Frauen generieren perfektes KI-Selfie - und gehen damit zum Doc
Immer mehr Frauen gehen mit einem KI-optimierten Foto von sich selbst zum Arzt – und verlangen Eingriffe, zu denen ihnen die Künstliche Intelligenz rät.

Das Wichtigste in Kürze
- Besonders jüngere Frauen lassen sich zunehmend von KI zu Schönheitseingriffen beraten.
- Sie laden etwa Selfies hoch und fragen die KI, welche Eingriffe sie ihnen empfiehlt, um «sexier» auszusehen.
- Eine Beauty-Ärztin sieht die Entwicklung positiv – gelegentlich führe sie jedoch auch zu unrealistischen Erwartungen.
Als Unterstützung beim Mail-Schreiben, zum Übersetzen oder als Ratgeber bei allen möglichen Fragen: Künstliche Intelligenz gehört für viele längst zum Alltag.
Doch sie kann noch weit mehr als das. Immer mehr Menschen dient sie sozusagen als Spieglein, Spieglein an der Wand. Sie wollen von ChatGPT und Co. wissen, wie attraktiv sie sind und was sie ändern könnten, um besser auszusehen.
«Das kommt relativ häufig vor», sagt der Chatbot selbst, ohne genaue Zahlen nennen zu können. Klar ist: Der Trend ist real – das merken auch die Schönheitskliniken in der Schweiz.
«Wir haben inzwischen einige Patienten, die mit KI-Vorschlägen kommen», sagt Anna Brand von der Beauty2Go-Klinik in Winterthur zu Nau.ch. Die Fachärztin für Neurologie führt dort Behandlungen mit Filler (zur Falten-Auffüllung oder Lippen-Aufspritzung) und Botulinumtoxin (umgangssprachlich Botox) durch.
«Ich möchte sexier aussehen und habe das mit ChatGPT diskutiert»
Die meisten, die mit KI-Vorlagen oder -Vorschlägen in die Praxis kommen, sind laut Brand Frauen in ihren 20ern. Ob darunter auch schon Promis waren, verrät sie nicht – «aus Vertraulichkeitsgründen».
Einerseits laden die Patientinnen Selfies hoch und fragen die KI, welche Eingriffe sie ihnen empfiehlt, um «sexier» auszusehen. Andererseits lassen sie sich von Chatbots ausführlich über Behandlungsmöglichkeiten beraten.
Brand berichtet: «Eine Patientin sagte: ‹Ich möchte sexier aussehen und habe das mit ChatGPT diskutiert. Das sind die Vorschläge, was davon können wir machen?›»
Unrealistische Vorstellungen wegen KI? «Gelegentlich»
Brand sieht Vor- und Nachteile. «Viele Patientinnen und Patienten haben durch KI inzwischen eine bessere Vorstellung davon, welche Behandlungen grundsätzlich möglich sind», sagt sie.
Gleichzeitig sei man durch KI weniger an konkrete Vorbilder gebunden, sondern könne individuell auf die eigenen Gesichtszüge eingehen.
«Die Patientinnen und Patienten kommen häufig bereits mit einer guten Vorstellung davon, was sie verändern möchten», stellt sie fest.
Aber: «Je nach Ausgangslage wird dabei gelegentlich von Patientenseite bzw. durch die KI überschätzt, in welchem Ausmass eine Veränderung sinnvoll und realistisch ist.»
Grenzen gesetzt sind beispielsweise durch die individuelle anatomische Ausgangslage oder dem Risiko für Nebenwirkungen.
«Hier greift das ärztliche Gespräch, um gemeinsam zu entscheiden, welche Behandlungen sinnvoll und medizinisch vertretbar sind», sagt Brand.
KI macht Patientinnen volle Lippen und kantiges Kinn
Doch was genau verlangen diese Patientinnen und Patienten später in der Praxis?
«Es geht oft darum, einen bestimmten Look zu erreichen», erklärt die Ärztin. Die KI macht den Patientinnen zum Beispiel vollere Lippen, verändert die Stellung der Augenbrauen oder generiert ein kantigeres Kinn.
Die Haut soll zudem möglichst glatt sein – wie es die KI eben vormacht. «Wünsche zur Hautqualität werden immer häufiger», beobachtet Brand.

Manchmal setzen ChatGPT und Co. den Patientinnen und Patienten aber auch einen Floh ins Ohr.
Sie erinnert sich: «Eine Patientin mit sehr schmalen Lippen wünschte sich sehr volle Lippen. Dafür wäre deutlich mehr Hyaluronsäure nötig gewesen, als anatomisch sinnvoll in ihre Lippen eingebracht werden konnte.»
Mit deutlich weniger Hyaluronsäure, als sich die Patientin und die KI vorgestellt hatten, erreichte sie schliesslich trotzdem ein schönes Ergebnis.
«Eine zweite Patientin wünschte sich eine schmalere Nase», erzählt die auf Injektionen spezialisierte Ärztin. «Hier stossen wir an die Grenzen der Möglichkeiten von Injektionen. In diesem Fall war ein plastischer Chirurg die geeignetere Wahl.»
Lässt KI den Beauty-Druck ansteigen?
Eine «schönere», gar «perfekte» Version des eigenen Selbst ist heute nur noch wenige Klicks entfernt – zumindest virtuell. Eine Frage an den Chatbot reicht, und er schickt innert Sekunden ein Selfie mit glätterer Haut oder schmalerer Nase.
Führen diese Möglichkeiten nicht auch dazu, dass der Druck, sich auch tatsächlich Botox oder Filler zu spritzen, steigt?

«Ich habe nicht den Eindruck, dass der Druck, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen, grundsätzlich grösser geworden ist. Dieser Druck hat schon immer bestanden», sagt Anna Brand.
Sie sieht die Entwicklung positiv.
«Menschen haben heute mehr Möglichkeiten, ihr Aussehen zu verändern. Durch KI und die damit verbundenen zusätzlichen Möglichkeiten zur Recherche wird stärker sichtbar, was alles möglich ist.»
KI und Social Media würden Beauty-Treatments für alle, die sich dafür interessieren, deutlich zugänglicher machen, meint Brand.

















