Immer mehr Schweizer Firmen lagern Jobs nach Indien aus
Viele Firmen streichen Jobs in der Schweiz und besetzen sie in Indien, um ihre Kosten zu senken. Doch die Einsparungen sind selten so gross wie erwartet.

Das Wichtigste in Kürze
- Eine Spar-Massnahme, die immer mehr Schweizer Unternehmen ergreifen: Job-Auslagerungen.
- In Tieflohnländern wie Indien müssen sie weniger für Arbeit bezahlen.
- Doch die Rechnung geht selten so gut auf wie erwartet. Viele vergessen versteckte Kosten.
Ein Winterthurer Maschinenbauer streicht Dutzende Stellen in der Schweiz. Die Jobs erhalten neu Mitarbeitende, die im Tieflohn-Land Indien rekrutiert werden. Auch die UBS baut Tausende Jobs in der Schweiz ab und plant 3000 Stellen in Indien.
Solche Schlagzeilen sind häufiger geworden – immer mehr Schweizer Firmen lagern Jobs nach Indien aus.
«In den letzten drei bis fünf Jahren ist eine deutliche Zunahme zu beobachten», sagt Organisationsentwicklungs- und HR-Experte Alexander Beck.
Banken, Pharma und Co. setzen am häufigsten auf Auslagerung
Insbesondere das administrative und IT-nahe Umfeld bei grösseren und international tätigen Konzernen sei betroffen.
Die Gründe: «Zunehmender Kostendruck, teilweise Fachkräftemangel sowie die global fortschreitende Digitalisierung und Standardisierung von Prozessen.»
Branchen sind viele betroffen – laut Beck beispielsweise Banken und Maschinenbau, wie auch die beiden kürzlichen Beispiele zeigen.
Aber auch Versicherungen, Pharma, IT und Tech sowie Life Sciences, auch als Lebenswissenschaften bekannt. Die Branche arbeitet unter anderem in den Bereichen Biotechnologie und Medizintechnik.
Firmen erhoffen sich grosse Ersparnisse
Die Firmen erhoffen sich laut Beck von solchen Job-Auslagerungen in erster Linie, Kosten zu senken.
«Für Mitarbeitende aus Indien fallen beispielsweise deutlich tiefere Lohn- und Sozialversicherungskosten an», gibt er zu bedenken.
Zudem können Firmen ihre Kosten so flexibler gestalten, wie der Experte bei Nau.ch erklärt. Ein weiterer Vorteil: Statt dass jede Abteilung beispielsweise ihr eigenes HR hat, kann das dank Auslagerung alles zentral erledigt werden.
Klingt aus wirtschaftlicher Sicht toll. Doch es wird auch Kritik an der Praxis laut. Denn: Sozial, qualitativ und aufgrund versteckter Kosten können Job-Auslagerungen nach Indien Nachteile haben.
Inder können sogar «mehr kosten» als Schweizer
Thomas Bauer von der Gewerkschafts-Dachorganisation Travail Suisse warnt bei Nau.ch gar vor negativen Folgen fürs Firmen-Portemonnaie. «Je nach Situation können Probleme bei ausgelagerten Leistungen zu höheren Kosten führen», sagt er.
Beispiele für drohende Probleme: Wenn sich Fachkräfte im entfernten Ausland wenig mit dem Arbeitgeber identifizieren oder schlechter qualifiziert sind als hiesige Fachkräfte.
Damit «besteht die Gefahr, dass die Qualität der Endprodukte sinkt», gibt Bauer zu bedenken.
Auch Daniel Kopp vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund SGB warnt: Auslagerungen nach Indien können «in manchen Fällen» sogar mehr kosten, als wenn die Arbeit in der Schweiz erledigt wird.
«Deshalb gibt es auch Unternehmen, die ehemals ausgelagerte Tätigkeiten wieder zurückholen.»
Das bestätigt eine Umfrage in der Finanzbranche: In mehr als der Hälfte der Fälle wurden die angestrebten Kosteneinsparungen durch Auslagerungen nicht erreicht.
Auslagerungen können laut Kopp zudem dazu führen, dass «die Kontrolle über wichtige Geschäftsprozesse abnimmt. Im Bankensektor warnt die Finma sogar davor, dass Auslagerung ein zentrales Finanzmarktrisiko darstellen kann».
Schweizer Kaderfrau: «Bedeutet oft Mehraufwand»
Kaderfrau Ursina R.* arbeitet für eine Firma in Zürich. Sie kommt im Arbeitsalltag immer wieder mit solchen Problemen in Kontakt.
«Wir haben viele Jobs auf niedrigen Stufen nach Indien ausgelagert. Oft bedeutet das einen Mehraufwand für Führungskräfte in der Schweiz wie mich», verrät sie Nau.ch.

