Bub stirbt in Italien – so sicher ist Schweizer Käse
In Italien stirbt ein Bub, weil er Rohmilchkäse gegessen hat. Auch viele Schweizer Käsesorten sind aus oder mit Rohmilch hergestellt. Ein Risiko?

Das Wichtigste in Kürze
- Ein Bub aus Italien ist nach dem Essen von Rohmilchkäse gestorben. Auch in der Schweiz wird viel Rohmilchkäse gegessen.
- Verschiedene Massnahmen machen vor allem Hartkäse wie Appenzeller, Emmentaler und Gruyère sicher.
- Risikogruppen sollten aber Rohmilch-Weichkäse vorsichtshalber meiden.
Mattia M. aus Italien wurde nur 13 Jahre alt.
Sein Fall sorgt in ganz Europa für Schlagzeilen: Der Bub ist kürzlich nach neun Jahren im Wachkoma verstorben, nachdem er als Vierjähriger Rohmilchkäse gegessen hatte. Der Käse aus einer Molkerei im Südtirol war mit E.-Coli-Bakterien kontaminiert.
Mattia erlitt eine seltene Erkrankung, die Blutgefässzellen angreift. Der damals Vierjährige erlitt ein Nierenversagen. Sein Körper erholte sich nie vollständig – er fiel ins Wachkoma.

Rohmilchkäse wird auch in der Schweiz gerne gegessen und hat eine lange Tradition. Einige der beliebtesten Schweizer Käsesorten werden aus oder mit Rohmilch hergestellt. Zum Beispiel der Appenzeller, Emmentaler oder der Greyerzer.
Wäre ein solcher Fall auch bei uns denkbar?
Rohmilchkäse wie Gruyère, Appenzeller und Emmentaler sind «sehr sicher»
Klar: Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.
2023 und 2024 zum Beispiel gab es auch bei uns mehrere Rückrufe wegen E.-Coli-Bakterien in Käse. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit warnte in zwei Fällen vor aus Frankreich importierten Weichkäsen. «Eine Gesundheitsgefährdung kann nicht ausgeschlossen werden», hiess es.
In einem Fall war auch ein Schweizer Rohmilchkäse betroffen, ein Weichkäse des Westschweizer Landwirtschaftsbetriebs Le Sapalet.
«Rohmilchprodukte unterliegen naturgemäss einem leicht erhöhten mikrobiologischen Risiko als mit Hitze behandelte Produkte. Deshalb gelten hier besonders strenge Monitoring- und Eigenkontrollpflichten», sagt Alda Breitenmoser vom Verband der Kantonschemiker zu Nau.ch.
Sie beruhigt jedoch: «Der Verzehr von Schweizer Rohmilchkäse gilt als sehr sicher.» Das gilt insbesondere für Hart- und Extrahartkäse wie Gruyère, Appenzeller und Emmentaler.
Denn: Der Käse wird auf eine hohe Temperatur erhitzt, reift lange, der pH-Wert sinkt ab und es wird Wasser entzogen.
«Das führt dazu, dass allfällige Krankheitserreger während der Reifung absterben.»
Beim Weichkäse ist das Risiko grösser
Bei Rohmilch-Weichkäse ist das Risiko tatsächlich ein wenig grösser.
«Risikogruppen – Schwangere, Kleinkinder, betagte oder immungeschwächte Personen – wird vorsorglich geraten, auf den Konsum von Rohmilch-Weichkäse zu verzichten.»

Im Fall von Mattia M. hatte das Bakterium Escherichia Coli (E. Coli) die Erkrankung ausgelöst. «Die meisten E.-coli-Stämme sind harmlos», erklärt Breitenmoser.
Es gibt jedoch krankheitserregende Varianten – die sogenannten STEC/VTEC (Shigatoxin-bildende E. coli).
Auch hier kann Breitenmoser beruhigen: «Kontrollen zeigen, dass schwerwiegende Belastungen mit solchen Keimen in Schweizer Milchprodukten sehr selten sind.»
Das Hygienebewusstsein sei in der Milchverarbeitungs-Branche in der Schweiz auf einem hohen Niveau. Dabei spiele es auch keine Rolle, ob man Käse von einem grossen, bekannten Hersteller kauft oder direkt beim kleinen Bauernbetrieb.
Rohmilchkäse Emmentaler: «Nicht betroffen»
Auch die Käsehersteller betonen, wie sicher ihre Prozesse seien.
«Alle Untersuchungen unterstreichen die Sicherheit des Emmentaler AOP», betont eine Emmentaler-Sprecherin gegenüber Nau.ch. Es würden «täglich» Kontrollen durchgeführt.
Zudem legt sie einen Prüfungsbescheid des Bunds vor, der zeigt, dass in drei verschiedenen Proben keine gefährlichen Keime entdeckt wurden. Und sie verweist auf eine Studie von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bunds für landwirtschaftliche Forschung.

