Deutsche kriegt Wohnung in Thun BE – aber keinen Job
Die Wohnung in Thun BE ist gefunden, die Kisten bald gepackt. Doch für Familie Masih aus Leipzig (D) fehlt noch ein entscheidendes Puzzlestück: Ein Job.

Das Wichtigste in Kürze
- Patricia und Saqib Masih wollen gemeinsam aus Deutschland in die Schweiz auswandern.
- Eine Wohnung in Thun BE haben sie bereits gefunden – doch ein Job lässt auf sich warten.
- Ihre Wohnung haben sie für mindestens ein Jahr gemietet.
- Aufgeben ist für die Familie keine Option.
In Deutschland wurde sie nicht glücklich. Jetzt soll es die Schweiz richten.
«Thun, ich brauche mal euer Netzwerk!» Mit diesen Worten wandte sich Patricia Masih (36) aus Leipzig kürzlich in einer Facebook-Gruppe an die Bevölkerung der Stadt.
TV-Zuschauer konnten die Deutsche vor einer Woche in der SRF-«Rundschau» zur «10-Millionen-Schweiz» sehen. Da suchte sie noch eine Wohnung in Thun BE. Jetzt hat's schon geklappt.

Gemeinsam mit ihrem Mann Saqib (44) und ihrem Sohn Noah (6) zieht sie per 1. Juli nach Thun. «Wir haben uns bei der Besichtigung schockverliebt und sind überglücklich», schreibt sie im Beitrag.
Doch zum Neuanfang fehlt noch immer ein entscheidendes Puzzlestück: Ein Job. Weil es bisher nicht geklappt hat, sucht sie den nun auf Facebook.
Die leistungsorientierte Arbeitsweise gefällt der jungen Frau. Sie findet: In der Schweiz könne man «wachsen wie eine Blume».
10-Millionen-Thematik sorgt für Diskussionen
Doch die Suche gestaltet sich für die gelernte Sachbearbeiterin mit über sechs Jahren Erfahrung in der Sachbearbeitung und Organisation schwierig. Trotz Engagement – und trotz TV-Auftritt.
In ihrem Facebook-Post weist sie sogar gezielt darauf hin: «Wer wissen möchte, wer die ‹Neue› in Thun ist – ich war gestern Abend in der ‹SRF-Rundschau› zu sehen.»

Doch das kommt nicht überall gut an. Die ohnehin aufgeheizte Diskussion rund um die «10-Millionen-Schweiz» findet unter Patricias Beitrag einen Ort des Ausbruchs. «Es fielen Sätze, ich sei nicht erwünscht oder solle fernbleiben», sagt Patricia nun gegenüber Nau.ch.
Das liess sie nicht einfach so stehen.
«Ich habe die Kommentare bewusst deaktiviert, da die Diskussionen teilweise sehr unsachlich wurden.» Es gehe ihr um ihre berufliche Zukunft, nicht um Internet-Diskussionen.
Rundschau-Auftritt bringt kaum Vorteile
Mit der Erwähnung des Beitrags erhoffte sich Patricia mehr Sichtbarkeit, vielleicht sogar konkrete Angebote. Doch dieser Effekt bleibt aus.
«Die Resonanz war vorhanden, aber mein Postfach hat nicht gerade ‹geglüht›», sagt Patricia gegenüber Nau.ch. «Ich habe noch keinen Vertrag unterschrieben und es kam bis jetzt auch noch zu keinem Vorstellungsgespräch.»
Und weiter: «Der Beitrag hat nicht extrem gepusht bei der Jobsuche.» Das könne aber auch am 10-Millionen-Thema des Rundschau-Beitrags liegen.

Jetzt hat die junge Familie also eine Wohnung in Thun, aber keinen Job. Eine Remote-Tätigkeit für ihren ehemaligen Arbeitgeber, also im Homeoffice, ist für Patricia aus steuer- und versicherungstechnischen Gründen keine Option. Ihr befristeter Arbeitsvertrag in Deutschland endete bereits 2025.
Ein Jahr lang sind sie fest vertraglich an die Wohnung gebunden. «Einen echten Plan B gibt es eigentlich nicht», präzisiert Patricia. «Eine Rückkehr wäre finanziell ein Desaster, da wir die Wohnung halten müssen.»
Aber den Gedanken, nichts zu finden, lasse sie gar nicht erst zu. «Wenn es hart auf hart kommt, arbeite ich an der Kasse oder im Service», so Patricia. «Sobald wir erst einmal in der Schweiz gemeldet sind, bin ich überzeugt, dass sich Türen öffnen werden.»
Viele wollten zeigen, «dass die Schweiz eigentlich sehr offen ist»
Ganz ohne Reaktionen blieb Patricias TV-Auftritt nicht.
«Es war spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Reaktionen ausfielen», erzählt Patricia. Während es auf Facebook teilweise emotional und unsachlich wurde, blieb der Ton auf LinkedIn «sehr zurückhaltend und professionell».
Viele Menschen hätten sich privat bei ihr gemeldet und sich für die negativen Kommentare auf Facebook entschuldigt. «Sie wollten mir zeigen, dass die Schweiz eigentlich sehr offen ist.»
Druck wächst weiter
Patricias Suche nach einer passenden Stelle bleibt weiterhin angespannt. Denn ihre Jobsuche entscheidet nicht nur über ihre eigene Zukunft. Auch die ihres Mannes Saqib hängt davon ab.
Er stammt ursprünglich aus Pakistan, flüchtete vor über zehn Jahren nach Deutschland. Saqib hat bereits eine mündliche Zusage beim Möbelhersteller USM in Münsingen BE.

Doch damit er die Aufenthaltsbewilligung und damit verbundene Arbeitserlaubnis erhält, muss Patricia als seine deutsche Ehefrau zuerst eine Stelle finden.
Sie erklärt: «Mein Erfolg bei der Jobsuche ist also die Voraussetzung dafür, dass er seine Stelle bei USM überhaupt antreten kann.»
«Das erhöht den Druck auf meine Suche natürlich zusätzlich.»
«Einen Fuss in die Tür zu bekommen, ist schwierig»
Zusätzlich erschwert wird die Situation durch die ländliche Gegend. Patricia bewirbt sich zwar im ganzen Kanton Bern, konzentriert sich aber stark auf Thun. «Da wir dort ab Juli wohnen, wäre das die bestmögliche Lösung.»
«Man hat oft das Gefühl: Je ländlicher es wird, desto eher bleiben die Arbeitgeber unter sich», so Patricia. Wer in der Region tief verwurzelt ist, scheint ihr dort bevorzugt. Aus Arbeitgebersicht könne sie das sogar völlig verstehen.
Die Stellen seien stark umkämpft. «Als ‹Aussenstehende› einen Fuss in die Tür zu bekommen, ist eine echte Herausforderung.»
Aufgeben ist keine Option
Aufgeben ist für die Familie jedoch keine Option. Ab Mai will Patricia ihre Suche ausweiten und auch andere Branchen in Betracht ziehen. Denn klar ist: Der Neustart soll gelingen.
«Wir wollen hier niemandem etwas wegnehmen», präzisiert Patricia. «Wir wollen ergänzen.» Und das könne ihre Familie, da ist sich die junge Frau sicher.
Und fügt nüchtern hinzu, was viele in ihrer Situation denken: Von Luft und Liebe lassen sich die Rechnungen nicht bezahlen.