Das Problem: «Ich habe den Eindruck, dass sich die Leute wegen der grossen Distanz und der unpersönlichen Homeoffice-Arbeit weniger verpflichtet fühlen, abzuliefern.»
In der Folge müsse R. oft Arbeiten übernehmen oder aufwändig ausbessern, die eigentlich jemand mit niedrigerem Job-Titel erledigen müsste.
Die Chefin ist sich nicht zu schade für die Arbeit, wie sie betont. Aber: «Meine Zeit ist natürlich deutlich teurer. Ich frage mich manchmal, ob dieser Faktor denen, die das entscheiden, bewusst ist.»
Qualität sinkt, Aufwand nimmt zu
Sie vermutet, dass ihr Arbeitgeber in der Schweiz zu tiefe Löhne bietet und darum zu wenig qualifizierte Fachkräfte findet. Es gebe jedenfalls einen deutlichen Personalmangel in gewissen Bereichen.
«Das ist das Hauptproblem: Arbeiten, die eigentlich qualifizierte Fachkräfte erledigen müssten, werden so nach Indien ausgelagert. Dort werden sie Mitarbeitenden übertragen, die zu wenig Fachwissen dafür haben.»
So sinkt die Qualität – und der Aufwand für Führungspersonen wie Ursina R. steigt.
Gewerkschaft warnt vor Zusatzbelastung
Es gebe auch Verständigungsprobleme, erklärt sie. «Manchmal schreibe ich drei Nachrichten, ehe ein Mitarbeiter versteht, was ich von ihm will. Wir sind uns die Umgangsformen im jeweils anderen Land nicht gewöhnt, das zeigt sich.»
All das bedeutet im Arbeitsalltag der Chefin mehr Stress, wie sie sagt.
Mit ihrem Stressempfinden ist sie nicht allein. Bauer von Travail Suisse sagt: «Die gesundheitsbedingten Absenzen steigen aufgrund höherer psychischer Belastungen anhaltend an.»
Die Ursachen dafür seien zwar komplex. Doch auch Auslagerungen können ein Faktor sein. Sie könnten unter anderem zu «Arbeitsplatzunsicherheit, vermehrten Konflikten und Führungsproblemen» führen, sagt Bauer.
«Viele unterschätzen Zusatzaufwand»
Auch Organisationsentwicklungs- und HR-Experte Alexander Beck sieht gewisse Nachteile und Risiken.
Er bestätigt, was auch die Zürcher Kaderfrau feststellt: «Der Führungs- und Koordinationsaufwand steigt massiv», und Auslagerungen können «versteckte Kosten» mit sich bringen.
«Insbesondere in der Start- und Übergangsphase solcher Projekte ist das der Fall. Viele Schweizer Führungskräfte unterschätzen diesen Zusatzaufwand.»

Beck berichtet zudem ebenfalls vom erhöhten Risiko von Qualitätsproblemen und geringerer Identifikation mit dem Unternehmen.
Hinzu komme, dass die Job-Wechselrate gerade in der Tech-Branche Indiens sehr hoch sei, was ebenfalls qualitative Probleme bringen könne.
Es gibt aber auch kulturelle Unterschiede, die die Zusammenarbeit erschweren können, wie Beck sagt: «Etwa in Kommunikation und Verantwortungsübernahme. Unterschiedliche Feedbackkultur, Konfliktverhalten und Umgang mit Hierarchie führen nicht selten zu Missverständnissen.»
Es kann sich lohnen – aber es muss nicht
«Es braucht klar definierte Prozesse und Verantwortlichkeiten», betont Beck. Wichtig seien auch stabile IT-Systeme und Führung vor Ort, die die Qualität der Mitarbeitenden im Ausland vor Ort prüfe.
«Diese Führungsperson benötigt ein kulturelles Verständnis zum Land und Arbeitswelt in der entsprechenden Region», sagt Beck.
Seien diese Punkte erfüllt, können Auslagerungen laut dem Berater durchaus effizient sein, die gewünschten finanziellen Einsparungen bringen und qualitativ überzeugen.
Beck ist also überzeugt, dass sich Auslagerungen lohnen können – allerdings nicht im Ausmass, wie es sich viele Firmen vorstellen. «In der Praxis fallen die Kostenvorteile selten so hoch aus wie ursprünglich berechnet.»
Eben genau deshalb, weil versteckte Kosten wie erhöhte Führungskosten und Qualitätsverluste oft zu wenig berücksichtigt werden.
Jobs werden auch in Kosovo, Philippinen und Co. ausgelagert
Zusammengefasst: Die Firmen rechnen mit grossen Einsparungen, vergessen bei ihren Prognosen aber oft versteckte Kosten.
Darum sind die Kostenvorteile meist nicht so hoch wie erwartet – oder gar illusorisch. Und in einigen Fällen kann eine Auslagerung sogar noch mehr kosten, als den Job in der Schweiz zu behalten.
Schweizer Jobs werden übrigens nicht nur nach Indien ausgelagert, sondern auch in andere Länder mit deutlich tieferem Lohnniveau. Beispiele sind Kosovo oder die Philippinen. Gleichzeitig ersetzt die KI erste Stellen, etwa in der IT-Branche.
Die UBS spricht derweil von Zufall. Die neuen Jobs in Indien hätten nichts mit dem Stellenabbau in der Schweiz zu tun.
*Name von der Redaktion geändert

