«Die Studie zeigt, dass unser Emmentaler AOP dank verschiedener Faktoren von der Thematik nicht betroffen ist.»
Zum Fall in Italien sagt die Sprecherin: «Wir sind über den tragischen Tod des Kindes sehr betroffen und wünschen den Angehörigen viel Kraft in dieser schwierigen Zeit.»
Rohmilch innert 18 Stunden nach dem Melken verarbeitet
Auch beim Le Gruyère AOP, ebenfalls ein Rohmilchkäse, bedauert man den Vorfall in Italien sehr, sagt Direktor Olivier Isler. Er betont jedoch: «Die hygienische Sicherheit von Schweizer Rohmilch-Hartkäse ist sehr hoch.»
Verschiedene Studien von Agroscope zeigen, dass pathogene Keime den Herstellungsprozess unter den vorgeschriebenen Produktionsbedingungen nicht überleben.
Isler erklärt: «Die Rohmilch muss innerhalb von 18 Stunden nach dem Melken verarbeitet werden, was wesentlich zur hygienischen Sicherheit beiträgt.»
Zudem werde der PH-Wert rasch gesenkt, was Bedingungen schaffe, in denen sich potenzielle Krankheitserreger nicht vermehren könnten. Zudem wird die Gruyère-Masse laut Isler auf mindestens 53 Grad erhitzt.

«Das anschliessende Salzbad leistet einen weiteren Beitrag zur mikrobiologischen Stabilität des Käses», sagt er.
Und: Gruyère reift während mindestens fünf Monaten. «Während dieser Zeit sinken der Wassergehalt und die Wasseraktivität kontinuierlich. Die geringe Wasseraktivität erschwert das Überleben und die Vermehrung unerwünschter Mikroorganismen zusätzlich.»
Es gebe zudem tägliche Hygienekontrollen, regelmässige mikrobiologische Untersuchungen und amtliche Kontrollen.
Appenzeller «nicht aus, sondern mit Rohmilch hergestellt»
Pirmin Baumann ist beim Appenzeller Käse zuständig für das Qualitätsmanagement. Er sagt zu Nau.ch: «Appenzeller Käse ist nicht aus, sondern mit Rohmilch hergestellt. Das ist ein nicht unwesentlicher Unterschied.»
Denn: 95 Prozent der Milch werden bis 68 Grad erhitzt. Nur ein Anteil von rund fünf Prozent wird roh zugegeben. «Dieser Anteil ist wie eine zusätzliche Bakterienkultur mit einer Rohmilchflora, die die Käsequalität positiv beeinflusst.»
Die Sicherheits-Massnahmen sind ähnlich wie bei den anderen Schweizer Rohmilch-Hartkäsen. Durch Milchsäurebakterien erhalten krankmachende Bakterien zudem Konkurrenz, erklärt Baumann.
«Oberste Priorität hat für uns immer die Lebensmittelsicherheit. Alle lebensmittelrechtlichen Vorgaben werden laufend in unsere Prüfpläne aufgenommen und konsequent umgesetzt.»
Die Analyse von E. Coli erfolge zum Beispiel mindestens viermal pro Jahr und Produktionsstätte.
PFAS bereitet Käsern Kopfzerbrechen
In der Schweiz sorgt derweil eher die Ewigkeitschemikalie PFAS als E.-Coli-Bakterien für Sorge in den Molkereibetrieben: Zwischen Oktober 2025 und März 2026 untersuchte der Kanton Appenzell Ausserrhoden freiwillig Milchbetriebe auf PFAS. In rund einem Drittel der kontrollierten Betriebe wurden erhöhte Werte festgestellt.
Die Chemikalie ist in der Schweiz inzwischen weit verbreitet. Erst vor wenigen Wochen zeigte eine Studie: Von 630 untersuchten Personen aus den Kantonen Bern und Waadt wurde bei allen PFAS im Blut nachgewiesen.
Gewisse Konzentrationen im Körper können wohl langfristig gesundheitliche Probleme hervorrufen.













