Crans-Montana: «Gaffer»-Videos haben für Ermittler grosse Bedeutung
Nach der Brandkatastrophe im Wallis tauchen weitere Handyvideos aus der Silvesternacht auf. Für die strafrechtlichen Ermittlungen können sie entscheidend sein.
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Das Wichtigste in Kürze
- Bei einem Bar-Brand in Crans-Montana VS starben in der Neujahrsnacht 40 Menschen.
- Auch noch zwei Wochen danach tauchen neue Videos aus der Bar «Le Constellation» auf.
- Experten zeigen auf, wieso sie strafrechtlich relevant sind – und warum gefilmt wurde.
Sie feierten, sie tanzten – und sie filmten. Rund zwei Wochen nach der verheerenden Brandkatastrophe in Crans-Montana VS tauchen in den sozialen Netzwerken weiterhin neue Videos auf.
Sie zeigen die Tragödie aus unmittelbarer Nähe: Schreie von Jugendlichen und jungen Erwachsenen hallen im Hintergrund, vereinzelt sind Uhrzeiten zu erkennen. Auch die Infrastruktur der Unglücks-Bar «Le Constellation» lässt sich anhand der Aufnahmen erahnen.
Im Volksmund nennt man die Aufnahmen «Gaffer»-Videos, die verpönt sind.
Brisant: Den jungen Menschen wird in den sozialen Medien vorgeworfen, sie hätten gefilmt, statt zu flüchten oder helfen. Der pauschale Vorwurf: Der Drang, alles zu dokumentieren und zu posten, habe die Jugendlichen in akute Lebensgefahr gebracht.
Was in dieser Debatte ausgeblendet wird, ist jedoch eine ganz andere Perspektive: Die strafrechtliche Relevanz solcher Aufnahmen.
Experte: Videos haben «grosse Bedeutung»
Unabhängig von der moralischen Bewertung rückt für die Justiz nun eine Frage in den Vordergrund: Welchen Wert haben diese Videos für die Aufklärung des Unglücks?
«Sie haben eine grosse Bedeutung», sagt der Kriminologe Prof. Dr. Dirk Baier zu Nau.ch.
«Gerade beim aktuellen Fall in Crans-Montana liegen dabei Videos aus unterschiedlichen Perspektiven vor.» Diese seien bei der Rekonstruktion des ganzen Unglücks hilfreich.

Zunächst gehe es darum, mithilfe der Aufnahmen zentrale Abläufe nachvollziehen zu können. «Hier helfen Videoaufnahmen dabei, verschiedene Hypothesen bezüglich des Auslösers, der Ausbreitung des Feuers zu prüfen», so Baier.
Darüber hinaus könnten die Videos auch für andere strafrechtlich relevante Fragen entscheidend sein. Etwa dann, wenn geprüft werde, ob eine mögliche Fahrlässigkeit der Lokalbetreiber vorliege.
Gleichzeitig mahnt Baier: «Zu beachten ist gleichwohl, dass Videos nie die einzigen Beweismittel sind.» Aussagen von Zeugen oder Opfern sowie Aussagen von Sachverständigen seien zentral.
Rechtliches Risiko bei Videoaufnahmen
Trotz ihres potenziellen Nutzens bleibt eine heikle rechtliche Frage bestehen: Inwiefern dürfen solche Videos überhaupt verwertet werden?
Denn sogenanntes «Gaffen», also das Filmen oder Beobachten von Unglücksfällen, kann normalerweise strafrechtliche Konsequenzen haben. Insbesondere dann, wenn Hilfeleistung unterlassen wird.
Der Kriminologe verweist auf mehrere entscheidende Punkte: «Wie sind die Aufnahmen entstanden? Wurden dabei persönliche Rechte verletzt? Sind sie geeignet, dargestellte Personen blosszustellen?»
Auch die Qualität der Videos spiele eine Rolle. Reichen sie aus, um eine Schuld zu belegen? Oder besteht die Gefahr von Fehlinterpretationen und falschen Verdächtigungen?
