Masse und -Kraft steigern sollen. Sie werden in Form von Tabletten oder Spritzen eingenommen.
Was man eher aus der Bodybuilder-Szene kennt, hat mittlerweile bei hobbymässigen Fitnessgängern Anklang gefunden. Bereits vor einigen Jahren ergaben europäische Studien: Zehn bis zwanzig Prozent der Gym-Community setzen auf Anabolika.
Bereits Kinderärzte sind damit konfrontiert
Das Fitnessstudio ist bei Jungen ein beliebtes Hobby – damit beginnt jedoch auch oft die Reise zum Traumkörper. Viele Teenies wählen dabei den abgekürzten Weg.
Durch seinen bisherigen Kontakt mit Anabolika-Konsumenten weiss Bruggmann: «15 Prozent der Konsumierenden hat vor dem 18. Lebensjahr mit dem Konsum begonnen.»
In welchem Alter das konkret beginnt, kann variieren, klar ist nur: zu früh. Denn der Facharzt erzählt: «Ich weiss von Kinderärzten, die mit dem Thema konfrontiert sind.»
Ein Bericht von SRF schätzt die schweizweite Anzahl von Anabolika-Konsumenten zum missbräuchlichen Zweck auf 200'000. Einen Grossteil machen die jungen Männer aus.
Den Grund für die Zunahme bei Minderjährigen sieht Bruggmann vorrangig in dem, was mittlerweile zum Alltag der meisten gehört: Die sozialen Medien. Laut Bruggmann würden sie «Vorbildern nacheifern».
Ein Idol zu haben ist nicht unüblich – und auch nicht verwerflich. Wichtig ist jedoch, wen man da anhimmelt. In diesem Fall sind es – so der Arzt – vor allem: «Jene, die auf Social Media ihren Muskelzuwachs unter Anabolikaeinnahme präsentieren.»
Oft liessen sich junge Gym-Gänger zudem lieber von «Coaches oder in Foren beraten. Und vertrauen diesen Informationen mehr als den ärztlichen Ratschlägen».
Das Umfeld ist «massgeblicher Faktor»
Zum Steroiden-Konsum angeregt werden Junge jedoch nicht nur auf dem Display – denn der «Feind» sitzt oft im eigenen Haus.
Oder in dem Fall im gleichen Fitnessstudio – so wie bei Marco L. Der Konsum unter Peers sei laut Bruggmann «ein massgeblicher Faktor, dass selbst mit dem Konsum begonnen wird».
Andererseits, betont Bruggmann, spielt auch mit rein, «dass Traumata in der Kindheit und Jugend Risikofaktoren sind. Etwa körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt.»
Kein Ende in Sicht
Der ewige Teufelskreis giesst zusätzlich Öl ins Feuer. «Beim Muskelaufbau will häufig immer mehr erreicht werden. Was irgendwann auf natürlichem Weg nicht mehr oder nur noch mit immensem Aufwand möglich ist», so Bruggmann.
Wann tatsächlich mal genug ist, scheinen die Trainierenden nicht mehr einschätzen zu können: Das Selbstwertgefühl aufzupolieren sei «eine Motivation bei zirka der Hälfte der Konsumierenden».

Jugendliche seien sich der Nebenwirkungen noch nicht bewusst – diese sind jedoch nicht ohne.
Der Arzt warnt vor «gravierenden Nebenwirkungen» und irreversiblen Folgen: «Wer sich noch im Wachstum und in der Entwicklung befindet, riskiert mit dem Konsum einen Wachstumsstopp und eine Entwicklungsstörung.»
So weit müsste es nicht kommen, so Bruggmann: «Ein durchtrainierter, muskulöser Körper kann auf natürliche Art erreicht werden.»
*Name von der Redaktion geändert













