Deutsche in der Schweiz fahren auf 10-Mio-Initiative ab

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Bern,

Mehrere hunderttausend Deutsche sind einmal selbst in die Schweiz eingewandert. Trotzdem sind viele Deutsche für die Zuwanderungsinitiative der SVP.

Deutsche
«Die meisten Deutschen mit Schweizer Pass sind für die Initiative ‹Keine 10-Millionen-Schweiz›», stellt Matthias Estermann fest. Er ist Präsident des Vereins für Deutsche in der Schweiz. - Facebook/Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Deutsche sind die grösste Einwanderungsgruppe der Schweiz.
  • Im Verein für Deutsche in der Schweiz trifft die Zuwanderungsinitiative auf viel Zuspruch.
  • Die Zugewanderten schadeten damit sich selbst, sagt SP-Nationalrätin Ursula Zybach.

Die Deutschen belegen bei den Schweizer Einwanderinnen und Einwandern den Spitzenplatz. Mit rund 330'000 bilden sie bei der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung die grösste Gruppe. Dies zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) von 2024.

Immer mehr Deutsche wollen auch den Schweizer Pass besitzen.

Zwischen Januar und April 2026 registriert der Kanton Zürich rund 3000 Einbürgerungsgesuche, wie exklusive Zahlen zeigen. Seit 2023 stieg diese Zahl im selben Zeitraum um über 40 Prozent.

Rund 1300 oder fast die Hälfte der Gesuchstellenden stammt aus Deutschland. An zweiter Stelle folgen die Italiener mit rund 350 Gesuchen und an dritter Stelle die Polen mit knapp 200 Gesuchen.

«Weiterhin auf hohem Niveau»

Auch im Kanton Aargau wollen sich viele Ausländerinnen und Ausländer einbürgern lassen. «Die Anzahl Gesuche hat von 2024 bis 2025 deutlich zugenommen und bewegt sich aktuell weiterhin auf einem hohen Niveau.» Dies bestätigt der Kanton auf Anfrage. Auch dort sind die Deutschen an erster Stelle.

Knapp über 20 Prozent, rund 200 Gesuchstellende im Kanton St. Gallen, stammten 2025 aus Deutschland. Weniger als halb so viele kommen aus dem Kosovo, die auf dem zweiten Platz rangieren.

Sollen Zugewanderte die Initiative unterstützen?

«Insbesondere die Anzahl der gesuchstellenden Personen für ordentliche Einbürgerungen hat laut dem Kanton zugenommen. Dies sei darauf zurückzuführen, dass vermehrt Familien ein Einbürgerungsgesuch mit darin einbezogenen Kindern stellten.

«Sie wollen den Wohlstand bewahren»

2002 führte die Schweiz die Personenfreizügigkeit ein. Seither ist die Bevölkerung um rund 1,7 Millionen Personen gewachsen. Die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» sieht die Hauptursache in der Zuwanderung.

Die Initiative will verhindern, dass die ständige Wohnbevölkerung die 10-Millionen-Grenze überschreitet. Ist dies der Fall, soll die Schweiz zwei Jahre danach das EU-Personenfreizügigkeitsabkommen kündigen.

Ausgerechnet die grösste Einwanderungsgruppe unterstützt die Initiative. «Die meisten Deutschen mit Schweizer Pass sind für die Initiative ‹Keine 10-Millionen-Schweiz›.»

Dies stellt Matthias Estermann gegenüber Nau.ch fest. Er ist Präsident des Vereins für Deutsche in der Schweiz. «Sie wollen den Wohlstand bewahren, den sie hier haben», sagt Estermann.

Sorgen machten ihnen die hohen Mieten. «Wenn es immer enger wird in der Schweiz, schiessen die Mieten weiter in die Höhe.»

Probleme in der Heimat als Auslöser

Über eine Million Asylanträge in den Jahren 2025 und 2026 brachten Kommunen, Schulen und Unterkünfte in Deutschland an ihre Belastungsgrenze. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann kritisierte, dass von 6,5 Millionen Eingewanderten weniger als die Hälfte arbeite.

«Viele Deutsche haben Deutschland wegen der hohen Zuwanderung verlassen», sagt Matthias Estermann. «In der Schweiz können sie im Gegensatz zu Deutschland mitentscheiden, dass es einen Deckel braucht.»

Zuwanderung
Der Wohlstand in der Schweiz spielt bei den Deutschen, die sich für die Zuwanderungsinitiative aussprechen, eine Rolle. - Facebook

Durch die hohen Sozialleistungen, die Deutschland Flüchtlingen bietet, hätten sich die Deutschen unfair behandelt gefühlt, sagt der Präsident. «Sie arbeiteten und hatten das Gefühl, nichts dafür zu kriegen.» Sie wollten nicht, dass arbeitslose Migranten der Schweiz wie Deutschland auf der Tasche lägen, sagt Estermann.