Am Ende stelle sich die Abwägungsfrage: «Überwiegt damit letztlich der Nutzen solcher Aufnahmen die möglichen Probleme, die mit der Verwendung solchen Materials einhergehen können?»
Im Fall von Crans-Montana gebe es ein grosses Interesse, «alles Material zu nutzen, um den Fall juristisch aufzuarbeiten», sagt Baier.
Keine Sensationslust, sondern Stressreaktion
Trotz der strafrechtlichen Relevanz reisst die Schuldzuweisung nicht ab. Dabei ist das Filmen in Extremsituationen keineswegs eine ungewöhnliche Reaktion.
Vielmehr handle es sich um einen «Ausdruck menschlicher Stressverarbeitung», erklärt der auf Notfallpsychologie und Traumatherapie spezialisierte Psychotherapeut Dr. Bruno Sternath.
«Aus psychologischer Sicht zeigen Menschen oft in akuten Gefahrensituationen stark situationsgebundene Reaktionsmuster», sagt Sternath gegenüber Nau.ch.
Filmen kann Handlungsmöglichkeit vermitteln
Was auf Aussenstehende befremdlich oder gar moralisch fragwürdig wirke, seien häufig komplexe und unbewusste Schutzmechanismen.
Sternath weiter: «In Extremsituationen, wie die von Crans-Montana, wird das Handeln von automatisierten Mustern gesteuert und weniger von reflektierten, durchdachten Entscheidungen.»

«Das Filmen mit dem Smartphone kann als eine Form von momentaner Informationsgewinnung und -verarbeitung dienen.» Zugleich sei es ein Schutzmechanismus vor überflutenden Emotionen.
In der erlebten Hilflosigkeit könne das Filmen, wenn auch nur illusorisch, eine Handlungsmöglichkeit bieten. Im «Etwas tun» könne das Filmen und Dokumentieren ein Gefühl der totalen Passivität reduzieren und den akuten Stresspegel senken.
Gleichzeitig schaffe das Filmen eine Distanz zur erlebten Realität. Das könne das spätere Verarbeiten der Erfahrung erleichtern.
Videos können sekundäre Traumatisierung fördern
Doch Sternath warnt auch vor Risiken: «Gleichzeitig kann das Dokumentieren mittels ‹Filmen› einerseits eine sekundäre Traumatisierung fördern und auslösen.»
Hinzu komme ein psychologischer Verzerrungseffekt. «Das menschliche Gehirn neigt dazu, Informationen so zu interpretieren, dass sie in das bisherige Weltbild passen», erklärt Sternath.
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Bei Extremereignissen versuche das Gehirn daher, die Situation als weniger bedrohlich einzuordnen. Also quasi: «Das gehört zum Event und ist inszeniert.»
Gleichzeitig verändere die massive Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol die kognitiven Funktionen fundamental. Periphere, also am Rande des Geschehens liegende Gefahren, würden dabei übersehen.
Der durch das Filmen ausgelöste Tunnelblick «blendet die Umgebung und damit potenzielle Fluchtwege oder weitere Gefahrenquellen aus». Sternath fügt hinzu: «Weiter scheint sich die Zeit unter hoher Stressbelastung zu verlangsamen.»
Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden
Diese verzerrte Risikoabwägung führe dazu, dass Menschen impulsiv handeln. Zudem würden komplexe Handlungspläne nicht umgesetzt.
«Vom Ereignis betroffene Menschen glauben, sie hätten ‹noch genug Zeit, sich in Sicherheit zu bringen›», konkretisiert Sternath. Dabei würden in der Realität Sekunden über Leben und Tod entscheiden.
Das Gehirn greife in solchen Momenten auf stark vereinfachte Reaktionsmuster zurück: Kampf, Flucht oder Starre.
«Das Filmen kann als eine Form des Starre-Zustands interpretiert werden», sagt Sternath. «Das Verharren am Ort fühlt sich an wie das Beobachten des lebensbedrohenden Ereignisses aus sicherer Distanz.»

















