Schulen schicken Buben in Anti-Andrew-Tate-Kurs
Männlichkeits-Influencer wollen Buben mit radikalem Gedankengut abholen. Viele Schulen reagieren mit Kursen, in denen sie aufgeklärt werden.

Das Wichtigste in Kürze
- Radikale Männlichkeits-Influencer wie Andrew Tate ziehen Buben und Männer in ihren Sog.
- In der Schweiz gibt es immer mehr Massnahmen gegen die sogenannte «Manosphere».
- Eine davon: Eine neue Fachstelle, die Kurse unter anderem für Schüler anbietet.
- Für dieses Jahr hat die Fachstelle schon über 50 Kurs-Buchungen, viele von Schulen.
«Wird mein Sohn ein Nerd, muss einer von uns sterben.»
«Loser lieben es, über ihre Gefühle zu reden.»
«Hast du keinen Lamborghini, bist du ein Scheiss-Fresser.»
«Ich denke, Frauen gehören dem Mann.»
Ein paar Müsterli aus dem Meinungs-Repertoire von Andrew Tate, dem wohl berühmtesten Influencer aus der sogenannten «Manosphere»: Einer Szene von Männern, die im Netz radikale Gender-Rollenbilder predigen.
Hört man auf sie, ist ein Mann nur ein Mann, wenn er Muskeln hat, schnelle Autos fährt und andere dominiert. Frauen sowieso, andere Männer am besten auch.
Sie liefern also scheinbar einfache Antworten auf die grosse Frage, was Männlichkeit heute bedeutet. Und das mit Erfolg.
Buben sind nur drei Links von radikalen Inhalten entfernt
Die Szene ist «kein Randphänomen» mehr, wie Männer-Experte Markus Theunert kürzlich warnte.
Schweizer Buben sind den radikalen Ideologien auf Social Media schnell ausgesetzt: «Wenn man auf zwei-drei entsprechende Links klickt, hat man im Handumdrehen Andrew Tate & Co. in der Timeline.»
Inzwischen beschäftigt das Thema sogar den Bundesrat. Justizminister Beat Jans engagiert sich für ein neues Projekt, das Eltern über die Gefahren der Manosphere aufklärt.
Die Akte Andrew Tate
Andrew Tate ist der wohl berühmteste radikale Männlichkeits-Influencer der westlichen Welt. Bekannt ist der US-britische Staatsbürger für frauenverachtende und rechtsextreme Aussagen, aber inzwischen auch wegen zahlreicher Verfahren.
Andrew Tate, sein Bruder Tristan und zwei Komplizinnen sind in Rumänien wegen Menschenhandel angeklagt. Die ehemalige rechte Aktivistin Lauren Southern wirft ihm zudem vor, sie in Rumänien mehrmals bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und sie sexuell missbraucht zu haben. Der Bericht eines Spitals in Kanada, wo sie sich danach untersuchen liess, beschreibt unter anderem Symptome einer Strangulation. Tate streitet die Vorwürfe ab.
Mehrere Frauen werfen ihm Vergewaltigung vor, in Grossbritannien laufen entsprechende Ermittlungen. 2024 wurde zudem bekannt, dass gegen Tate und seinen Bruder Tristan ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung in Grossbritannien läuft. Er soll umgerechnet mehr als 22 Millionen Franken Einkommen nicht versteuert haben. Ein Gericht hat bereits entschieden, das mehrere Millionen aus seinen Konten beschlagnahmt werden sollen. Die britische Staatsanwaltschaft ermittelt auch wegen Menschenhandel gegen Tate.
Eine Ex-Freundin von Tate beschuldigt ihn, sie während dem Geschlechtsverkehr geschlagen und gewürgt zu haben, so, dass sie um ihr Leben fürchtete. Sie reichte eine Klage in den USA gegen ihn ein.
Andrew Tate verbreitet antisemitische und rechtsextreme Verschwörungstheorien und forderte im vergangenen Jahr, der Hitlergruss solle wieder eingeführt werden.
Es ist nicht die einzige Massnahme, die Buben vor der Radikalisierung schützen soll: In Zürich gibt es jetzt eine neue Fachstelle für «geschlechterreflektierte Jungenarbeit», die Buben aufklären will.
«Oh Boy», heisst die Organisation, die Kurse sowohl in Städten, Dörfern und Agglo-Gemeinden anbietet. Zielgruppe sind unter anderem Schulen und Schüler.
«Müssen vor diesen Influencern mit Jungs sprechen»
In den Kursen für Jugendliche geht es in erster Linie um Gewaltprävention und die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollenbildern. Gewaltverherrlichende, radikale Männlichkeits-Influencer sind hier natürlich wichtiger Bestandteil des Stundenplans.
Denn: «Wir müssen frühzeitig ansetzen», sagt Michael Koger, Co-Leiter der neuen Fachstelle gegenüber Nau.ch. «Wir Fachpersonen und Fachmänner sollten vor diesen Influencern mit den Jungs über Männlichkeit sprechen.»
Und zwar eben darüber, dass Männlichkeit vielfältig sei. Und nicht nur einer einzigen, starren Vorstellung entsprechen muss, wie sie Tate und Co. predigen.
Wenn das Thema nur einmal mit 15 oder 16 kurz mit den Buben bearbeitet wird, reicht das nicht, sagt Koger. Dann kann es zu spät und zu wenig sein – und die Jungs voll im Sog der «Manosphere».
Mannsein, wie es zu dir passt – «nicht, wie der Muskelprotz auf Tiktok befiehlt»
Der Kursleiter ist also überzeugt: Prävention ist das Wichtigste.
Doch wie genau sieht die aus? Koger erklärt: Er und sein Team wollen Jungs aufzeigen, wie unsere Gesellschaft Männlichkeit noch immer mit Dominanz und Härte verbinde. Und wie das «Gewalt begünstigt.»