Die Initiative setzt auch im Migrationsbereich an. Übersteigt die ständige Wohnbevölkerung die Marke 9,5 Millionen, sieht die Initiative insbesondere im Asylbereich und beim Familiennachzug Massnahmen vor.

Schweiz werde wirtschaftlich absacken

SP-Nationalrätin Ursula Zybach sitzt im Nein-Komitee der Initiative. Sie kann nachvollziehen, dass Menschen, die eingebürgert sind, starke patriotische Gefühle entwickeln und mit der Initiative sympathisieren. «Wir sind es einfach – Sie mussten aber bewusst Schweizer werden», sagt Zybach.

Viele Leute träumten von einer Schweiz «mit Geranien vor den Fenstern und genug Platz in den Zügen», sagt Zybach. Dieser Traum werde mit der Initiative aber nicht zur Realität. «Im Gegenteil: Es droht eine Riesenkatastrophe.»

Werde die Schweiz die Personenfreizügigkeit kündigen, werde sie wirtschaftlich absacken, sagt die Nationalrätin. «Die Zugewanderten, die Ja stimmen, schaden damit letztlich sich selbst.»

Zybach warnt, dass die Schweiz für viele Europäer und internationale Firmen nicht mehr attraktiv werde. Arbeitsplätze und Steuergelder gingen verloren. Zudem kämen dann erst recht viele Asylsuchende in die Schweiz. «Denn die Kündigung der Abkommen von Schengen und Dublin würde auch das Ende der Zusammenarbeit bei Sicherheit und Asyl bedeuten.»

«Fühlen sich eher als Teil der Schweizer Leistungsgesellschaft»

Politologe Claude Longchamp bestätigt die Eindrücke. Viele zugewanderte Deutsche, Österreicher und andere Westeuropäer seien hochqualifiziert, hätten sich gut integriert und zahlten hohe Steuern, sagt er.

Zuwanderung sei für sie ein Ziel, mindestens für eine Phase ihres Lebens. «Viele fühlen sich eher als Teil der Schweizer Leistungsgesellschaft und wollen diese erhalten.»

Sie sähen die negativen Folgen der Zuwanderung – vor allem aus anderen Kulturkreisen.

«Könnten spürbaren Beitrag leisten»

Warum haben rechtskonservative Vorlagen ausgerechnet bei Eingewanderten Chancen? «‹Ich habe mich integriert, und das erwarte ich auch von anderen!›» Dies sagen sich laut dem Politologen Menschen aus dem europäischen Kulturkreis im Norden und Süden. «Wenn sie sich einbürgern lassen, sind sie nicht selten restriktive Migrations- und Souveränitätsvorlagen.»

Longchamp vergleicht es mit den Zweiwohnungsbesitzern in touristischen Gebieten. «Wer schon hat, will es möglichst unverändert behalten.»

Zuwanderung
Claude Longchamp ist Politologe. - keystone

Der Politologe rechnet jedoch nicht damit, dass die Deutschen in der Schweiz das Abstimmungsergebnis im Juni erheblich beeinflussen.

Deutsche, die Deutsche geblieben seien, hätten in aller Regel kein Stimmrecht, sagt Longchamp. «Sie sind meist mit der direkten Demokratie wenig vertraut.» Auch hätten sie oft keine Schweizer Vorbilder, denen sie in Sachen Abstimmen nacheifern könnten.

Longchamp macht darauf aufmerksam, dass pro Jahr rund 8000 Deutsche eingebürgert werden. Die Deutschen seien die grösste Ausländergruppe in der Schweiz, sagt er.

Viele seien gut vernetzt, politisch interessiert und hätten eine hohe Stimm- und Wahlbeteiligung. «Gerade in den Agglomerationen von Zürich, Basel, Bern und Zug könnten sie einen spürbaren Beitrag leisten.»

Kommentare

User #2110 (nicht angemeldet)

Wenn man sieht was mit GB nach dem Brexit passiert ist, dann stimmt man sicher nicht mit Ja. Die eigentlichen Probleme werden durch die Annahme der Initiative nicht gelöst eher verstärkt.

User #2419 (nicht angemeldet)

Wers glaubt

Weiterlesen

Deutsche
78 Interaktionen
Lieblings-Land
Merkel
22 Interaktionen
Deutschland
patricia
843 Interaktionen
«Kein Plan B»
Nachhaltigkeit
139 Interaktionen
E-Mobilität

MEHR AUS STADT BERN

bern
Bern
Bern
Burgergemeinde Bern