Keine Betäubung bei Geburt! Ältere warnen Gen Z vor Arschgeweih

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Basel,

Seit ein paar Jahren erlebt der Chic der 2000er das grosse Comeback. Viele Gen-Zler wollen oder haben darum ein Tattoo wie anno dazumal – doch Ältere warnen.

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Moderatorin Karen Heinrichs warnt: Sie erhielt wegen ihrem Tattoo über dem Hintern keine Betäubung während der Geburt. - Instagram / karen_heinrichs

Das Wichtigste in Kürze

  • Tiefsitzende Hosen und bauchfrei: Der 2000er-Style ist seit ein paar Jahren wieder in.
  • Teil des Trends: Das Steissbeintattoo, besser bekannt als Arschgeweih.
  • Doch ältere Frauen warnen die Gen Z, sich ein solches Tattoo stechen zu lassen.
  • Einige bereuen es nämlich aus medizinischen Gründen. Auch Männer sind betroffen.

Erst galt es als sexy, dann als trashige Jugendsünde, dann war es wieder im Trend: Das Steissbein-Tattoo, besser bekannt als Arschgeweih.

Passend zum 2000er-Modetrend mit tiefgeschnittenen, weiten Hosen und bauchfreien Tops gibt es seit wenigen Jahren sein grosses Comeback.

Während es sich viele Frauen mittleren Alters weglasern lassen, legt sich die Generation Z dafür unter die Nadel. Tätowiererin Jenny Vogt sagte 2024 zu Nau.ch: «Bei den jungen Mädels ist es wieder voll in, ein Arschgeweih zu haben.»

Schon damals wurden die Jungen immer wieder von älteren Frauen gewarnt. Viele teilten auf Social Media, dass sie ihr Arschgeweih inzwischen bereuen. Ex-Bachelorette Frieda Hodel und Ex-Miss-Schweiz Whitney Toyloy beispielsweise liessen sich ihre Hinterntattoos entfernen.

Meist ging es einfach darum, dass es den Frauen im späteren Erwachsenenalter nicht mehr gefiel. Doch nun werden auch Warnungen laut, die nichts mit Geschmack zu tun haben – sondern mit der Gesundheit.

Anästhesistin verweigerte Betäubung: «Zu gefährlich!»

Die deutsche Radio- und TV-Moderatorin Karen Heinrichs (52) liess sich in jungen Jahren das Steissbein tätowieren. Das wurde für sie zum echten Problem in der Schwangerschaft.

Frauen, die möglichst schmerzfrei gebären wollen, setzen auf die sogenannte geburtshilfliche Periduralanästhesie, kurz PDA. Dabei wird während oder vor der Geburt eine Spritze in die Nähe des Rückenmarks gesetzt.

Nach wenigen Minuten ist Der Körper von der Hüfte abwärts betäubt.

Hast du ein Tattoo am unteren Rücken?

«Viele meiner Freundinnen hatten so eine Periduralanästhesie und waren total happy», erzählt Heinrichs auf Instagram. Sie hätten geschwärmt, wie leicht damit alles war.

Als sie selbst als Schwangere jedoch im Spital zur Anästhesistin gegangen sei, kam es zur bösen Überraschung: «Die hat einmal kurz auf meinen Rücken geguckt und gesagt ‹nee, sorry, das ist zu gefährlich›», erinnert sich Heinrichs.

Tattoofarbe kann ins Rückenmark gelangen

Der Grund, der ihr die Anästhesistin nannte: Die Farbe ihres Steissbeintattoos könne ins Rückenmark gelangen.

Anfang 20, bevor sie sich für das Tattoo entschied, hätte sie das gerne gewusst, sagt Karen Heinrichs. Darum warnt sie nun: «Also Mädels – oder Frauen – zeigt es euren Töchtern! Keine Tattoos am unteren Rücken.»

Das Video der Deutschen geht viral – es hat fast 1000 Kommentare und über 11'000 Likes. Viele danken ihr für den Hinweis. Andere widersprechen, sie hätten trotz Rückentattoos eine PDA bekommen.

Und Heinrichs ist nicht die einzige, die darüber spricht. Es gibt inzwischen zahlreiche Videos und Posts von Frauen zum Thema PDA und Arschgeweih oder Rückentattoo.