Die Kurse schaffen laut Koger einen Rahmen, in dem diese Rollenbilder besprochen und in einem «sicheren Rahmen reflektiert» werden können.
Wichtig dabei: Den Buben direkt zu sagen, ihr Lieblings-Männlichkeits-Influencer liege falsch, ist keine gute Strategie. Stattdessen sei «es wichtig, die Kids zu fragen, warum sie sich das anschauen, was sie daran gut finden.»
Er bewerte nicht schnell, sondern teile eigene Erfahrungen, Gefühle und Bilder, sagt Koger. So wird den Jungs eine «korrigierende» Erfahrung geboten. Ein Vorbild also.
Und genau das sei besonders wichtig, betont der Kursleiter. «Es braucht erlebte Vorbilder von Männern, die sich spüren, respekt- und liebevoll sind.»
So komme man zum Punkt, an dem man den Jungs sagen kann: «Gestaltet euer Mannsein so, wie es zu euch passt, nicht so wie es der Muskelprotz auf Tiktok befiehlt.»
Jungs trainieren Männlichkeit ohne Gewalt
Etwas Weiteres, worauf er dabei achtet: «Mit Jugendlichen kann auch über Rollenbilder und Männlichkeiten gesprochen werden, ohne den Begriff Männlichkeit zu nutzen. Denn: Dieser Begriff kann auch eine Gegenwehr auslösen.»
Koger und sein Team setzen beispielsweise auf Theater und Rollenspiele, in denen die Jungs Alltagssituationen nachstellen und sie danach besprechen.

So wird zum Beispiel eine Szene nachgespielt, in der ein älterer, «gangsterhafter» Junge am Bahnhof steht. Ein vorbeigehender Bub beobachtet, dass er aggressiv wirkt, allenfalls Streit sucht.
Danach wird mit den Jungs besprochen, welche Gefühle eine solche Situation in ihnen hochkommen lässt. Und Fragen diskutiert wie: «Wie reagiere ich? Welche Lösungen kenne ich und welche stehen mir zur Verfügung?»
Koger erklärt: «Solche Alltagssituationen werden mit den Jungs trainiert. Dabei wird dominante Männlichkeit thematisiert und eine Form von Männlichkeit eingeübt, die nicht auf Gewalt zurückgreifen muss.»
«Meine Freundin soll keinen kurzen Rock tragen»
In einem Workshop müssten sich die Jugendlichen zu Aussagen positionieren wie: «Meine Freundin soll keinen kurzen Rock tragen.»
«Danach gehen wir tiefer», erklärt Michael Koger. «Warum soll sie sich nicht so anziehen?», lautet dann die nächste Frage.
Antwort: «Weil sie belästigt werden könnte.»
«Von wem?» – «Von Männern.»
«Warum deuten Männer einen kurzen Rock als Einladung für übergriffiges Verhalten?»
«So kommen wir von eigenen Vorstellungen zu gewaltbegünstigenden Männlichkeitsnormen», sagt der Kursleiter.
Radikale Mucki-Buben gibt's auch in städtischen Gymis
Obwohl die Fachstelle neu ist, haben Michael Koger und sein Co-Leiter Kambez Nuri bereits viel Erfahrung mit Kursen für Jungs. Bereits seit 2022 bieten sie einen Workshop für 12- bis 25-Jährige an, den sie nun in der neuen Fachstelle weiterführen.
Für das laufende Jahr haben sie bereits 50 Buchungen. Und auch für einen neuen Kurs für Jugendliche ab der vierten Klasse sind bereits erste Anfragen eingetroffen.

Die Kurse führen sie in allen möglichen schulischen Umfeldern durch. Von kleinen Dorfschulen über Klassen in Agglo-Gemeinden bis in den grossen Städten, wie Koger sagt. Was er dabei feststellt: «Die ländlichen Regionen haben nicht weniger Interesse an den Kursen als die städtischen.»
Und: Er beobachtet auch nicht mehr Gegenwehr in den Dörfern oder Agglo-Gemeinden, wenn er mit Jungs über Rollenbilder und Gewaltprävention spricht.
«Übrigens gibt es auch an städtischen Gymnasien Jungs, die mit solchem Gedankengut rebellieren. Das ist einfach ein Thema, das junge Männer im Allgemeinen betrifft.»
Mehr Autounfälle: Jungs fühlen sich von Fakten attackiert
Grundsätzlich gebe es in allen Regionen auch immer mal Buben, die nicht nur Freude an den Unterrichtsinhalten haben. «Mir wurde beispielsweise schon von jüngeren Jungs vorgeworfen, ich sei gegen Männer.»
Wie sie darauf kamen? Fakten, die Koger präsentierte, gefielen ihnen nicht.
«Etwa, dass Männer mehr Verkehrsunfälle verursachen, früher sterben oder häufiger im Gefängnis landen.» Mit Zahlen belegbare Tatsachen, die Männer tatsächlich nicht ins beste Licht rücken.
Aber diese Zahlen zeigen eben auch: Männer werden oft selbst zu Opfern gesellschaftlicher Erwartungen. Sie sollen furchtlos sein. Gehen Risiken ein – bis hin zum Verkehrsunfall.
Sie sollen stark bleiben. Schweigen über Verzweiflung und Angst – aus Sorge, unmännlich zu wirken. Das kann tödlich enden.
Und sie sollen dominant auftreten. Bis Grenzen überschritten werden, jemand zu Schaden kommt und Gefängnis droht.
Genau das versucht die neue Fachstelle Jungs zu vermitteln: Man(n) kann und soll Mann sein, ohne sich selbst und andere zu gefährden.













