«Kaum verkäuflich»: Brockis mit immer mehr Billigware geflutet
Die Spendenmenge in Schweizer Brockis steigt, doch die Qualität sinkt vor allem bei Textilien. Hochwertige Stücke landen zudem häufiger auf Online-Plattformen.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Brockis von Heilsarmee und Blauem Kreuz erhalten mehr Spenden und verkaufen mehr.
- Doch Fast Fashion senkt besonders bei Kleidern die Qualität vieler Spenden.
- Hochwertige Möbel werden häufiger privat über Online-Plattformen verkauft.
Secondhand liegt in der Schweiz im Trend. Drei von vier Menschen haben laut einer kürzlich veröffentlichten Befragung der Post schon einmal einen gebrauchten Artikel gekauft oder verkauft.
Der Schweizer Online-Secondhand-Markt wird inzwischen auf rund 1,7 Milliarden Franken geschätzt.
Von dem Boom profitieren auch die Brockenhäuser. Bei der Heilsarmee, die schweizweit 21 Brocki.ch-Filialen betreibt, nehmen die Warenspenden nach eigener Einschätzung eher zu. Gleichzeitig wächst die Zahl der verkauften Artikel und der Einkäufe pro Jahr um rund fünf Prozent.
Brockis erhalten mehr Billigware
Doch die Entwicklung hat eine Kehrseite.
«Die Qualität der Spenden ist vor allem im Textilbereich eher rückläufig», sagt Heilsarmee-Sprecherin Morena Napoletano gegenüber Nau.ch.
Vor allem Fast Fashion macht sich bemerkbar: «Wir erhalten mehr günstig produzierte Kleidungsstücke, während der Anteil hochwertiger und langlebiger Kleidung zurückgeht.»
Auch bei Mobiliar-Spenden beobachtet die Heilsarmee einen Rückgang bei wertvolleren Stücken. «Einerseits werden hochwertige Möbel zunehmend privat über Plattformen wie Ricardo, Tutti oder Anibis weiterverkauft», sagt Napoletano.
Online-Marktplätze ziehen hochwertige Ware ab
Wie verbreitet dieser Vertriebsweg inzwischen ist, zeigt auch die Post-Befragung: Online-Marktplätze sind mit 50 Prozent der meistgenutzte Kanal. Ricardo ist dabei klarer Marktführer.
Geld spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Beim Verkauf nennen 61 Prozent der Befragten Geldverdienen als Motiv.
Ein weiterer Grund sei das veränderte Konsumverhalten. «Es werden häufiger günstigere Möbel gekauft, die weniger langlebig sind», so Napoletano.
Insgesamt zeigt sich bei der Heilsarmee: Mehr Spenden bedeuten nicht automatisch mehr verkäufliche Artikel. Sie stellt fest, «dass mit steigenden Spendenmengen auch der Anteil der nicht weiterverkaufsfähigen Ware zunimmt».
Blaues Kreuz sortiert strenger aus
Auch das Blaue Kreuz erhält kontinuierlich mehr Warenspenden. Bei Kleidern und Haushaltsartikeln stellt die Organisation ebenfalls einen höheren Anteil an Billigware fest.
Jakob Schweizer, Bereichsleiter Blaukreuz-Brockis, sagt: «Ein Teil davon ist qualitativ so schwach, dass er selbst in neuwertigem Zustand kaum noch verkäuflich ist.»
Einen generellen Rückgang hochwertiger Spenden beobachtet das Blaue Kreuz jedoch nicht. Noch immer würden viele Markenkleider, Designstücke und Sammelobjekte abgegeben.
Dass manche Spender wertvollere Waren zunächst auf anderem Weg weiterzugeben versuchen, sei zudem kein neues Phänomen. «Das gab es aber auch früher, einfach an anderen Orten, über andere Plattformen.»

Wie bereits 2021 erhält das Blaue Kreuz derzeit wieder besonders viele Kleiderspenden. Das habe auch eine positive Seite, sagt Schweizer: «Wir können bei der Sortierung strenger auswählen und damit die Qualität unseres Sortiments nochmals erhöhen.»
Bei anderen Produkten hilft eine hohe Spendenmenge dagegen wenig. Aktuell werden den Brockis des Blauen Kreuzes etwa sehr viele DVDs gebracht. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage danach deutlich.
«Das zeigt: Zwischen dem, was gespendet wird, und dem, was gesucht wird, kann durchaus eine Lücke entstehen», sagt Schweizer.
Brockis setzen auf Einkaufserlebnis
Trotzdem bleiben Brockis gefragt. Das Umsatzpotenzial guter Standorte ist laut Blauem Kreuz heute ungefähr doppelt so hoch wie vor 20 Jahren.
Ein Selbstläufer ist das Geschäft aber nicht: Einzelne Standorte seien in die Verlustzone geraten oder hätten sogar geschlossen werden müssen, so Schweizer.
Gegenüber Online-Marktplätzen punkten Brockis zudem mit einem klaren Vorteil: Die Ware lässt sich vor Ort anschauen, anfassen und direkt beurteilen.
Diesen Trumpf gelte es zu nutzen, sagt Heilsarmee-Sprecherin Morena Napoletano, «indem man der Kundschaft ein bereicherndes Einkaufserlebnis bietet».