Kein Wunder: Tattoos werden immer verbreiteter. In der Schweiz sind 20 Prozent der Bevölkerung tätowiert, wie Zahlen der Kantone zeigen. Bei den Jungen sind es sogar 50 Prozent.

Was gilt also wirklich?

Risiko klein – aber einige lehnen Betäubung trotzdem ab

Thierry Girard ist Chefarzt am Universitätsspital Basel und stellvertretender Leiter der Anästhesiologie. Er bestätigt bei Nau.ch: «Wir vermeiden – wenn möglich – durch ein Tattoo hindurch zu stechen.»

Der Grund dafür sei, dass die Nadel anschliessend bis zum Rückenmarkskanal, aber nicht zum Rückenmark selbst reiche. Da «besteht ein gewisses Rest-Risiko, dass Farbpartikel ebenfalls dorthin gelangen», erklärt der Anästhesiologe.

Das Risiko schätzt er aber nicht als besonders gross ein: «Allgemein ist man der Meinung, dass diese Gefahr nur bei frischen Tattoos besteht – wenn überhaupt.» Eine klare Grenze gebe es nicht, Girard spricht von rund einem bis zwei Monaten.

«Aber eine Schwangere lässt sich ja kaum ein Tattoo stechen», meint er.

Hinzu kommt: «Es gibt häufig eine Stelle ohne Farbe, dort kann man dann punktieren.» Das geschehe an der Lendenwirbelsäule.

Trotzdem wollen einige Anästhesisten oder Anästhesistinnen auch dieses kleine Restrisiko offenbar nicht eingehen. «Obwohl es in der Praxis kein Problem sein sollte, gibt es wohl schon einige, die das leider ablehnen würden.»

Experte beruhigt: «Wirklich kein Problem»

Girard und sein Team sind regelmässig mit Gebärenden konfrontiert, die am unteren Rücken tätowiert sind, wie er zu Nau.ch sagt. «Wir sehen das immer wieder, haben aber damit wirklich kein Problem.»

Wie stark die Schmerzen bei einer natürlichen Geburt sind, sei sehr individuell.

«Sie sind unter anderem von der Position und der Grösse des Kindes abhängig. Auch verlaufen Geburten sehr unterschiedlich.» Die PDA sei die wirksamste Methode, um den Geburtsschmerz zu reduzieren.

Zusammengefasst: Es kann tatsächlich sein, dass man in der Schweiz mit Steissbein-Tattoo bei der Geburt keine PDA erhält. Da das Risiko jedoch nicht besonders gross ist, dürfte das aber die Ausnahme sein.

Auch Männer betroffen

Aber nicht nur Frauen, die Kinder wollen, bekommen unter Umständen Probleme wegen ihrem Rückentattoo. Es kann Frauen und Männer in allen Lebensphasen treffen.

Denn: «Selten» wird eine PDA auch bei Sportverletzungen eingesetzt, wie Sportmediziner Marcus Mumme von der Klinik Hirslanden zu Nau.ch sagt.

Das kann beispielsweise bei komplexen Knie-Operationen der Fall sein. «Eine PDA kann die postoperative Schmerztherapie unterstützen», erklärt der Facharzt. Sie kann also nach der Operation die Schmerzen lindern. «Beispielsweise, wenn beidseitig operiert wurde.»

Selten sei es tatsächlich der Fall, dass wegen eines Rückentattoos keine PDA eingesetzt werden könne.

klinik
Selten werden PDAs auch bei Eingriffen nach Sportverletzungen eingesetzt, erklärt Sportmediziner Marcus Mumme. - Klinik Hirslanden

«Dann gibt es aber Alternativen, um die Schmerzen nach Operationen zu lindern», erklärt Mumme: Medikamente können auch intravenös oder in Tablettenform verabreicht werden. Eine andere, deutlich häufiger angewendete Möglichkeit sei die Regionalanästhesie, also die regionale Betäubung.

Also auch für alle anderen Tattoo-Fans, die nicht gebären wollen oder können, gilt: In seltenen Fällen kann das Rückentattoo ein Problem sein. Grund zur Panik besteht aber nicht.

Kommentare

User #4011 (nicht angemeldet)

tiefsitzende hosen sehen so grässlich aus

User #1212 (nicht angemeldet)

Die Studios wissen das teilweise bestimmt.

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