Gangplatz-Besetzer versperrt freien Sitz in vollem Zug

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Bern,

Im vollen Interregio-Zug ist noch ein Fensterplatz frei. Trotzdem rührt sich ein Passagier nicht vom Gangplatz. Egoismus oder Panik können dahinterstecken.

Gangplatz
Der Passagier rutscht nicht hinüber auf den Sitz am Fenster, um im vollen Abteil Platz zu machen. - Nau.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Sitzplatzsuchender muss sich über einen Gangplatz-Besetzer zum Platz hinüberkämpfen.
  • Laut einer Knigge-Trainerin sollen sich Gang-Besetzer Kinogäste zum Vorbild nehmen.
  • Eine Betroffene verrät, warum der Gangplatz für manche Reisende so wichtig ist.

Der Interregio-Zug am Bahnhof Bern Richtung Zürich ist rappelvoll. Bis auf einen Platz: In einem Abteil ist der Fensterplatz frei. Ungerührt sitzt ein Passagier auf dem Platz daneben und starrt mit Kopfhörern in den Ohren ins Handy.

Etliche Sitzplatzsuchende gehen am Abteil vorbei. Dies wohl in der Annahme, dass der Mann den freien Platz für jemanden besetzt. Doch: Dem ist nicht so, wie seine Reaktion beweist.

Höflich fragt ein junger Mann, ob er ihm Platz machen könne. Hinüberrutschen? Fehlanzeige. Stumm macht sich der Gangplatz-Besetzer klein – damit sich der Passagier zum Fensterplatz hinüberkämpfen kann.

«Wäre charmanter»

Für Knigge-Trainerin Helene Dürr ist die Situation schon von Vornherein zum Scheitern verurteilt. «Mit Kopfhörern in den Ohren und den Augen im Handy bleibt Knigge auf der Strecke», sagt sie zu Nau.ch. Pendler, die mit Ohren und Augen absorbiert seien, seien kommunikativ nicht zugänglich. «Das ist im ÖV grundsätzlich ein No-Go.»

Die eleganteste Reaktion wäre laut Dürr gewesen, wenn der Gangbesetzer aufgestanden wäre und sich in den Gang gestellt hätte. Dies, um den Weg zum Fenstersitzplatz freizumachen. «Wie man es im Kino auch macht, wenn Gäste durch die Sitzreihen gehen müssen, um zu ihrem Platz zu gelangen.»

Sind Passagiere im ÖV rücksichtsvoll?

Den Gangplatz zu besetzen, anstatt auf den freien Fensterplatz daneben zu rutschen, findet Dürr grundsätzlich nicht anstandslos. «Dabei auf Kommunikation zu setzen, wäre aber charmanter.» Wer auf dem Gangplatz bestehe, könne in einem vollen Zug mit Gesten auf den freien Platz daneben hinweisen. «Oder auch mündlich erklären, dass man zum Beispiel bald aussteigen müsse.»

Psychische Gründe sind möglich

Möglich ist aber auch, dass sich der Passagier aus psychischen Gründen an seinen Gangplatz klammerte.

Fachleute gehen davon aus, dass mindestens jede zehnte Person in der Schweiz bereits eine Panikattacke erlebt hat. Im aktuellen «Mind Health Report» der AXA Gruppe gibt jede vierte Person an, unter einer psychischen Erkrankung zu leiden. Mit neun Prozent wurden Angststörungen am zweithäufigsten genannt.

Marlene Keller ist Präsidentin der Angst- und Panikhilfe Schweiz (APHS). Sie erwähnt grosse Menschenmassen, wenig Platz im ÖV und wenig bis keine Kontrolle über das Verlassen des Wagens. «Dies kann bei Angstpatienten entsprechende Symptome auf jeden Fall verschlimmern.»

«Wenn mich die Angst ruckartig überfällt»

Keller ist selbst von einer Angst- und Panikstörung betroffen. «Am Gang im Zug, im Flugzeug oder auch im Kino fühle auch ich mich wohler», sagt Keller. Dies könne sie aus eigener Erfahrung sagen.

Gangplatz
Manche Pendlerinnen und Pendler setzen sich auf den Platz am Gang, um flüchten zu können. - pexels

«Somit habe ich die Möglichkeit, schneller flüchten zu können, wenn mich die Angst ruckartig überfällt», sagt Keller. Sie habe bei ihren schlimmsten Panikattacken immer grosse Atemnot gehabt. «Und das Gefühl, ohnmächtig zu werden.»

Sie habe verhindern wollen, dass dies vor anderen Menschen geschehe. «Darum flüchtete ich jeweils in ein Zwischenabteil oder auf die Toilette.»

«Dann ginge es in Richtung Deep Talk»

Passagiere, die aufgrund einer Angststörung lieber am Gang sitzen, müssen sich laut der Knigge-Trainerin nicht erklären. Sie könnten aufstehen und den Platz daneben offerieren und sich wieder hinsetzen.

Die Aktion mit ihrer Angststörung zu begründen, wäre fehl am Platz. «Ansonsten ginge es in Richtung Deep Talk – im ÖV sind wir aber im Small Talk.»

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Kommentare

User #5684 (nicht angemeldet)

Schon eine Frechheit jemand einen Gangplatzbesetzer zu nennen der sich den Platz gewählt hat, ist doch nicht verboten.

User #2856 (nicht angemeldet)

In de ÖV habe ich auch immer am liebsten einen Gangplatz.

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