Basler Klinik: Praktikanten diagnostizierten ADHS im Alleingang
An den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel diagnostizierten Studierende ohne klinische Erfahrung jahrelang ADHS – oft im Alleingang.

Das Wichtigste in Kürze
- An der UPK Basel diagnostizierten Praktikanten jahrelang ADHS-Fälle im Alleingang.
- Krankenkassen halten die Abrechnung solcher Abklärungen für unzulässig.
- Laut Experten sind überlastete Kliniken schweizweit auf ähnliche Praktiken angewiesen.
Wer sich an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) auf ADHS testen lässt, bekommt womöglich nie einen Psychologen oder Psychiater zu Gesicht – erhält am Ende aber trotzdem eine Diagnose.
Wie die «NZZ am Sonntag» berichtet, hat die frühere leitende Psychologin am Zentrum für Diagnostik und Krisenintervention diese Praxis über Jahre etabliert. Bis diesen Sommer delegierte sie die Abklärungen fast vollständig an Studierende und setzte am Ende lediglich ihre Unterschrift darunter.
Mehrere ehemalige Praktikantinnen und Praktikanten schildern unabhängig voneinander dasselbe Bild. Eine von ihnen, die unter dem Pseudonym Anouk auftritt, diagnostizierte während ihres sechsmonatigen Praktikums rund zwanzig Personen praktisch im Alleingang.
«Ich musste also ein Stück weit selbst entscheiden...»
Zu Beginn durfte sie einige Male bei Abklärungsterminen zusehen, danach wurden ihr eigene Patientinnen und Patienten zugeteilt. Sie traf die Betroffenen jeweils dreimal, erfasste Vorgeschichte und typische ADHS-Symptome und musste am Ende selbst entscheiden, ob eine Diagnose gerechtfertigt war.
Ohne klinische Erfahrung sei das schwierig gewesen, sagt sie. Schon die Einschätzung, ab wann kindliche Unruhe klinisch relevant wird, sei kaum objektiv zu beurteilen. «Ich musste also ein Stück weit selbst entscheiden, wie ich die Kriterien für eine ADHS-Diagnose auslegte», sagt Anouk. Im Zweifel habe sie sich eher für die Diagnose entschieden: «Ich habe gehofft, den Patienten damit helfen zu können.»

Zwar gab es wöchentliche Fallbesprechungen, geleitet wurden diese jedoch von einer Assistenzpsychologin, die selbst noch in Ausbildung war. Die zuständige leitende Psychologin war nur per E-Mail erreichbar – Diagnosevorschläge wurden dadurch praktisch nie korrigiert.
Kritik von Krankenkassen und Fachkreisen
Das Vorgehen wirft auch finanzielle Fragen auf. Die UPK rechnet die Abklärungen über die Grundversicherung ab. Laut dem Krankenversichererverband Prioswiss ist eine Abrechnung nur zulässig, wenn eine zugelassene Fachperson oder ausreichend qualifizierte Psychologen in Weiterbildung die Leistung erbringen. Werden Praktikanten eingesetzt, gilt das als unzulässig – selbst wenn eine Fachperson die Diagnose nachträglich unterschreibt.
Auch in Fachkreisen stösst das Vorgehen auf Kritik. Pascal Rudin, Soziologe und Mitglied der Expertengruppe ADHS des Bundesamts für Gesundheit, nennt es gegenüber der «NZZ am Sonntag» unverantwortlich: «Auf diese Weise kann keine fundierte ADHS-Diagnose zustande kommen.»

Fragebögen und Interviews liessen zu viel Interpretationsspielraum. Rechtlich sei die Delegation an Praktikanten laut Gesundheitsrechtsexperte Thomas Gächter zwar grundsätzlich zulässig, entscheidend sei aber, wie genau die verantwortliche Psychologin den Abschlussbericht tatsächlich geprüft habe.
UPK räumt Versäumnisse ein
Die UPK selbst weist darauf hin, bereits vor der Pensionierung der früheren leitenden Psychologin diesen Sommer eine Neuausrichtung eingeleitet und die Betreuung der Praktikanten intensiviert zu haben.
Fallbesprechungen würden künftig von der neuen psychologischen Co-Leitung geführt, bis Anfang 2027 sollen zudem neue Stellen für Fachpsychologen und Oberärztinnen entstehen. «Rückblickend hätten diese Schritte angesichts der stark gestiegenen Nachfrage unserer Meinung nach früher erfolgen können», räumt die Klinik ein.

Praktikanten übernehmen laut internen Quellen weiterhin diagnostische Aufgaben an der UPK. Fachleute berichten von ähnlichen Praktiken auch an anderen Kliniken, während sich die Universitätskliniken Zürich und Bern auf Anfrage davon distanzieren.
Landesweit verzeichnen Institutionen für ADHS-Abklärungen Rekordwartezeiten von bis zu einem Jahr. Für Pascal Rudin ist das Vorgehen der UPK letztlich Symptom eines überlasteten Systems: «Die Kliniken sind mit dem Ansturm schlicht überfordert.»








