Die Schweiz hat zu wenig Halte- und Durchgangsplätze für Fahrende
Jenische und Sinti finden in der Schweiz weiterhin zu wenige Stand- und Durchgangsplätze. Besonders gross ist der Mangel in der Westschweiz.

Das Wichtigste in Kürze
- In der Schweiz fehlen fast 80 Plätze für Fahrende.
- Seit 2021 sind zehn neue Stand- und Durchgangsplätze entstanden.
- Besonders gross ist der Mangel in der Westschweiz.
- Betroffene fordern mehr politischen Willen von Kantonen und Gemeinden.
In der Schweiz gibt es weiterhin zu wenige Plätze für Jenische, Sinti und Roma. Das zeigt der neue Standbericht der Stiftung «Zukunft für Schweizer Fahrende».
Zwar hat sich die Situation in den vergangenen fünf Jahren leicht verbessert. Der Handlungsbedarf bleibt laut der vom Bund unterstützten Stiftung jedoch Gross.
Standplätze dienen Schweizer Jenischen und Sinti unter anderem als Aufenthaltsort während der Wintermonate. Durchgangsplätze benötigen sie für ihre Reisen von Frühling bis Herbst.
Dutzende zusätzliche Plätze nötig
Seit dem letzten Standbericht im Jahr 2021 sind zwar zehn neue Stand- und Durchgangsplätze hinzugekommen. Der Ausbau hält mit dem Bedarf jedoch nicht Schritt: Schweizweit fehlen weiterhin fast 80 Plätze.
Besonders gross ist der Mangel in der Westschweiz. Dort fehle es stark an Stand- und Durchgangsplätzen für Schweizer Jenische und Sinti, sagt Geschäftsführer Simon Röthlisberger gegenüber SRF.
Auch in anderen Landesteilen bleibt die Lage angespannt.
Im Kanton Bern gibt es zwar mehrere Plätze, doch die Kapazitäten für die Wintermonate sind knapp. St. Gallen verfügt über Standplätze, aber über keinen einzigen Durchgangsplatz. Zusätzliche Durchgangsplätze braucht es laut Röthlisberger auch im Kanton Zürich.
«Es geht zu langsam»
Uschi Waser von der Stiftung «Naschet Jenische» anerkennt gegenüber SRF die Fortschritte. Die Stiftung setzt sich für die Aufarbeitung früherer Kindswegnahmen und die Rehabilitierung der Betroffenen ein.
Viele Politikerinnen und Politiker seien nicht bereit, sich für einen Platz in ihrer Gemeinde oder ihrem Kanton einzusetzen. Manchen fehle möglicherweise auch der Mut.

Dabei gebe es Kantone, in denen solche Plätze funktionierten. «Ich finde, manchmal sollte man sich ein wenig an diesen orientieren», sagt Waser.
Als positives Beispiel nennt der Bericht den Kanton Schaffhausen.
Kinder systematisch von ihren Familien getrennt
Hinter der Forderung nach genügend Plätzen steht auch ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte. Zwischen 1926 und 1973 wurden fast 600 Kinder aus jenischen Familien weggenommen. Verantwortlich war das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute.
Die Aktion erfolgte in Zusammenarbeit mit Behörden. Ziel war es, die Kinder sesshaft zu machen und die fahrende Lebensweise zu unterbinden.
Die Kinder kamen in Pflegefamilien, Heime und Anstalten. Viele wurden mehrfach umplatziert und dauerhaft von ihren Eltern und Geschwistern getrennt.
Uschi Waser ist selbst von diesen Kindswegnahmen betroffen. Für sie wären genügend Plätze deshalb auch eine Anerkennung des Unrechts, das Jenischen und Sinti in der Schweiz angetan wurde.










