Frisur, Gesicht, Torte: Kunden erwarten Ergebnisse wie von KI

    Simon Ulrich
    Simon Ulrich

    Zürich,

    Ob im Salon, in der Beauty-Klinik oder bei Torten: KI-Vorlagen setzen neue Massstäbe. Doch vieles, was digital perfekt wirkt, ist real kaum umsetzbar.

    KI
    Von makellosen Frisuren bis zu irren Torten: KI-Bilder wecken neue Ansprüche. - KI-generiert

    Das Wichtigste in Kürze

    • KI-Bilder wecken oft Erwartungen, die in der Realität nicht erfüllbar sind.
    • Eine Coiffeuse erklärt, dass Haarfarben nie wie digitale Vorlagen planbar sind.
    • Beauty-Profis warnen vor KI-Gesichtern ohne reale Anatomie und Proportionen.
    • Auch Torten-Kreateure scheitern oft an digital perfekten Formen und Details.

    Künstliche Intelligenz verändert nicht nur, wie Bilder entstehen, sondern auch, was Menschen für möglich halten. Mit wenigen Klicks lassen sich heute makellose Looks, perfekte Farben und täuschend echte Designs erzeugen.

    Doch was auf dem Bildschirm stimmig wirkt, scheitert im echten Leben oft an Material, Anatomie, Handwerk – kurzum: An der Realität.

    Für viele Dienstleisterinnen und Dienstleister beginnt damit eine neue Form der Aufklärungsarbeit: Sie müssen erklären, wo Inspiration endet und unrealistische Erwartungen beginnen. Drei Beispiele aus der Praxis.

    Hairstylistin: Kundinnen nutzen ChatGPT für Frisuren-Vorschläge

    Bildvorlagen gehören im Coiffeursalon seit langem dazu. Doch was früher Fotos von Prominenten oder Modellen aus Magazinen waren, sind heute KI-generierte oder stark bearbeitete Bilder.

    «Ich merke definitiv, dass diese Tendenz zunimmt», sagt Anastasija Akulova, Inhaberin des gleichnamigen Hairstudios in Bülach ZH.

    Oft geht es dabei um Haarfarben. «Kundinnen bringen immer häufiger Bilder mit, die sehr perfekt wirken. Mit gleichmässigen Blondtönen, weichen Übergängen oder besonders harmonischen Farbnuancen», erzählt Akulova.

    Einige liessen sich vor dem Termin mit KI-Tools oder ChatGPT Vorschläge zu Frisur und Haarfarbe generieren. «Oft werden so lange neue Bilder erstellt, bis eines entsteht, das ihnen besonders gut gefällt», so die Hairstylistin.

    Hast du dir vor dem Coiffeurtermin schon mal mit KI-Tools oder ChatGPT Vorschläge zu Frisur und Haarfarbe generieren lassen?

    Die Vorlagen würden dann mit der Erwartung in den Salon gebracht, dass sich die Farbe genau so umsetzen lasse.

    Genau dort beginne das Problem. «Haarfarbe ist nicht mit einer Farbpalette wie bei Gelnägeln vergleichbar», erklärt Akulova. Ausgangsfarbe, Haarstruktur, Vorgeschichte und selbst das Licht beeinflussten das Ergebnis.

    «Ein Bild kann deshalb eine schöne Inspiration sein und eine Richtung vorgeben, aber kein fixes Endresultat versprechen.»

    Anastasija Akulova
    Anastasija Akulova ist Hairstylistin und Inhaberin des Hairstudios Anastasija Akulova in Bülach ZH. - privat

    Die eigentliche Herausforderung liege daher weniger in der Technik als in der Kommunikation. Wer im Salon sitzt, hat sich oft schon emotional auf einen Look festgelegt. Wird diese Erwartung gedämpft, reagiere ein Teil verständnisvoll, andere zunächst enttäuscht, sagt Akulova.

    Ihr Rezept: Ruhig erklären, warum Haare nicht wie ein digitales Bild funktionieren und realistische Alternativen aufzeigen. Denn: «Am Ende geht es nicht um ein perfektes Bild, sondern um einen Look, der authentisch ist.»

    «Junge orientieren sich an Gesichtern, die in der Realität gar nicht existieren»

    In der Schönheitsindustrie gehören stark bearbeitete und KI-generierte Vorlagen inzwischen ebenfalls zum Alltag. Kundinnen und Kunden erscheinen zunehmend mit Bildern, auf denen Haut, Lippen, Jawline, Wangen oder Augenpartie makellos wirken.

    Das sagen die Beauty-Unternehmerinnen Alexandra Lüönd und Adriana Mihaylova.

    Alexandra Lüönd.
    Alexandra Lüönd ist Unternehmerin im Bereich Medical Beauty und Gründerin der Beauty2Go-Kliniken. - zvg

    Die Erwartungen, die die Bilder wecken, sind immens: Porenlose Haut, klare Konturen, absolute Symmetrie und ein Ergebnis, das gleichermassen auffallen und doch natürlich wirken soll.

    Mit der biologischen Realität haben die digitalen Wunschbilder indes wenig gemein. Hautstruktur, Mimik, Gewebe, Heilungsverlauf und individuelle Proportionen werden grosszügig ausgeblendet.

