Crans-Montana: Psychische Traumata zählen bei Soforthilfe nicht
Sieben Opfer des Inferno von Crans-Montana erhalten keine finanzielle Hilfe. Der Kanton Wallis stuft ihre Verletzungen als nicht schwer genug ein.

Das Wichtigste in Kürze
- Sieben Überlebende von Crans-Montana erhalten keine Soforthilfe von 60'000 Franken.
- Der Kanton berücksichtigt nur schwere körperliche Verletzungen. Psychische Traumata zählen nicht.
- 127 Opfer und Angehörige erhalten Unterstützung. Die Justiz untersucht zudem einen möglichen Betrugsfall.
Sie verloren Freunde, sahen Menschen sterben und kämpfen bis heute mit den Folgen des Brandes in Crans-Montana. Trotzdem erhalten sieben Überlebende keine finanzielle Hilfe. Das berichtet die «Tribune de Genève».
Der Kanton Wallis verweigert ihnen die Nothilfe von 10'000 Franken sowie den Solidaritätsbeitrag des Bundes von 50'000 Franken.
Die Betroffenen verbrachten keine Nacht im Spital. Ihre körperlichen Verletzungen galten deshalb als nicht schwer genug. Psychische Traumata berücksichtigt der Kanton nicht.
Überlebende leiden bis heute
Einer der Betroffenen ist Florent (Name geändert). Der Waadtländer sass im Untergeschoss der Bar, als das Feuer ausbrach. Bei der Flucht wurde er im Treppenhaus eingeklemmt.
«Mein Bein war eingeklemmt. Ich sah, wie das Feuer über mich hinwegzog und Menschen neben mir erfasste», erinnert er sich. Schliesslich gelang ihm die Flucht durch eine Plexiglaswand.
Heute leidet Florent unter Schlafstörungen, Feuerphobie und Schuldgefühlen. Sein Anwalt spricht von einer posttraumatischen Belastungsstörung. Dennoch stellte die medizinische Kommission keine funktionelle Beeinträchtigung fest.
Florent sagt: «Ich verstehe nicht, weshalb man die Opfer sortieren und klassifizieren will, obwohl ich meine besten Freunde verloren habe.»
Anwälte kritisieren den Kanton
Auch Camille Catillo erhält keine Hilfe. Die Französin wurde beim Brandausbruch zerquetscht und an der Hand verbrannt. Danach musste sie mitansehen, wie ihre Freundin Cyane, eine Mitarbeiterin der Bar, starb.

Ihr Anwalt Robert Assaël bezeichnet den Entscheid als «schockierend und unmenschlich». Catillo habe auf einen Spitalaufenthalt verzichtet, um anderen Verletzten Platz zu lassen. Er will bis vor Bundesgericht ziehen.
Auch Meldin Mehmedovic aus Siders und der Franzose Ferdinand Du Beaudiez wurden abgewiesen. Mehmedovic sagt: «Man hat mir die Hilfe verweigert, weil ich nicht über Nacht im Spital geblieben bin. Dabei schlafe ich seit elf Monaten nicht mehr.»
Der Kanton erklärt, dass die Beschränkung auf schwere körperliche Verletzungen ein politischer Entscheid des Kantonsparlaments sei.
127 Fälle erhalten Unterstützung
Der Kanton bestätigt die sieben Ablehnungen. Gleichzeitig hätten 127 Opfer oder Angehörige von Verstorbenen die Unterstützung erhalten oder würden sie noch erhalten. Darunter seien auch zwei Personen ohne Spitalübernachtung, deren Verletzungen als schwer genug eingestuft worden seien.
Abgewiesene können beim Walliser Staatsrat Beschwerde einlegen. Weitere Unterstützung bieten die Stiftung Beloved und ein vom Bund eingerichteter sogenannt runder Tisch.
Die Walliser Justiz untersucht zudem einen möglichen Betrugsfall: Ein junger Mann meldete sich als Brandopfer, doch bislang gibt es keine Beweise für seine Anwesenheit in der Bar.
















