Stadt Zürich

Immer mehr Fachkräfte fühlen sich massiv überarbeitet

Elena Hatebur
Elena Hatebur

Zürich,

Zu viel Arbeit, zu wenig Erholung: Für viele Beschäftigte wird Dauerstress zum Alltag. Fachkräfte mit hoher Verantwortung sind dabei besonders betroffen.

Arbeit
Überarbeitung und Burnout sind in der Berufswelt keine Ausnahmefälle. - Depositphotos

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Fall Urs Schwarz wirft Licht auf ein gesellschaftliches Tabu: Überarbeitung.
  • Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen, Erholungspausen werden rar.
  • Vor allem im Gesundheitswesen und bei Fachkräften mit viel Verantwortung herrscht Druck.

Wer zu viel arbeitet, private und berufliche Grenzen vermischt und sich kaum Pausen gönnt, ist überarbeitet. Zu viel Stress, zu wenig Erholung: Dauerbelastung für Körper und Psyche.

Der kürzlich publik gewordene Fall des Neurologen Urs Schwarz steht exemplarisch dafür.

17 Jahre lang arbeitete Schwarz ohne Ferien am Universitätsspital Zürich. Er versank in Berichten und Diagnosen – und starb 2021 mit 64 Jahren.

Ein extremer Fall, aber kein unbekanntes Muster

Klar ist: Urs Schwarz ist ein Ausnahmefall. 17 Jahre, oder über 6000 Tage, ohne Ferien durchzuarbeiten, grenzt psychisch wie physisch an ein Wunder.

Auch der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (vsao) spricht von einem Extremfall. Die tragische Geschichte sei «in diesem Ausmass wohl einzigartig in der Schweiz».

Überarbeitung und Erschöpfung seien im Gesundheitswesen dennoch keine Seltenheit. Lange Arbeitszeiten gehörten zum Berufsalltag – Müdigkeit, Unzufriedenheit oder Gedanken an einen Berufsausstieg seien häufige Folgen.

Internationale Studien zeigen zudem, dass belastende Faktoren bei Ärztinnen und Ärzten stärker sind als in vielen anderen Berufsgruppen. Lange Arbeitszeiten oder spontanes Einspringen für Nacht- und Wochenenddienste sind in der Branche deutlich verbreiteter.

Gegenüber Nau.ch betont der Verband, dass ausserdem «hoher Erwartungsdruck von Patienten, Angehörigen sowie von Kolleginnen und Kollegen» bestehe.

«Auch individuelle Persönlichkeitsmerkmale wie eine hohe Opfer- und Leistungsbereitschaft können eine Rolle spielen.»

Ärzte würden bereits im Studium stark gefordert und seien sehr motiviert, den Beruf auszuüben. Auch, wenn sie dafür grössere persönliche Opfer bringen müssen.

Gemäss einer Mitgliederumfrage des «vsao» arbeiten Ärztinnen und Ärzte im Schnitt rund 56 Stunden pro Woche. Obwohl die gesetzlich vorgeschriebene Höchstarbeitszeit in der Schweiz pro Woche bei 50 Stunden liegt.

Aus Sicht des Verbandes ist die Reduktion der Arbeitszeit deshalb ein «zentrales Instrument», um die Gesundheit der Fachkräfte zu stärken. «Vor allem auch, um die Versorgungssicherheit und die Qualität der Patientenbetreuung mittel- und langfristig sicherzustellen.»

Überforderung entsteht schleichend

Auch Fiona Witte und Sebastian Haas von der Zürcher Privatklinik Hohenegg kennen sich mit den Mustern von Überarbeitung bestens aus. Witte und Haas leiten den Schwerpunkt Burnout und Belastungskrisen der Klinik.

Die beiden Experten halten das extreme Beispiel im Fall Urs Schwarz ebenfalls für «aussergewöhnlich».

Aber: «Das zugrunde liegende Muster beobachten wir in unserer klinischen Praxis jedoch regelmässig.» Chronische Überforderung entwickle sich meist schleichend und bleibe lange unbemerkt – in allen Branchen.

Ferien über Jahre auszulassen sei zwar ungewöhnlich. Überarbeitung zeige sich jedoch oft subtiler.

«Häufig sehen wir dauerhaft verkürzte oder qualitativ ungenügende Erholungsphasen», erklären die Experten.

«Jahrelange hohe Arbeitsbelastung, starke emotionale Verantwortung und ständige Erreichbarkeit erhöhen das Risiko psychischer oder körperlicher Erkrankungen deutlich. Dies gilt insbesondere, wenn man sich nicht ausreichend davon erholt.»

Wie sich Überarbeitung äussert

Typische Folgen seien die Vernachlässigung eigener Bedürfnisse sowie «anhaltende Erschöpfung, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, depressive Symptome und ein schrittweiser Leistungsabfall».

Experten Burnout
Die beiden Experten für Burnout und Belastungskrisen: Dr. biol. hum. Fiona Witte und Dr. med. Sebastian Haas. - zVg

Auch körperlich hinterlässt Dauerbelastung Spuren – etwa durch eine erhöhte Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck oder metabolische Veränderungen.

«Entgrenzte Arbeitszeit kann zur Dauerbelastung werden. Weil ständige Erreichbarkeit und globale Arbeitsrhythmen klare Feierabend- und Wochenendgrenzen auflösen», sagen Witte und Haas.

Wenn Stress zur Norm wird

Auch die Statistik zeigt: Immer mehr Menschen fühlen sich chronisch überarbeitet.

Die Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) und die Schweizerischen Gesundheitsbefragung (SGB) haben dies gemeinsam untersucht. 2022 gaben rund 19 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen an, bei der Arbeit emotional erschöpft zu sein.

Besonders hoch ist das Risiko bei Personen mit regelmässigem Arbeitsstress: Mehr als die Hälfte (53 Prozent) fühlt sich «emotional verbraucht».

Auch der Job-Stress-Index des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) zeigt einen Höchstwert emotional erschöpfter Erwerbstätiger seit 2014.

Unia: «Beunruhigende» Entwicklung

Für die Gewerkschaft Unia ist der steigende Anteil erschöpfter Beschäftigter «beunruhigend».

«Diese Personen sind unmittelbar Burnout-gefährdet», warnt die Gewerkschaft gegenüber Nau.ch.

Das Problem beschränke sich längst nicht mehr auf das Gesundheitswesen. «Der Druck auf die Arbeitszeiten nimmt allgemein zu.»

Fühlst du dich wegen deiner Arbeit emotional erschöpft?

Angestellte berichteten von zunehmendem Zeitdruck, einer Verdichtung der Arbeit, langen Arbeitszeiten sowie häufig wechselnden Einsätzen.

«Strukturelle Ursachen sehen wir bei Personalmangel, mangelnder Arbeitsorganisation und Planung.» Auch der politisch geschürte Druck auf eine Deregulierung der Arbeitszeiten sei ein strukturelles Problem.

Die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen zunehmend – zulasten der notwendigen Erholungszeit.

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Kommentare

User #4318 (nicht angemeldet)

Experten für Burnout sollen arbeiten. Das ist keine Arbeit!

User #4318 (nicht angemeldet)

Politiker hassen AHV - Leute die fast 50 Jahre gearbeitet haben , dazu gehört der ehemalige SP Gesundheitsminister Berset ( alte Leute seien schuld an den Gesundheitskosten)! Man sollte solche Politiker zu Rechenschaft ziehen!

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