    Vor allem junge Kunden orientieren sich an KI-Wunschbildern

    Lüönd sagt: «Gerade jüngere Kundinnen orientieren sich immer öfter an Gesichtern, die in dieser Form in der Realität gar nicht existieren.» KI erzeuge «Proportionen, Symmetrien und Oberflächen, die anatomisch kaum oder gar nicht möglich sind».

    Mihaylova beobachtet bei ihren Patientinnen denselben Irrglauben. Viele wünschten sich ein möglichst identisches Ergebnis wie auf solchen Bildern. «Doch diese zeigen keine reale Anatomie, sondern eine digital optimierte Version», stellt sie klar.

    Beauty
    Beauty-Ärzte müssen heute nicht nur ästhetisch beraten, sondern auch digitale Bildvorlagen einordnen. - pexels

    Im Beratungsgespräch geht es deshalb zuerst darum, Bild und Wirklichkeit voneinander zu trennen. Ihr Team müsse heute nicht nur ästhetisch beraten, sagt Lüönd. Sondern auch erklären, was auf einer Vorlage durch Licht, Make-up, Filter, Retusche oder KI entstehe.

    «Die grösste Herausforderung ist dann: Den Wunsch hinter dem Bild verstehen, ohne ein Resultat zu versprechen, das medizinisch oder ästhetisch nicht seriös erreichbar ist.»

    Wie weit die unrealistischen Vorstellungen reichen können, zeigen einzelne Fälle aus der Praxis. Mihaylova berichtet von einer Patientin, die ihre Stirn gezielt vergrössern wollte, um eine rundere Form zu erhalten.

    «Sie hatte entsprechende Bilder als Referenz und war überzeugt, dass sich dieser Effekt mit Hyaluronsäure umsetzen lässt», so Mihaylova.

    Adriana Mihaylova
    Adriana Mihaylova ist CEO der Schönheitsklinik Eternal Beauty Medical Aesthetics in Zürich. - privat

    Ein anderer Patient sei aufgrund einer Bildbearbeitungs-App zur Überzeugung gelangt, dass ihm blaue Augen deutlich besser stehen würden als braune.

    «Er war sogar bereit, ins Ausland zu reisen, um einen operativen Eingriff zur dauerhaften Veränderung der Augenfarbe durchführen zu lassen.»

    Solche Fälle zeigen laut Mihaylova «sehr deutlich, wie stark digitale Bilder die Selbstwahrnehmung verändern können».

    Umso wichtiger sei es, die Grenzen klar aufzuzeigen und solche Vorstellungen in einen realistischen Rahmen zu stellen. Denn, so Mihaylova: «Perfektion ist digital – echte Schönheit ist individuell.»

    «Es kommt zu Gesprächen, die es bis vor ein paar Jahren noch nicht gab»

    Auch jenseits von Haut und Haaren sehen sich Fachleute zunehmend mit KI-generierten Vorlagen konfrontiert.

    Die Torten-Kreateurin Anja Tschanz erhält seit dem letzten Jahr vermehrt solche Anfragen. Die Bilder setzten «neue Massstäbe» und zeigten, dass selbst bei individuell gestalteten Torten nicht alles machbar ist, sagt sie.

    Zu den wiederkehrenden Wünschen zählen mehrstöckige, sehr aufwändige Motivtorten. Tschanz erzählt von «Mini-Welten mit sehr realistisch aussehenden Bäumen und Wasserfällen, extrem leuchtenden Farben und ausgefallenen geometrischen Formen». Von «Figuren, die aussehen wie echt» statt von Hand modelliert.

    Anja Tschanz
    Anja Tschanz ist Inhaberin der Tortenbäckerei Süsses Glück in Thun. - privat

    Nur: Was digital mühelos aussieht, lässt sich mit Fondant, Marzipan oder Biskuit oft nicht in derselben Perfektion nachbauen.

    Tschanz erinnert sich an das Bild eines Hobbithauses, das ihr ein Kunde als Wunschvorstellung zukommen liess. Schon beim ersten Blick auf die Vorlage sei klar geworden, wie weit Wunsch und Umsetzbarkeit auseinanderliegen.

    Essbares Moos lasse sich noch darstellen, eine Figur mit der glatten Präzision eines 3D-Drucks aber nicht. «Das KI-Bild war optisch derart perfekt, dass unsere von Hand gefertigte Torte daneben einfach nur verloren hätte», sagt Tschanz.

    Nutzt du KI täglich?

    Für die Kundschaft sei oft schwer nachvollziehbar, warum bestimmte Motive trotz handwerklicher Erfahrung nicht umsetzbar sind.

    «Dabei kommt es zu Gesprächen, die es bis vor ein paar Jahren noch nicht gab. Der Kunde ist unzufrieden und wir aus geschäftlicher Hinsicht genauso», so die Tortenbäckerin.

    Oft sei es dann schwierig, eine passende Alternative zu finden. «In den meisten Fällen kommen solche Anfragen als Bestellungen dann nicht mehr zustande.»

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    Kommentare

    User #6245 (nicht angemeldet)

    Sind denn heutzutage alle auf Drogen?? Hallo Realität! Lebt hier irgendwer noch, ausser mir?

    User #1127 (nicht angemeldet)

    Verrückt eigentlich dass auch hier offensichtlich nicht mehr unterscheiden kann......... Wenn die Traumwelt mit der Realität kollidiert, ist vieles schon länger in der Wahrnehmung gescheitert. Von wegen Eltern würden ihre Kinder kennen.

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